Als Naturwissenschaftlerin hat die Ausgangslage dieses Buch sofort mein Interesse geweckt: Die historische Bad-Nauheim-Debatte zwischen Albert Einstein und Philipp Lenard vom 23. September 1920 im Rahmen der Versammlung der Deutschen Naturforscher bietet die Grundlage für eine fiktive Geschichte, erzählt aus der Sicht des Chefs des Rastenden Kranichs, eines bereits in die Jahre gekommenen Hotels, in dem neben den beiden Kontrahenten noch weitere Wissenschaftler untergekommen sind. Der Rastende Kranich kann mit den modernen Hotels am Ort technisch nicht mithalten und sieht sich vor allem der Ruhe und dem Stil der alten Zeit verpflichtet, so dass Direktor Kleeberger mit sinkenden Buchungszahlen zu kämpfen hat. Da er sich dadurch Reklame für sein Haus verspricht, nimmt er sich vor, zwischen Einstein und Lenard zu vermitteln und diese dazu zu bringen, ihren seit längerem öffentlich ausgetragenen Streit beizulegen. Eher zweifelhafte Hilfe bekommt er hierbei vom langjährigen Stammgast Madame Hunderbrock, die ebenso exzentrisch wie scharfzüngig ist und für herrliche Momente sorgt.
Den Bemühungen Kleebergs zu folgen, hat mir beim Lesen großen Spaß gemacht: Kleeberger klammert sich an den alten Zeiten, in denen sein Hotel zu den ersten am Platz gehörte, fest, und übersieht die Zeichen des Niedergangs. Er verschließt die Augen vor der Beschwerden der Gäste über Küche und Zimmer, die er als Schrullen abtut. Das wirkt gleichzeitig rührend, traurig und unfreiwillig komisch. Geradezu Slapstick-Charakter haben die denkwürdigen Szenen im Badehaus 3, die ich mir ganz wunderbar bildlich vorstellen konnte. Wenn Kleeberger sich als Laie herausnimmt, mit den Nobelpreisträgern Einstein und Lenard über Physik zu debattierten, ertappte ich mich teilweise dabei, etwas Fremdscham für ihn zu empfinden. Aber möglicherweise war damals Physik noch etwas, was als allgemein greifbar und verständlich empfunden wurde. Heute würde sich wohl kein Laie mehr anmaßen, mit einem Nobelpreisträger in Physik fachlich diskutieren zu können.
Während der Dispute zwischen Lenard und Einstein wird klar, wie sehr in der wissenschaftlichen Grundsatzdiskussion zwischen klassischer Physik und Relativitätstheorie auch politische und rassenideologische Aspekte eine Rolle spielen. Die Wissenschaftswelt ist gespalten, ergreift Partei für die eine oder andere Seite. Philipp Lenard, Johannes Stark und ihre Anhänger treten vehement für eine Deutsche Physik ein und wehrten sich entschieden gegen jüdische Einflüsse. Kleeberger gerät zwischen die Fronten und in ihm reift eine wichtige Erkenntnis, die auch ein Appell an jeden Einzelnen verstanden werden kann. Damit ist Einstein im Bade nicht nur ein sehr gelungener Roman, der mit feinem Humor Historisches und Fiktion vermischt, sondern besitzt auch eine sehr ernste, nachdenkliche Komponente, die leider aktueller denn je ist.
Ganz klare Leseempfehlung!