Eine Frau findet ihren Weg, leise, aber bestimmt. Ein ungewöhnlicher feministischer Roman, ein feines Sittengemälde des 19. Jahrhunderts.
Es ist fast unglaublich, dass "The Rhine Journey", Anne Schlees 1981 erschienener Roman, erst seit 2025 in deutscher Übersetzung vorliegt. Schon nach wenigen Seiten hat mich diese bezaubernde Geschichte gefangen genommen - diese späte Entdeckung erweist sich als echtes Juwel. Schlee versteht es meisterhaft, ein literarisches Sittengemälde Mitte des 19. Jahrhunderts zu zaubern, präzise in den Details und dicht in der Atmosphäre. Der Roman spielt an wenigen heißen Sommertagen des Jahres 1851. Ein englischer Reverend unternimmt mit Frau, Tochter und Schwester Charlotte eine Reise den Rhein hinauf - ein kurzer, scheinbar unbeschwerter Ausflug, der sich allmählich zu einer Bestandsaufnahme gesellschaftlicher und persönlicher Verhältnisse verdichtet. Im Mittelpunkt steht Charlotte, ledig und durch eine Erbschaft unverhofft finanziell unabhängig, die sich zwischen den Erwartungen der Gesellschaft, den Ansprüchen anderer und ihrem eigenen, bislang ungehörten Selbst bewegt. Die Dialoge sind von einer eindrucksvollen Lebendigkeit, das psychologische Gespür der Autorin ist außergewöhnlich. Schlee lässt nicht nur sprechen, sie lässt erkennen: hinter höflicher Konversation schimmert Begehren, Unterdrückung, leise Rebellion. Politik bleibt anfangs bloß ein fernes Hintergrundrauschen, breitet sich aber gegen Ende subtil, doch spürbar aus - als würde die Autorin uns daran erinnern, dass kein persönliches Schicksal wirklich außerhalb der Zeit steht. Besonders eindrucksvoll fand ich, wie Schlee den weiblichen Erfahrungshorizont um 1850 einfängt. Ohne didaktische Schärfe, aber mit klarer Haltung entfaltet sie ein feministisches Bewusstsein avant la lettre: ein Roman über Freiheit, Konvention und die Schwierigkeit, als Frau überhaupt eine eigene Stimme zu finden. Charlottes Entwicklung hat mich beeindruckt; ich habe der Autorin jede Gefühlsregung, jede Unsicherheit, jede kleine Geste abgenommen. Der Satz "Sie war nahe daran zu weinen, sich aber auch sehr bewusst, von Fremden umgeben zu sein, und da sie keine festgelegte Rolle als Frau oder Kind einer der Hauptfiguren der Tragödie hatte, besaß sie nicht das Recht, ihren Gefühlen öffentlich Ausdruck zu geben" (S. 104) bündelt Schlees subtile Beobachtungsgabe. Lauren Groffs Nachwort liefert eine treffende Einordnung. Auch die äußere Gestaltung des schmalen Büchleins überzeugt - das geprägte Hardcover, das klare Satzbild, die sorgfältige Übersetzung. Ein literarisches Kleinod - zart, klug, eindringlich. Ich wünsche "Die Rheinreise" viele Leserinnen und Leser, die sich wie ich von Anne Schlees feinem Gespür für Zwischentöne, Atmosphäre und weibliche Selbstermächtigung verzaubern lassen. Rundum gelungen!