Brührende Einblicke in die Problematik von Flucht und Vertreibung sowie das fehlende Verständnis für Kriegstraumata
Gabi schläft - schon seit sechs Monaten; seit dem Tag, an dem die Erde bebte und das Haus so stark schwankte, dass ein Teil der Wohnung zerstört wurde, in der Gabi wohnte und sich auch gerade aufhielt. Die Ärzte diagnostizieren das Resignationssyndrom, können aber nicht helfen, weil noch zu wenig über dieses Syndrom bekannt ist. Klar scheint nur zu sein, dass das Resignationssyndrom durch traumatische Ereignisse ausgelöst wird und hauptsächlich Kinder betrifft, die sich auf diese Weise vor belastenden Situationen schützen. Gabi ist körperlich gesund, nur wacht sie nicht auf.Gabis Mutter Nia macht ihren Mann Demna für Gabis Zustand verantwortlich, weil er am Tag des Erdbebens zu Hause war, seine Tochter jedoch nicht beschützt hat. Nia trennt sich von Demna und verwehrt ihm den Kontakt mit der gemeinsamen Tochter. Da die schlafende Gabi viel Pflege braucht, kümmert Nia sich rund um die Uhr um ihre Tochter, ernährt sie über eine Sonde, wechselt die Windeln und Gabis Liegeposition, spricht mit ihr.Ein österreichischer Arzt rät Nia dazu, ihrer Tochter Sicherheit und Optimismus zu vermitteln. Nia versucht, eine Rückkehr in die zerstörte Wohnung zu ermöglichen, weil sie in dem gewohnten Umfeld die Sicherheit vermutet, die Gabi zum Aufwachen benötigt. Mutter, Freundinnen und der Arzt raten Nia, Kontakt mit Demna aufzunehmen und den Vater in die Pflege des schlafenden Kindes mit einzubeziehen. Nias Hass auf Demna ist jedoch so groß, dass sie seit dem Erdbeben nicht mehr mit ihm spricht und auch nicht möchte, dass er seine Tochter sieht.Erst als Nia die Hauptrolle in einem Film angeboten wird und sie zurück in ihren Beruf findet, wendet sich das Blatt. Der Film handelt vom Georgisch-Abchasischen Krieg und der Flucht über den Tschuberi-Pass. Nia spielt eine Mutter, die mit einem Baby die beschwerliche Flucht antreten muss, und setzt sich so erstmals mit der Geschichte ihres Mannes auseinander, der als Kind ebenfalls mit seiner Tante über diesen Pass geflohen ist."In deinem Schlaf" von Ekaterine Togonizde gewährt uns am Beispiel der Familie Kandelaki Einblicke in die Problematik von Flucht und Vertreibung sowie das fehlende Verständnis für Kriegstraumata, mit denen Geflüchtete auch in ihrer vermeintlich sicheren neuen Heimat leben müssen. Ich habe mich in diesem Buch erstmals mit dem Thema Georgisch-Abchasischer Krieg 1992 / 1993 auseinandergesetzt. Die beschriebenen Ängste und Nöte erweitern jedoch auch den Blick auf nach Deutschland geflüchtete Menschen.Große Passagen des Buches sind Monologe von Nia, die entweder wirklich mit ihrer schlafenden Tochter spricht oder sich in Gedanken mit ihr unterhält. Mir fiel es dadurch anfangs schwer, in das Buch hineinzufinden, weil sich erst nach und nach erschließt, wodurch Gabis Zustand hervorgerufen wurde. Schwer auszuhalten fand ich auch, dass Nia ihrem Mann die Schuld gibt, ohne mit ihm zu sprechen und zu hinterfragen, was genau passiert ist. Die Szenen am Filmset sind für meinen Geschmack zu langatmig geraten.Das Resignationssyndrom und Nias verzweifelte Bemühungen um das Wohlergehen ihrer Tochter werden jedoch ebenso eindrucksvoll geschildert wie die fehlende Empathie der Schauspielkolleginnen. So wird Nia zwar gefragt, ob es ihrer Tochter denn besser gehe, ernsthaftes Interesse ist aber nicht erkennbar.Ich hätte mir bei diesem Buch gewünscht, dass das Nachwort der Übersetzerin Katja Wolters als Vorwort abgedruckt worden wäre, weil es sehr gute Hintergrundinformationen zum Georgisch-Abchasischen Krieg liefert.Empfehlen kann ich die Lektüre allen die sich mit dem Georgisch-Abchasischen Krieg, dem Resignationssyndrom und / oder den Nachwirkungen von Kriegstraumata auseinandersetzen möchten.Von mir gibt es 4 von 5 möglichen Sternen.