
Warum verschwanden in der DDR so viele Verlage?
Zum Ende der DDR gab es nur noch 78 zentral zugelassene Verlage, obwohl von der Sowjetischen Militäradministration nach 1945 mehr als 200 eine Genehmigung erhalten hatten. Der Verlagshistoriker Christoph Links hat die Geschichte von 150 verschwundenen Verlagen recherchiert und geht in seinem Buch der Frage nach, warum und wie sie verschwanden. Wurden sie vom Staat aus politischen Gründen enteignet, steuerrechtlich zum Aufgeben gezwungen, sind sie in den Westen abgewandert, haben sie aus eigenem Antrieb aufgegeben oder wurden sie gegen ihren Willen fusioniert? Dahinter steht die grundsätzliche Frage, mit welchen Mitteln und Methoden die SED-Führung im Bereich der Kulturwirtschaft agierte, wie sie geistige und wirtschaftliche Konkurrenz aus dem Wege räumte, um für die bevorzugten Firmen finanziell ertragreiche Monopolstellungen zu schaffen.
Besprechung vom 13.03.2026
Monopole auf sozialistische Art
Spezialisierung zwecks Steuerung: Christoph Links bilanziert den Verlagsschwund in der DDR
Über Jahrhunderte hinweg hat jeder Verlag Bücher aus mehr oder weniger allen Themenfeldern veröffentlicht, von der Theologie bis zur Medizin, vom Schulbuch bis zum Roman. Erst spät bildete sich jene Spezialisierung heraus - hier Kinderbuchverlag, dort juristischer Fachverlag -, die heute selbstverständlich ist. Auf die Spitze getrieben wurde dieser Prozess in der DDR. Erklärtes Ziel der auf allumfassende Steuerung und Kontrolle ausgerichteten Wirtschafts- und Kulturpolitik der SED war es, dass es für jedes Themengebiet möglichst nur noch einen einzigen Verlag geben sollte. Zum Schluss war tatsächlich die gesamte Buchproduktion in den Händen von lediglich 78 Verlagen konzentriert.
Was mit diesen 78 Verlagen nach 1989 geschah, hat der Berliner Verleger und Buchhistoriker Christoph Links vor einigen Jahren in seinem Buch "Das Schicksal der DDR-Verlage. Die Privatisierung und ihre Konsequenzen" untersucht. Nun geht Links auch der Frage nach, wie sich der Konzentrationsprozess bis 1989 vollzogen hat, was also aus all jenen Verlagen geworden ist, die nach 1945 auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone beziehungsweise der DDR gearbeitet haben, aber am Ende der DDR-Zeit nicht mehr existierten.
Insgesamt sind laut Links etwa 230 Verlage in der DDR tätig gewesen, von denen etwa 150 - also nicht weniger als zwei Drittel - vor 1989 verschwanden, sei es durch selbständige Schließung oder als wirtschaftlich motivierte Abwanderung in den Westen, sei es aufgrund eines politisch verordneten Lizenzentzugs, durch Liquidierung oder infolge einer Zwangsfusion. Den größten Einschnitt bildete die Zeit der Sowjetischen Militäradministration (SMAD). Von den etwa tausend auf dem Gebiet der späteren DDR tätigen Verlagen, die es vor 1945 gegeben hatte, erhielten nur knapp zweihundert von der SMAD eine Erlaubnis zur Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit, und von diesen ging etwa ein Viertel bis 1949 in den Westen. Einschließlich der nach 1945 neu gegründeten Verlage zählte man 1951 schon nur noch 151 Unternehmen. Im Zuge der Neuvergabe aller Verlagslizenzen wurde der Anteil der Privatverlage 1952 schlagartig von 91 auf 23 reduziert, sodass die Gesamtzahl der zentral genehmigten aktiven Verlage im Jahr 1953 nur noch 76 betrug. Dabei blieb es, von geringfügigen Verschiebungen abgesehen, bis zum Ende der DDR-Zeit.
Die Konzentrationsbewegung ermöglichte nicht nur eine umfassende ideologische Kontrolle der Buchproduktion, sondern führte auch dazu, dass die Verlage auf dem Markt konkurrenzfrei allein agierten und entsprechende Monopolgewinne einfahren konnten: "Bis auf wenige Bildungs- und Wissenschaftsverlage waren alle Betriebe bald höchst profitabel und erzielten teilweise Nettoumsatzrenditen von 20 bis 30 Prozent", resümiert Christoph Links das Resultat der Entwicklung und widerspricht damit einmal mehr dem bis heute verbreiteten Glauben, die Buchproduktion der DDR sei staatlich subventioniert gewesen. Ganz im Gegenteil war die Verlagswirtschaft der DDR hochprofitabel, was den Lesern wenigstens teilweise in Gestalt äußerst niedriger Verkaufspreise zugutekam - der größte Teil der Gewinne freilich, den die Verlage nahezu vollständig an den Staat abführen mussten, diente dazu, die immer größer werdenden Löcher im Staatshaushalt zu stopfen.
Auf der Basis umfassender Archivrecherchen gelingt es Links, das Schicksal der 150 "verschwundenen" Verlage - von Abel & Müller bis Zentralhaus-Publikation - minutiös zu rekonstruieren. Er erweckt nicht nur die Geschichte weitgehend vergessener Unternehmen zum Leben, sondern schafft immer wieder auch berührende Miniaturen persönlicher Schicksale von Verlegern (und wenigen Verlegerinnen), die sich den Widrigkeiten der politischen Verhältnisse entgegenzustellen versuchten. Sichtbar werden dabei auch manche Verlage, deren Buchproduktion eine detaillierte Untersuchung verdienen würde - die verlässliche Grundlage für weiterführende Studien hat Christoph Links nun gelegt.
Zusammen mit seinem erwähnten Buch von 2009 hat Christoph Links ein umfassendes Kompendium der ostdeutschen Verlagslandschaft in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts geschaffen. Seine Forschungen bilden einen fulminanten Beitrag zur deutschen Kultur- wie Wirtschaftsgeschichte gleichermaßen. Man wünscht sich, dass dieses Modell auch anderswo Schule machte, nicht zuletzt für die - mit etwa zweitausend Verlagen (im Jahr 1989) weitaus größere und komplexere - Verlagslandschaft der alten Bundesrepublik. MARK LEHMSTEDT
Christoph Links: "Verschwundene Verlage". Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte.
Ch. Links Verlag, Berlin 2026. 488 S., Abb., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.Es wurden noch keine Bewertungen abgegeben. Schreiben Sie die erste Bewertung zu "Verschwundene Verlage" und helfen Sie damit anderen bei der Kaufentscheidung.