Das Wasser tief unter uns, ein dunkles Blau, ultramarin. Vielleicht war das schon zu viel gewesen für meine Nerven.
Es gibt sie, diese charismatischen Menschen, die dich festhalten, dich mit allen Sinnen verführen, die dich innehalten lassen und dich von ihnen abhängig machen. Ann-Christin Kumm hat sich in ihrem Debüt ihrer angenommen, sie erzählt von ihrem manipulativen Spiel, von dem man hinterher weiß. Es eigentlich schon vorher weiß, es aber nicht wahrhaben will.
Alles beginnt mit einer Leichtigkeit, zumindest fast. Lou und Raf und Nora sind unterwegs zu dem alten Ferienhaus in Dänemark, das Rafs Familie gehört. Eigentlich sollte Sophie dabei sein, seine Schwester. Sie aber ist verhindert, deshalb schickt sie Nora mit. Sie freuen sich über unbeschwerte Tage, die vor ihnen liegen. Lou ist derjenige, der dafür sorgt, dass sie nicht hungern müssen. Und auch ansonsten ist er es, der sich kümmert.
Aus Lous Sicht wird dieses Spiel um Macht und Begehren sichtbar. Sein Blick geht zwischendurch zurück auf gemeinsam Erlebtes, auch auf Jakob, mit dem ihn viel an Intimität verband, kommt darin vor. Und immer wieder ist es Raf, der sie alle mitzieht, der sein Spiel perfekt auf seine ureigene, sehr manipulative Weise beherrscht.
Ann-Christin Kumm präsentiert ihre absolut authentisch beschriebenen Akteure in dieser sommerlichen Atmosphäre. Sie leben in den Tag hinein, genießen ihr Dasein, alles flirrt. Sie probieren sich aus, testen Grenzen aus, gehen weit darüber hinweg. Dieses Spiel um Erotik, Macht und Begehren ist hoch toxisch, die Abgründe zwischenmenschlicher Beziehungen werden deutlich sichtbar, auch wenn man am liebsten die Augen davor verschließen möchte.
Die Autorin versteht es, ihre Leser direkt mit hineinzuziehen in dieses Machtgefüge. Zunächst war ich ob der Zeitsprünge etwas verwirrt, ihr ganz eigener Schreibstil war mit bald vertraut, sie hat mich in ihr meisterhaft konstruiertes Spiel hinein gesaugt und mich erst wieder losgelassen, als es vorbei war. Erst da wusste ich um die ganze Dramatik. Sie hat in mir eine Gefühlspalette entfacht, die nie ganz positiv war, die jedoch immer gehofft hat. Das Ende kommt abrupt, ist aber trotz der Düsternis in sich stimmig. Ultramarin ist ein Buch, das ich nicht missen möchte, das mich noch lange gedanklich beschäftigen wird.