Dieser Roman las sich für mich wie Filmklassiker.Es ist ein Charakterportrait zweier Menschen, verbunden von einer Liebe vor einem Stück Zeitgeschichte und der Zeitspanne von 38 Jahren.Milly, ein 18-jähriges Mädchen, das Irland verlässt und beginnt in London in einem Pub zu arbeiten und Pip, ebenfalls aus Irland stammend, der im benachbarten Boxclub an seiner Sportlerkarriere feilt und nach dem Training den Tag im Pub ausklingen lässt. Zwei Charaktere, die sich treffen, mit der Zeit mehr kennen und lieben lernen, denen die Umstände aber nicht wohlgesinnt waren und die nie richtig zueinandergefunden haben. Diese Liebesgeschichte bietet zwar den Aufhänger, dennoch ist es kein Liebesroman, sondern es geht um die Lebensgeschichte dieser beiden Charaktere.Christine Dwyler Hickey hat eine sehr interessante Erzählweise gewählt.Die Kapitel aus Millys Sicht starten im Jahre 1979 und bewegen sich dann immer in Jahressprüngen vorwärts. Pips Kapitel finden alle im Jahr 2017 statt, nachdem er mit 60 Jahren aus der Entzugsklinik entlassen wird und eine letzte Chance bekommen hat, sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Milly begleiten wir chronologisch durch die Jahre hinweg, Pip begleiten wir bei seiner "Chance", die eben auch beinhaltet, über sein Leben und Handeln nachzudenken und dadurch auch voll von Erinnerungen ist, an denen er uns als Lesende teilhaben lässt. Beide Perspektiven verbinden sich nahtlos und fügen sich sanft ineinander, dass man dem Leben der beiden trotz der Zeitsprünge nachvollziehbar folgen kann.Dies ist kein plotgetriebener Roman, sondern es geht ausschließlich um die Charaktere, ihre Gefühlswelt, ihre Erlebnisse, das Zwischenmenschliche und ihre Wege, die sich immer wieder mal kurz kreuzen, nur um sich dann wieder schmerzvoll und abrupt zu trennen. Für mich war es daher ein entspannter Read, sich in ihren Lebensgeschichten zu verlieren, die Handlung plätschert vor sich, dennoch war ich gespannt, ob die beiden am Ende nicht doch noch zueinander finden werden. Auch die politischen Hintergründe in dieser Zeit spielen hin und wieder eine Rolle, und was die terroristischen Aktivitäten der RAF für Auswirkungen für die irisch abstammenden in England lebenden Menschen gehabt haben. Die Perspektiven von Pip mochte ich etwas lieber und kam ihm emotional näher als Milly. Für Milly habe ich zwar Mitgefühl entwickelt, dennoch kam ich mit ihrer Art und ihren Entscheidungen manchmal nicht so klar. Und auch wenn Pip kein einfacher Charakter war, so schätzte ich ihn sehr für seine Bemühungen im Jahr 2017 für seine Taten geradezustehen, die Scherben aufzukehren und das, was übrig ist, wieder zusammenzuflicken, sich auszusöhnen und neue Wege zu gehen. Wer gerne solche charaktergetriebenen ruhigen Romane vor einem Stück Zeitgeschichte liest, sollte hier auf jeden Fall mal reinschauen.