Ich mochte Bianca Nawraths Roman Schöne Scham sehr, daher war ich neugierig auf ihr Sachbuch Poppkultur: Wie wir aufhören, Sexfantasie zu sein, und anfangen, Sexfantasien zu haben.
Was sagen unsere Fantasien über uns aus?
Ist das normal?
Weshalb fällt es (in unserer Gesellschaft) so schwer, offen über Fantasien zu sprechen?
Die Autorin beginnt mit ihren eigenen Erfahrungen als junge Frau; blickt auch (selbst)kritisch auf frühere Filmrollen zurück (mir war vorher gar nicht bewusst, dass sie auch Schauspielerin ist).
Danach begibt Bianca Nawrath sich auf eine breitgefächerte Spurensuche durch unsere Sexfantasien und deckt die popkulturellen Prägungen dahinter auf. Ob Filme, Bücher, Pornos oder Musik: Sie zeigt auf, wer das Drehbuch für unser Begehren schreibt. Mit aktuellen Trends wie Dark Romance und FanFiction setzt sie sich kritisch auseinander.
Interessant sind auch die Abschnitte über gesellschaftliche Barrieren und Machtstrukturen, Scham, Tabus und den Male Gaze. Sehr gut fand ich, dass auch die Fantasien und Anliegen von Menschen mit Behinderungen thematisiert wurden.
Nach Ansicht der Autorin ist Fantasie Macht: Wenn wir verstehen, warum wir bestimmte Dinge begehren und wie diese durch gesellschaftliche Machtverhältnisse geprägt wurden, kann die eigene Fantasie zu einem Werkzeug der Selbstfindung und Emanzipation werden.
(Sex)Fantasien können helfen, den eigenen Körper ohne Bewertung wahrzunehmen.
(Sex)Fantasien machen es möglich, Beziehungen ohne Leistungsdruck zu denken.
(Sex)Fantasien schaffen Abstand zu bestehenden Erwartungen und erlauben, neue Formen von Nähe gedanklich durchzuspielen.
Leider habe ich oft das Gefühl, dass unserer Gesellschaft etwas Grundlegendes fehlt: Urvertrauen. Das Vertrauen darauf, liebenswert zu sein, ohne sich ständig beweisen zu müssen.
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Wir haben es in der Hand, ein Mensch zu sein, der auf die Körper von anderen Menschen sowie auf den eigenen Körper achtgibt, anstatt Leistung abzuverlangen, um geliebt zu werden. Und wir haben auch in der Hand, eine POPPKULTUR zu konsumieren und mitzugestalten, die genau diese Haltung vorlebt.
Insgesamt setzt sich das Buch aus persönlichen Erfahrungen und Meinungen, verschiedenen Interviews, Reflexionen und konkrete Impulsen zusasmmen. Damit bietet PoppKultur durchaus interessante Fakten und Denkanstöße, ist für mich insgesamt aber eher ein persönlicher Essay als ein feministisches Sachbuch.
Dieses Buch ist kein Aufklärungsratgeber oder feministisches Manifest. Es ist eher ein gemeinsamer Besuch im Kopfkino, ein offenes Tagebuch, ein Baukasten für die Arbeit mit der eigenen Fantasie. Es ist eine Einladung an euch (und an mich selbst), auf keinen Fall die Sofakante der Fantasie glatt zu ziehen, damit bloß niemand mitbekommt, was wir wollen.
Auch wenn es mich nicht restlos überzeugen konnte, ist es dennoch lesenswert. Ich vergebe 3 von 5 Sternen und empfehle es allen, die sich für das Thema interessieren.
Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!