Die Textsammlung Berliner Bohème von Egon Erwin Kisch* ist ein wunderbar gestaltetes Buch, das den Leser direkt in das pulsierende Berlin der Weimarer Republik versetzt. Durch die gelungene Auswahl an Reportagen, Artikeln und Texten entsteht das Gefühl, als würde man selbst durch die Straßen der 1920er-Jahre gehen und das Leben dieser Zeit hautnah erleben.
Besonders beeindruckt hat mich, wie lebendig Kisch schreibt. Beim Sechstagerennen hatte ich tatsächlich das Gefühl, live dabei zu sein die Spannung, die Atmosphäre, das Publikum alles wird so anschaulich beschrieben, dass man sich mitten im Geschehen wähnt. Genau hier zeigt sich, warum Kisch als einer der bedeutendsten Reporter seiner Zeit gilt. Seine Texte sind packend, lebendig und niemals langweilig. Da versteht man sofort, warum Menschen damals gerne Zeitung gelesen haben.
Die Sammlung zeichnet gleichzeitig ein eindrucksvolles Gesellschaftsbild des Berlins der Zwanzigerjahre. Man begegnet unterschiedlichen Orten, Menschen und Milieus, die zusammen ein faszinierendes Bild dieser bewegten Zeit ergeben. Besonders gefallen hat mir der Text über das Tanzlokal, der die Stimmung und das Lebensgefühl dieser Jahre wunderbar einfängt. Ganz anders, aber ebenfalls interessant, ist der Abschnitt über das Leichenschauhaus etwas makaber, aber gerade deshalb ungewöhnlich und eindrucksvoll.
Kischs Schreibstil gefällt mir besonders gut. Er schreibt locker, lebendig und mit einem Blick für Details, die Szenen sofort greifbar machen. Seine Texte erinnern mich stark an die Atmosphäre der Serie Babylon Berlin, die ebenfalls das Berlin der Weimarer Republik so eindrucksvoll darstellt.
Dieses Buch eignet sich sowohl dafür, einen ganzen Abend darin zu lesen, als auch immer wieder einzelne Texte aufzuschlagen und kurz in diese Zeit einzutauchen. Insgesamt eine großartige Sammlung, die zeigt, warum Egon Erwin Kisch als rasender Reporter Literatur- und Journalismusgeschichte geschrieben hat. Ein wirklich tolles Buch mit spannenden Artikeln, das Geschichte lebendig werden lässt.