Trotz der thematischen Schwere wird ¿Walküre¿ nie schwerfällig.
Weltweit überschreiten Menschen Grenzen, etwa im Krieg oder auf der Flucht davor. Das Leben des Juristen Benjamin Weiß ist von solchen Grenzüberschreitungen durchzogen, arbeitet er doch in einer Beratungsstelle für Geflüchtete und trägt zugleich eine belastete familiäre Kriegsvergangenheit mit sich. Täglich stemmt er sich gegen die allerorts gegenwärtigen Grenzen und deren Auswirkungen auf menschliche Schicksale, ja, er scheint Grenzen so sehr abzulehnen, er schafft es nicht, eigene für sich zum emotionalen Selbstschutz einzuziehen. Dass er alles an sich ranlässt, gerät nicht zu seinem Besten. Geschieden, nach einem Burnout gerade erst zurück im Beruf, wird er erneut von allen Seiten in Anspruch genommen.Privat betreut er seine deutsche Großmutter, die er aufgrund ihrer sich verschlechternden Gesundheit zu sich nach Wien holt. Beruflich landet er mitten im Flüchtlingssommer 2015 und übernimmt den Fall des syrischen Dolmetschers Adnan, der abgeschoben werden soll. Doch hinter allen Aktendeckeln voll von Dokumenten steckt mehr, als es zunächst scheint - sowohl hinter jenen aus Adnans Asylverfahren als auch denen, die in den Umzugskartons der Großmutter auftauchen.Die Großmutter, die titelgebende "Walküre", ist eine Meisterin des Schweigens. Sie möchte alle Spuren der Kriegsvergangenheit von Bens Großvater auslöschen, notfalls mit einem eigens entfachten Feuer im Garten ihres "Häusles" im niederösterreichischen Kritzendorf. Weniger rabiat, aber dafür genauso geheimniskrämerisch reagiert der charismatische Adnan auf Fragen zu seiner Militärlaufbahn in Syrien - entweder mit naivem Unverständnis oder Ablenkungsmanövern. Für Ben scheint nirgendwo eine offene und gesunde Aussprache möglich. Noch dazu ist die zuständige Referentin im Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl seine Ex-Frau Milena, die über alles eine vorgefertigte Meinung zu haben scheint - über die deutschtümelnde Oma, über syrische Dolmetscher, denen Kriegsverbrechen vorgeworfen werden, und natürlich über Ben selbst mit all seinen Unzulänglichkeiten. Wie wild dreht sich Bens moralischer Kompass auf seiner Reise zwischen Gegenwart und Vergangenheit und Privatem wie Behördlichem, er muss die Nadel immer wieder neu justieren, damit er den bestmöglichen Weg für alle findet.Der Roman "Walküre" von Daniel Zipfel verbindet auf mehreren Zeit- und Erzählebenen Themen wie Schuld, Krieg, Flucht, Nationalismus und Menschlichkeit sowie Unmenschlichkeit. Die Schrecken der Kriege werden nicht gegeneinander aufgerechnet. Vielmehr zeigt Zipfel, wie sich kleine, lokale Ereignisse und große historische Zusammenhänge ineinander verschränken und gegenseitig beleuchten. Besonders eindrucksvoll ist die Authentizität des Asylrechtsalltags: Zipfel, selbst Jurist in diesem Rechtsbereich, zeigt die Überlastung des Systems und die emotionale Zerreißprobe des Berufs. Die bürokratischen Vorgänge und Missstände werden so schmerzhaft realistisch dargestellt.Klingt erschütternd zu lesen. Ist es auch. Kling anstrengend zu lesen. Ist es nicht. Trotz der thematischen Schwere wird "Walküre" nie schwerfällig: wegen der klugen Szenenauswahl, der gekonnt gesetzten Handlungs- und Zeitsprünge und der feinen Verwebung von persönlicher und politischer Geschichte.