Das Buch Ultramarin ist das Debüt von Ann-Christin Kumm. Es ist kein klassischer Sommerroman, auch wenn es im Urlaub spielt, sondern ein Roman in dem es um Herkunft, Queerness, Macht und Intimität geht. Und Lesende in eine Welt aus flirrender Hitze mit beklemmender emotionaler Tiefe zieht.
Im Zentrum der Geschichte steht Lou, der gemeinsam mit seinem langjährigen Freund Raf und der gemeinsamen Bekannten Nora einen Sommerurlaub in einem alten Ferienhaus an der dänischen Westküste verbringt. Was oberflächlich wie eine unbeschwerte Auszeit klingt, ist von Beginn an von einer unterschwelligen Spannung geprägt. Lou ist Raf einem charismatischen, aber manipulativen Mann - verfallen, der Lou in einer konstanten Dynamik aus Nähe und Distanz hält. Die Anwesenheit von Nora, die ebenfalls Gefühle für Lou hegt, bringt das ohnehin fragile Gleichgewicht zwischen den beiden Männern zum Wanken. Als Nora eines Nachmittags spurlos verschwindet, kippt die flirrende Sommerhitze endgültig in eine beklemmende Ungewissheit.
Ann-Christin Kumm schreibt unglaublich bildhaft. Ich konnte das Meer riechen und die Hitze auf der Haut spüren. Der Schreibstil ist präzise, fast schon bildhaft, und schafft eine Tiefe, die einen regelrecht in den Abgrund der Handlung zieht sowie meisterhaft zeigt, wie Manipulation funktioniert. Es geht vor allem auch um das Ungleichgewicht in Beziehungen. Die Art und Weise, wie Raf Lou kontrolliert oft ohne ein einziges Wort zu sagen (Stichwort: Silent Treatment) hat mich beim Lesen richtig wütend gemacht. Und das spiegelt sich in der Qualität der Charakterzeichnung wieder. Denn diese sind sehr gut gezeichnet. Auch wenn ich zu der einen oder anderen Figur nicht unbedingt Zugang gefunden habe.
Die Spannung baut sich langsam, aber fast unmerklich auf. Denn als Nora eines Nachmittags spurlos verschwindet, ändert sich die Stimmung des Buches drastisch und nimmt Thriller-Züge an.
Das Buch endet nicht mit einem klassischen "Happy End", sondern bleibt eher leicht wirr und offen, da die Autorin wohl weniger Wert auf eine lückenlose Plot-Auflösung legte, als vielmehr das emotionale und psychische Wrack zu zeigen, das nach diesem Sommer übrig ist. Und es bleibt ein Gefühl der Traurigkeit und Zerstörung zurück, bei der dass "Ultramarin" dieses tiefe, dunkle Blau des Meeres symbolisch für den Untergang oder das Ertrinken in dieser Beziehung steht.
Ultramarin ist kein Wohlfühlbuch. Es ist ein mutiges, modernes und sprachlich brillantes Debüt über die dunklen Seiten von Intimität, über Macht und das bittere Ende von Illusionen. Es ist nicht nur gut geschrieben, es ist auch grausam. Wer aber Lust auf eine intensive Auseinandersetzung mit toxischer Liebe und psychologischer Spannung hat, sollte hier definitiv zugreifen.