Auf der Suche nach der tatsächlichen Erinnerung.
Was ist eure früheste Erinnerung? Und was davon hat auch wirklich so stattgefunden? Wir können unserem Hirn nicht immer trauen. Durch Fotos und Filme, Gefühle, aber auch Wünsche verändert sich manchmal die Wahrheit in eine schönere Version.Colombe ist als Kind einer distanzierten, vielleicht sogar gefühllose Mutter, in den Ferien oft in ein großes Chalet mit dunkelgrün gestrichenen Fensterläden geschickt worden. Hier sollen Kinder eine gute Zeit verbringen, oft nur für die Ferien manche auch einen großen Teil ihrer Kindheit. Die Eltern sind meist wohlhabend, und voller Gründe, warum sie sich um ihren Nachwuchs nicht kümmern können oder wollen. In der französischen Schweiz übernehmen Karl und Anne Marie Ammann die Verantwortung für circa 20 Kinder, inklusive ihrer eigenen Vava und Patou. Letzterer weiß schon lange, dass sich Colombe als schreibende Person auf ihre Erinnerungen ans "Home" stürzen wird. Er erkennt die Verlockung. Doch Colombe merkte nach und nach, dass sie das zweite zu Hause vielleicht doch etwas anders abgespeichert hat, als es wirklich war. Durch Gespräche, Briefe und Erinnerungen stellt sie einen Rückblick zusammen, der in der Folge nicht jedes Rätsel löst. Karl und Anne Marie sind mittlerweile verstorben, aber man kann sich auch nicht sicher sein, dass sie ehrliche Auskünfte gegeben. Sie waren in erster Linie stolz auf ihre Arbeit, gaben der Presse bereitwillig Interviews und verzweifelten später im stillen an der Entwicklung ihrer leiblichen Kinder.Die Autorin hat mit diesem autofiktionalen Werk eine bedächtige Lektüre geschaffen, die sich immer wieder kleine Episoden aus der Vergangenheit vornimmt und enger beleuchtet. Die Wege, die die Kinder gegangen sind, insbesondere Patou und Vava lassen nur ahnen, dass das Ehepaar Ammann anderen Kindern Wissen und Emotionen vermitteln konnte, an den eigenen aber scheitertenEs kommen Wahrheiten zu Tage, die schmerzhaft sind. Schneck versucht erfolglos die Distanz zu wahren, man merkt ihrem Stil deutlich an, dass sie (mit)leidet. An mancher Stelle hatte ich den Eindruck, dass sie im übertragenen Sinne so manchem Erzählenden die Hand hält. Von ihr wird aber auch erwartet, in die Geschichte intensiv reinzugehen, ihr eigenes ICH offen zu legen. Um das zu entdecken, muss man ab und an auch zwischen den Zeilen lesen. Ich habe das nicht durchgängig spüren können.Dieses Buch offenbart Verschwiegenes und Gefühltes. Kinder können das meist nicht in Wort fassen konnten - doch mittlerweile sind sie erwachsen und haben die Worte, die ihnen damals fehlten. In der direkten Kommunikation mit Beteiligten geraten die Dinge in Bewegung, verschieben sich, leider nicht immer zum Positiven. Die vielen Zeitsprünge, die manchmal auch mitten im Satz passieren, machte mir den Text nicht leicht zugänglich. Doch wenn man sich einmal darauf eingelassen hat, dann wird es intensiv. Man lauscht dem Monolog und hängt gleichzeitig seinen eigenen Überlegungen nach.Ich empfehle den Text allen, die auf der Suche nach der Wahrheit und in der Auseinandersetzung mit sich selbst Inspiration wünschen.