Prag kann ja vieles sein: romantisch, düster, touristisch überlaufen. Dieses Buch zeigt eine andere Stadt. Eine, die nach Aktenstaub, Machtspielen und stiller Rebellion riecht. Schon nach den ersten Seiten entsteht dieses Gefühl, als würde man über die Karlsbrücke gehen und unter jedem Pflasterstein ein Urteil, ein Aufstand oder ein menschliches Schicksal vermuten.
Barbara Sternthal schreibt keinen Reiseführer im klassischen Sinn. Keine Restauranttipps, keine Hotelsterne. Stattdessen Geschichten über Recht, Unrecht und alles dazwischen. Kaiser, Könige, Rebellen, Kriminelle sie alle bekommen Raum, ohne dass es trocken oder belehrend wird. Genau das macht den Reiz aus: Wissen, das sich anfühlt wie Erzählen bei einem langen Spaziergang durch die Kleinseite.
Besonders stark ist der Ton. Klug, zugänglich, mit Sinn für Dramaturgie. Juristische Zusammenhänge werden verständlich erklärt, ohne den Leser zu unterschätzen. Immer wieder dieser Moment: kurz innehalten, hochschauen, denken Verdammt, so habe ich Prag noch nie gesehen. Und dann ist da natürlich Kafka nicht als Denkmal, sondern als Mensch zwischen Akten, Ängsten und Sprache.
Dieses Buch funktioniert auf zwei Ebenen. Zuhause auf dem Sofa als gedankliche Reise durch Jahrhunderte. Und in Prag selbst als stiller Begleiter, der Mauern zum Sprechen bringt. Kleine Schwäche: Manchmal wünscht man sich noch eine Spur mehr Tiefe an einzelnen Stationen. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau.
Am Ende bleibt das Gefühl, Prag nicht nur besucht, sondern verstanden zu haben. Zumindest ein Stück mehr als vorher. Und genau dafür liest man solche Bücher.