WENN NACHTS DIE KAMPFHUNDE SPAZIEREN GEHEN
Anna Brüggemann
ET: 31.10.2024
Ich habe das Gefühl, ich hab mein ganzes Leben darauf ausgerichtet, dass sie nicht ausflippt. Ich mache alles, damit sie lieb zu mir ist. (S. 295)
Die 50-jährige Regina hat zu allem eine Meinung und die ist selten freundlich. Sie wertet Menschen und Situationen ab, hört nicht zu, reißt jedes Thema an sich und steht dabei immer selbst im Mittelpunkt. Sie lechzt nach Aufmerksamkeit, lästert über Abwesende und betont bei jeder Gelegenheit, dass sie Akademikerin ist als sei das der alleinige Maßstab für Intelligenz. Selbstkritik kennt sie nicht und gesteht sich eigene Fehler nicht ein.
Am meisten leiden darunter ihre beiden Töchter:
Antonia, die Ältere, versucht sich an ihrer Mutter abzuarbeiten vergeblich. Nie ist sie gut genug: weder in der Schule noch im Sport und vor allem nicht schlank genug. Später bringt sie zum Unmut der Mutter ein Kind ohne Vater zur Welt.
Wanda hingegen verbiegt sich mit Erfolg. Sie ist gertenschlank, sportlich, Klassenbeste und immer in den richtigen Mann verliebt. Doch sie trägt diese Prägung wie eine Last durchs Leben.
Vater Edgar hat sich längst mit der Rolle als schweigendes Anhängsel abgefunden.
Die Geschichte beginnt 1995, und über fast 30 Jahre begleiten wir diese zerrüttete Familienkonstellation.
Ein Wohlfühlroman ist das nicht, aber intensiv, schonungslos und ehrlich.
Immer wieder wünschte ich mir, Antonia würde ihrer Mutter endlich die Meinung sagen. Doch in einer Zeit, in der es kaum Kinderbetreuung gab, war es für eine alleinerziehende Mutter mit schlecht bezahltem Job nahezu unmöglich, ohne Hilfe eines Elternteils ein Kind großzuziehen.
Ein kraftvoller, emotionaler Roman, der mich sehr bewegt hat und den ich euch sehr gerne empfehle.
4/5