Ein ungewöhnlicher Road-Roman über zwei Frauen, Verantwortung, Ohnmacht und die Frage: Sehen wir nur zu ¿ oder handeln wir
Zwei sehr unterschiedliche Frauen treffen zufällig aufeinander und reisen gemeinsam mit einem Viehtransporter Richtung Türkei. Beide stecken auf ihre Weise in einem Leben und in Systemen fest, die sie nicht einfach verlassen können. Aus dem ungewöhnlichen Roadtrip entwickelt sich zunehmend die Frage nach Verantwortung und Ohnmacht: Was können wir überhaupt tun, wenn wir Teil einer ¿Maschine¿ sind, die wir nicht geschaffen haben ¿ und deren Folgen wir trotzdem sehen?Mit "Wir Königinnen" hatte ich zunächst meine Mühe. Der Roman wird auf dem Klappentext überschwänglich gelobt, aber lange wusste ich nicht so recht, was ich damit anfangen sollte. Es gibt viele interessante Gedanken und Beobachtungen, doch kaum ist einer da, geht es schon weiter zum nächsten. Fast wie im Social-Media-Zeitalter: Vieles leuchtet kurz auf, aber der Text verweilt nicht lange dabei. Manchmal war mir das schlicht zu wenig und zu oberflächlich.Ab dem zweiten der drei Teile hat sich mein Eindruck langsam verändert. Die Beobachtungen wurden für mich genauer, die Gedanken interessanter, und besonders im letzten Teil beginnt vieles zusammenzuwirken: Arbeit, Grenzen, Bürokratie, Tierleid, Verantwortung und die Frage, wie viel ein einzelner Mensch in einem System überhaupt verändern kann. Dabei werden die Menschen nicht einfach als gefühllos gezeigt. Wenn Leid unmittelbar vor ihnen steht, wollen sie helfen ¿ und trotzdem läuft die große Maschine weiter. Manchmal handelt man vielleicht nicht, weil man glaubt, die Welt verändern zu können, sondern weil es unerträglich geworden ist, nichts zu tun.Auch sprachlich ist der Roman sehr gegenwärtig, fast hypermodern. Gespräche zwischen den beiden Frauen finden oft in einfachem Englisch statt, Handy-Übersetzungen werden samt ihrer schrägen Fehler direkt übernommen. Daneben gibt es sehr genaue, bildhafte Beobachtungen von Landschaften, Körpern und Situationen. Der Stil passt sich dem Geschehen an: mal schnell und fast stakkatoartig, dann wieder ruhig, genau und intensiv.Was mir besonders gefallen hat: Der Roman hätte leicht in bekannte Klischees über weiblichen Ausbruch und Befreiung kippen können. Das tut er nicht. Auch die Nähe zwischen den beiden Frauen wird nicht zur großen romantischen oder sexuellen Erlösungsgeschichte. Es geht um wesentlich mehr: Solidarität, Hilflosigkeit, Verantwortung und darum, ob man sich einer Welt, deren Teil man selbst ist, wenigstens für einen Moment widersetzen kann.Ich habe meine Meinung über dieses Buch beim Lesen mehrmals geändert. Nicht alles hat für mich funktioniert, und manches hätte ich mir vertiefter gewünscht. Aber nach der letzten Seite war das Buch für mich noch lange nicht fertig ¿ eigentlich fing mein Nachdenken darüber da erst richtig an.