"In der Zeitung hatten sie gelesen, dass viele Isländer mit alten Ladas zum Hafen fuhren, um sie den Russen zu verkaufen."Ein Paar mit einem kaputten Auto möchte seinen Wagen an russische Seemänner verkaufen, doch die lehnen ab. Eine kurze, schnell vergessene Episode, Wer kann schon ahnen, dass sich in diesem Ereignis der Schlüssel für gleich mehrere Morde finden lässt? Arnaldur Indridason beleuchtet im sechsten Band der Krimireihe um Kommissar Konrad Islands Geschichte im Kalten Krieg. Ein Mord aus den 80ern, das Verschwinden eines Einwanderers und das Auffinden einer Leiche in der Gegenwart spielen darin eine tragende Rolle. Und es geht um geheime Informationen, junge isländische Kommunisten und die US-Armee auf der Insel im Atlantik. Neben diesem Spionage-Fall versucht Konrad, einen alten Fall rund um einen pädophilen Arzt weiter aufzuklären. Der Roman bietet also einigen kriminellen Stoff. Leider konnte mich die Geschichte trotz der Fülle an Hinweisen, Indizien und Gerüchten nicht packen. Möglicherweise liegt es daran, dass ich die ersten (preisgekrönten) fünf Bände der Reihe nicht kenne. Denn für mich war die Lektüre vor allem sehr kompliziert. Es tauchen viele ähnliche Namen auf, die man erst einmal auseinanderhalten muss. Und auch davon abgesehen ist das Figurenensemble Indirdasons nicht gerade klein. Der Autor fordert seine Leser außerdem mit einer Reihe von Zeitsprüngen, die also solche aber nicht kenntlich gemacht sind. Hinzu kommen mehrere Erzählstränge, die sich erst nach und nach (und auch nicht in Gänze) zu einer Erzählung verdichten. Indridason mutet seinen Lesern also einiges zu. Solche literarischen Herausforderungen können interessant sein - schließlich ist es zu begrüßen, wenn auch Krimiautoren ihren Lesern etwas zutrauen. Allerdings muss es meiner Meinung nach dann auch sprachlich passen. Die Handlung wird größtenteils als distanzierter Erzählerbericht präsentiert. Da kommt leider nur wenig Mitgefühl und Spannung auf. Zusammen mit dem durchaus komplexen politischen Thema wird der Roman stellenweise wirklich anstrengend zu lesen. Man sollte dem Autor allerdings zugute halten, dass die historischen Details genau recherchiert sind. Nach dem Lesen hat man einen guten Eindruck davon, wie die isländische Bevölkerung im Kalten Krieg mit den Beeinflussungsversuchen aus Ost und West gehadert hat. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen weltpolitischen Entwicklungen ist das der eigentlich spannende Teil an diesem Krimi.