Familiengeschichte/Coming of Age im 20. Jahrhundert, Argentinien und Kanada, Geschichte des Kinos, mit einer Portion Magie erzählt.
ZusammenfassungLita wächst in Buenos Aires unter ungewöhnlichen Umständen auf. Sie wird 1928 als uneheliches Kind in einem Kloster geboren. Ihre ersten Jahre verbringt sie mit den Nonnen des Klosters und wird eher von ihnen als ihrer Mutter Fabiola erzogen, da diese andere Interessen verfolgt. Als ihre Mutter versehentlich zum Symbol für einen Aufstand gegen die Korruption wird und Lita und sie in Gefahr geraten, müssen die beiden fliehen. Wir begleiten Lita durch ihre Kindheit und Jugend auf ihrem Weg durch die Mitte des 20. Jahrhunderts und auf dem Weg nach Norden, nach Kanada, wo sie in einem Seemannsheim auf einer winzigen Insel vor der Ostküste stranden und aufgenommen werden. Hier lernt Lita unter anderem ihre beste Freundin Oona kennen. Eine besondere Rolle spielt natürlich der Namensgeber des Buches Mr. Saito mit seinem reisenden Kino, der die Insel regelmäßig besucht und Filme vorführt. "Die Magie entsteht, wenn das Licht auf einen Menschen fällt." Der Roman handelt vom Leben der Leute auf der Insel, einem abgeschiedenen Mikrokosmos, der es dennoch nicht schafft, sich vor der Weltgeschichte zu verstecken. Es geht um Freundschaft, Liebe, Familie und Erwachsenwerden und natürlich um die Liebe zum Film und zum Kino. Daneben behandelt der Roman aber auch Themen wie Taubheit oder Fremdenfeindlichkeit. "Schönheit lag in den zerfurchten Gesichtern und in der täglichen Arbeit mit Fischernetzen und Schafsmist. Was für eine Vorstellung, einen kurzen Augenblick in einem so schwindelerregenden Licht stehen zu dürfen." BewertungIch bewundere Annette Bjergfeldt für ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität. Die Figuren, die sie erfindet, sind liebevoll und lustig gezeichnet. All ihre Schrullen und ihre Schrägheit sind zwar oft überdreht, aber gleichzeitig Zeugnis von erlebten Verletzungen oder Ängsten und offenbaren dadurch Tiefe, die sie wieder glaubwürdig macht. Man kann gar nicht anders, als die Figuren liebzugewinnen.Einige Elemente der Geschichte erinnern mich an den magischen Realismus. Glaubwürdiges und Unglaubwürdiges stehen hier direkt nebeneinander. Das gilt nicht nur für die Figuren, sondern auch die Handlung. Wie Lita auf Upper Puffin Island unverhofft eine Familie und ein Zuhause findet, ist zwar ungewöhnlich, aber trotzdem glaubhaft erzählt. "Manchmal hat der eigene Stammbaum so spärliche Zweige, dass man ihnen ein paar neue aufpfropfen muss." Der sprachliche Stil der Autorin hat mir ebenfalls sehr gefallen, klug, etwas poetisch und mit einem ganz zauberhaften Humor. Wie sie das Aufwachsen, die Pubertät und das Erwachsenwerden der Protagonist*innen beschreibt, ist einfach ganz toll gemacht. Als Lita und Oona ihre erste Periode bekommen, nennen sie das z.B. "Unruhen in der Kajüte". Ab und an gibt es für meinen Geschmack etwas zu schnulzige Sätze am Ende eines Kapitels, aber die gelungenen Sätze sind sowohl quantitativ als auch qualitativ überlegen. FazitIch habe wirklich jede Seite des Buches genossen und wollte gar nicht, dass es zu Ende geht. Ein zum Glück dickes Buch, perfekt für lange und dunkle Winterabende, an denen man sich mithilfe der Literatur in eine ganz andere Welt flüchten möchte. EmpfehlungWer Lust hat auf eine Coming-of-Age- und Familiengeschichte mit schrägen Figuren, die liebevoll und humorvoll erzählt wird, ist hier genau richtig.