
Der deutsche Mittelstand und die Schuld: eine Familiengeschichte
Ein Selfmademan aus der Provinz hat im «Dritten Reich» große Pläne. Eine Zementwarenfabrik, ein Weingut sind im Besitz der Familie. Schon bald beteiligt sich das Familienunternehmen am Bau des Westwalls und errichtet auf dem Firmengelände ein Lager für Zwangsarbeiter, während das Weingut die Wachmannschaften des KZ Sachsenhausen mit rheinhessischem Wein beliefert: Geschäfte, die nur möglich sind durch enge persönliche Verbindungen und Seilschaften, vor Ort und bis in die NS-Führungsriege. In diesem System werden die fünf Kinder des Patriarchen auf ihre je eigene Art zu Tätern und zu Opfern.
Christina Strunck ist die Urenkelin des Firmengründers. Sie geht einem wachsenden Unbehagen nach, sucht in den Archiven nach Belegen für das lang Verdrängte - und wird fündig. Dabei zeigt sich: In jener 2500-Seelen-Ortschaft in Rheinhessen bündeln sich die Konflikte der Zeit wie unter einem Brennglas. So erzählt Christina Strunck nicht nur die Geschichte ihrer Familie, sondern auch die Mikrogeschichte einer Gemeinde. Zugleich leuchtet sie mit ihrer Fallstudie ein noch immer unterbelichtetes Thema aus: die Rolle des deutschen Mittelstands im «Dritten Reich».
«So mutig wie herzergreifend. So erschreckend wie wahr. Christina Struncks Spurensuche führt schonungslos in die Abgründe der Nazi-Herrschaft, am Beispiel der eigenen Familie, eines kleinen Ortes, einer ganzen Gesellschaft. Ein brandaktuelles Buch, leider.» Dorothee Röhrig
Besprechung vom 05.03.2026
Wenn wieder ein Befehl des Führers auszuführen ist
Ein Beispiel engagierter Volksgenossen, die auf ihren Vorteil hofften: Christina Strunck erkundet die Geschichte ihrer Familie im NS-Staat
Ein Supermarkt steht inzwischen dort und ein Beratungscenter der Sparkasse. Die alten Fabrikhallen sind verschwunden, und wo einmal das Geschäftshaus der Strunckwerke stand, kann man inzwischen sein Auto abstellen. Ein bedeutendes Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte wird man das 1906 als Baustoff- und Kohlenhandel gegründete Unternehmen im rheinhessischen Sprendlingen wohl nicht nennen können.
Dass sich die Urenkelin des Firmengründers, die Erlanger Kunsthistorikerin Christina Strunck, dennoch auf die Spurensuche der eigenen Familiengeschichten gemacht hat, mag da im ersten Moment etwas verwundern. Aber es ist auch keine klassische Unternehmensgeschichte, um die es hier geht. Im Zentrum steht auch nicht so sehr das unternehmerische Geschick des wenig sympathischen Betriebspatriarchen Johann Strunck. Und schon gar nicht geht es hier um eine neue empirisch gesättigte Darstellung des "deutschen Mittelstandes" während des Nationalsozialismus.
Das Buch ist vielmehr eine - zunächst eher ungeplante - Reise in die eigene Familiengeschichte, die sich Stück für Stück zu einer autobiographischen Selbstbefragung entwickelt, zu einer Auseinandersetzung mit Eltern und Großeltern, überlieferten Lebensgeschichten und Lebenslügen, Kindheitszeugnissen und innerfamiliären Verwerfungen - und dabei nach der Rolle der unterschiedlichen Familienmitglieder, nach Schuld und Verantwortung in der NS-Zeit fragt. Bücher dieser Art hat es in den vergangenen Jahren einige gegeben, und doch sind es vor allem die besondere Komposition und die Mischung der verschiedenen Genres, die das Buch zu einer anregenden Lektüre machen.
Seite für Seite lässt die Autorin ihre Leser dabei an ihrem eigenen Aufarbeitungs- und Erkenntnisprozess teilhaben: Ihre Erinnerung an Familienangehörige mit Totenkopfabzeichen auf den Porträtaufnahmen im Familienalbum, an Erzählungen über Zwangsarbeiter im Betrieb des Urgroßvaters, an Kooperationen mit der SS - und an Verwandte wie Erika, die nach Kriegsende in eine Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen wurde und deren Schicksal eine Art offenes Geheimnis blieb. Johann Strunck war noch 1933 in die NSDAP eingetreten, ein Unternehmer mit vielfältigen Aktivitäten, dessen Firmen nicht nur Zement, sondern auch Fußbodenbeläge und Geldschränke herstellten und mit Wein handelten - und dabei auch die Wachmannschaften des KZs Sachsenhausen belieferten. Die Firma hatte während des Ersten Weltkrieges noch bis zu 180 Personen beschäftigt, 1934 waren es indes nur mehr 18. Der Firmeninhaber nutzte die Möglichkeiten, die ihm das neue Regime bot - und stolz entwarf er bereits im Januar 1934 das Bild eines getreuen Fabrikanten, dessen Kinder sich pflichtbewusst in Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel engagierten. Es ist eine Familiengeschichte, von der es viele während der NS-Zeit gab - engagierte und pflichtbewusste "Volksgenossinnen und Volksgenossen", die wie in diesem Fall darauf hofften, aus den neuen politischen Verbindungen ökonomisches Kapitel zu schlagen. Christina Strunck geht den vielen Spuren nach, sie bekommt Hilfe von engagierten Familienmitgliedern, von lokalen Historikern und Geschichtsinitiativen, deren Wissen und Recherchen oftmals noch aus einer Zeit stammt, als die Aufarbeitung vor Ort deutlich stärker von heftigen Konflikten und durch die Schwärzung von Akten begleitet war. So finden sich auf diese Weise auch sehr unterschiedliche Zeitschichten der Erforschung des Nationalsozialismus in ihrer Darstellung wieder. Ihre Untersuchung wird angetrieben durch eine veränderte generationelle Neugierde und die damit immer noch unbequeme Entdeckung, dass diese Geschichte des Nationalsozialismus eben nicht eine der "anderen", sondern die "eigene" und eben keineswegs abgeschlossen ist.
Man spürt, wie beunruhigend die Quellenfunde der Autorin bei der Recherche waren, wie körperlich anstrengend die Auseinandersetzungen mit der familiären Geschichte. In den Unterlagen fanden sich beispielsweise auch die Dokumente, die zur Vorbereitung der Spruchkammerverfahren dienten. Im Fall von Johann Strunck war offenkundig auch noch einmal ein Anwalt die Korrespondenz durchgegangen und hatte mit grünem Stift solche Passagen in einem Brief an den Sohn Willi markiert, die ihm problematisch erschienen. "Arthurchen und Heppchen", die beiden Brüder Arthur und Herbert, "schreiben auch noch munter und fidel, sie hätten sich jetzt so an das Eisen, den Pulvergeruch und Massenmorden gewöhnt, dass sie es als einen Beruf bald ansehen würden, die Russen hätten nichts zu lachen, wenn wieder Befehl des Führers auszuführen sei, rastlos vorwärts, die Russen müssten dann laufen lernen, oder um, nichts könnte sie aufhalten". Dreimal dick unterstrichen: das Wort "oder um" - im Dialekt eine andere Formulierung dafür, wie Christina Strunck schreibt, "dass die Russen umgelegt beziehungsweise getötet werden".
Natürlich hätte man sich an solchen wichtigen Passagen vorstellen können, dass die Autorin noch einmal länger innehält und diese bemerkenswerte Quelle deutlicher verortet und auf die lange Diskussion über den Massenmord des "Vernichtungskrieges" als offenes Geheimnis verweist. Aber damit würde man wohl der eigentlichen Dramaturgie des Buches nicht gerecht, das von assoziativen Sprüngen, den persönlichen Beobachtungen, der Verbindung aus Darstellung und autobiographischer Berührung lebt. Die interpretatorische Kraft der Autorin ist zumeist dort besonders ausgeprägt, wo die Kunsthistorikerin sich mit den bildlichen Quellen, beispielsweise auch den vielen Fotos aus den Familienalben, beschäftigt, auch solchen, die auf die unmittelbare Beteiligung an und das Wissen über die Gewalt und die Demütigung der Politik der "verbrannten Erde" verweisen. Eines der Familienmitglieder, der Ehemann von Käthi Strunck, war Kurt Tesch, SS-Mitglied seit April 1933, der bis 1943 zum "Obersturmführer" aufstieg und sich nach 1945 für seinen Mord an einem abgeschossenen amerikanischen Piloten, Eugene Kalinowsky, vor Gericht verantworten musste - ein Fall, der in der jungen Nachkriegsdemokratie für erhebliches Aufsehen sorgte. Das Urteil "Beihilfe zum Totschlag", verbunden mit einer einjährigen Gefängnisstrafe, auf die aber die Untersuchungshaft angerechnet wurde, ließ Tesch als freien Mann den Gerichtssaal verlassen.
Das Buch konzentriert sich auf die Zeit bis in die frühen Fünfzigerjahre, die Zeit des "Wirtschaftswunders", die ganz offenkundig für das Unternehmen mit den daran beteiligten, zerstrittenen Familienmitgliedern alles andere als rosige Zeiten waren. In den familiären Überlieferungen blieb der Krieg präsent, mal lauter, mal leiser, die Erinnerungen an die Zwangsarbeiter ebenso wie an die offenkundig sehr unterschiedlichen Kriegserfahrungen der Söhne und ihrer Ehefrauen. Die Lektüre braucht etwas Geduld, weil die eine oder andere familiäre Wendung etwas lang geraten ist und man nicht immer allen darstellerischen Sprüngen folgen kann. Der Stammbaum der Familie, der sich am Ende des Buches findet, hätte insofern einen Platz weiter vorne verdient. Aber die Art der Selbstbefragung nötigt doch Respekt ab und macht einmal mehr deutlich, wie prägend Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus nach wie vor sind. Mag man in die alten Fabrikhallen von damals auch nicht mehr sehen: Verschwunden ist dieser Ort deshalb noch lange nicht. DIETMAR SÜSS
Christina Strunck: "Die Aufsteiger". Deutscher Mittelstand unter Hitler - eine Familiengeschichte.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
432 S., Abb., geb.
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