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Band 4

Am Meer

Roman

(22 Bewertungen)15
240 Lesepunkte
Buch (gebunden)
24,00 €inkl. Mwst.
Zustellung: Sa, 20.07. - Di, 23.07.
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»Welche Gnade, dass wir nicht wissen, was uns im Leben erwartet.« Der neue Erfolgsroman von SPIEGEL-Bestsellerautorin und Pulitzer-Preisträgerin Elizabeth Strout .

Elizabeth Strout schreibt die Geschichte von Lucy Barton weiter, ihrer feinsinnigen, von den Härten des Lebens nicht immer verschonten Heldin. Mit ihrem Ex-Mann William sucht sie während des Lockdowns Zuflucht in Maine, in einem alten Haus am Meer. Eine unvergessliche Geschichte über Familie und Freundschaft, die Zerbrechlichkeit unserer Existenz und die Hoffnung, die uns am Leben erhält, selbst wenn die Welt aus den Fugen gerät.

Sie hatte es so wenig kommen sehen wie die meisten. Lucy Barton, erfolgreiche Schriftstellerin und Mutter zweier erwachsener Töchter, erhält im März 2020 einen Anruf von ihrem Ex-Mann - und immer noch besten Freund - William. Er bittet sie, ihren Koffer zu packen und mit ihm New York zu verlassen. In Maine hat er für sie beide ein Küstenhaus gemietet, auf einer abgelegenen Landzunge, weit weg von allem. Nur für ein paar Wochen wollen sie anfangs dort sein. Doch aus Wochen werden Monate, in denen Lucy und William und ihre komplizierte Vergangenheit zusammen sind in dem einsamen Haus am Meer.

Produktdetails

Erscheinungsdatum
14. Februar 2024
Sprache
deutsch
Seitenanzahl
284
Reihe
Lucy Barton, 4
Autor/Autorin
Elizabeth Strout
Übersetzung
Sabine Roth
Verlag/Hersteller
Originaltitel
Originalsprache
englisch
Produktart
gebunden
Gewicht
450 g
Größe (L/B/H)
221/142/32 mm
ISBN
9783630877488

Portrait

Elizabeth Strout

Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Sie zählt zu den großen amerikanischen Erzählstimmen der Gegenwart. Ihre Bücher sind internationale Bestseller. Für ihren Roman »Mit Blick aufs Meer« erhielt sie den Pulitzerpreis. »Oh, William!« und »Die Unvollkommenheit der Liebe« waren für den Man Booker Prize nominiert. »Alles ist möglich« wurde mit dem Story Prize ausgezeichnet. 2022 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Siegfried Lenz Preis ausgezeichnet. Elizabeth Strout lebt in Maine und in New York City.

Pressestimmen

»Elizabeth Strout hat mit Am Meer den zartesten Lockdown-Roman geschrieben, den man sich vorstellen kann.« Bettina Steiner / Die Presse

»Das ist großes Kino, und Strout nutzt es geschickt als Kulisse für ihr eigentliches Thema: das menschliche Miteinander in allen Facetten.« Katharina Stegelmann / spiegel.de

»Was in dem Buch geschieht, ist ähnlich unspektakulär wie in den Erzählungen von Anton Tschechow. Doch wie dieser versteht es auch Strout, uns durch eine glasklare Sprache in den Bann zu ziehen.« Thomas Bodmer / Die Weltwoche

»Wer Elizabeth Strout liest, wird garantiert auch weinen. Vor Verzweiflung und vor Glück. Weil sie alles über die Menschen weiß - und sie trotzdem liebt.« Barbara Beer / Kurier

»Sie ist eine Meisterin des Unspektakulären und das gilt auch für ihren Stil. In jedem ihrer Romane erzählt sie vom Alltag, von Familien- und Liebesbeziehungen, vom ganz normalen Leben und ganz normalen Tod.« Sylvia Staude / Frankfurter Rundschau

»Erneut zeigt sich Elizabeth Strout hier als Virtuosin des Familiendramas. In feingliedrigen Dialogen glückt es ihr, einen Kosmos der Empfindsamkeit aufzuspannen. Dank dieser Methode ähnelt sie Stefan Zweig und Arthur Schnitzler.« Ulf Heise / Freie Presse

Besprechung vom 28.02.2024

Gehirnnebel im Kopf

Nicht-Wissen als Einsicht: Elizabeth Strout lässt in "Am Meer" ihr vertrautes Personal an ebenso vertrautem Ort auftreten. Aber in was für unvertrauten Zeiten!

Seit der Großen Pest im vierzehnten Jahrhundert sind wohlhabende Städter, die bei Ausbruch einer Pandemie aufs Land fliehen, literarische Figuren. Sie warten ab und erzählen sich Geschichten. Besonders dann, wenn sie gerne reden oder gar schreiben. So wie Lucy Barton. Sie ist eine der Hauptpersonen im neuen Roman "Am Meer" (im Original "Lucy by the Sea", 2022) der Pulitzer-Preisträgerin und vielfach ausgezeichneten US-Autorin Elizabeth Strout. In den Vereinigten Staaten wie hierzulande ist er gleich nach Erscheinen auf eine der ersten Bestsellerplätze katapultiert worden. Darin treten neben der erfolgreichen Schriftstellerin Barton deren Ex-Mann, der Parasitologe William Gerhardt, und beider Töchter Chrissy und Becka auf.

Im Vorgängerroman "Oh, William" fanden Lucy und William nach Jahrzehnten wieder zueinander, sie nach dem Tod ihres zweiten Mannes, eines Cellisten der New Yorker Philharmoniker, er nach zwei weiteren Scheidungen. Die Handlung von "Am Meer" beginnt im Jahr 2020: "Ich hatte es so wenig kommen sehen wie die meisten. Aber William ist Naturwissenschaftler, er sah es kommen." Und schon ist man in einem Corona-Roman und erliegt dem Sog der Erzählstimme Lucy Bartons, die im normalen Alltag und im Ausnahmezustand eine fabelhafte Menschenbeobachterin ist. Auf Drängen Williams lässt sie in Manhattan alles stehen und liegen und zieht mit ihm in ein Haus auf einem Felsvorsprung in Crosby, Maine, jener fiktionalen Kleinstadt, in der früher oder später fast alle Strout- Figuren aufeinandertreffen.

Hier im Norden ist noch Winter. Lucy findet sich "in einem fremden Land" wieder, ohne Strände, mit Straßen, die im Meer enden, braunen und grauen Klippen, kupferfarbenem Seetang und Tannen bis hinab in den großartigen Ozean. Während die Pandemie andauert, schwindet ihr Zeitgefühl, wird das Leben unwirklich, wabert "Gehirnnebel" durch ihren Kopf. Ist es der Lockdown? Das Alter? Oder die toxische Verfasstheit eines Landes, in dem die Bewohner von Crosby die zugereisten New Yorker beschimpfen, George Floyd von einem Polizisten erstickt wird und der Präsident bald den Sturm aufs Kapitol anordnet? Konfrontiert mit Fernsehbildern, mit Dämonen ihrer bettelarmen Kindheit und existenziellen Problemen der Töchter, sieht Lucy "voller Bangigkeit" Katastrophen heraufziehen. Während William nach einer Krebsoperation endlich seine Halbschwester kennenlernt und mit neuer Energie die Auswirkungen des Klimawandels auf die Landwirtschaft beforscht.

Es sind die Dinge des Lebens, die Strout beiläufig, mal elliptisch, mal mäandernd, vorüberziehen lässt, gerade so, wie sie in Lucys Wahrnehmung koexistieren, sich herausbilden und wieder auflösen. Abgeschnitten von komfortablen Gewohnheiten, vertraut Lucy auf Williams Sachverstand und die Zuneigung ihres Nachbarn Bob Burgess, mit dem sie am liebsten allein spazieren geht. Erst nach langen Monaten des Corona-Wahnsinns schreibt sie wieder - nicht jedoch Memoirs einer "alten Frau, die mit ihrer ärmlichen Herkunft hausieren geht" oder Romane "über ältere Frauen für ältere Frauen", sondern Geschichten über sozial abgehängte Männer, die bei den Wahlen im November erneut Donald Trump wählen. Und immer deutlicher zeigt sich Lucys geradezu aufdringlich vorgetragenes Nicht-Wissen als eine Form des Skeptizismus, als Einsicht in die Brüchigkeit aller Gewissheiten und in sehr persönliche Wahrheiten, auch die falschen. Als der Impfstoff kommt, reist sie nach New York City, das nach einem Jahr ohne Flugverkehr unter einem makellos blauen Himmel merkwürdig fremd und leer erscheint. Wie früher kauft sie bei Bloomingdale's ein, findet aber den Ausgang nicht mehr, während die Empörung ihrer Töchter über all das Zeug aus Kinderarbeit nachhallt.

Strout setzt den umgangssprachlichen, in der Übersetzung gut getroffenen Tonfall einer Erzählerin ein, die unaufhörlich mit sich selbst und mit anderen redet, "sie redeten und redeten und redeten". Die geteilten Bekenntnisse, Erinnerungen und Anekdoten verbinden Paare, Familien, Freunde und Zufallsbekannte, die "erzählten und erzählten", immer mit Maske natürlich. Den Romanen geben sie ihre verschachtelte, episodische oder serielle Form. Da am Ende alles Geschehen in Crosby zusammenläuft, verflechten sich auch die Lebensstränge von Figuren unterschiedlicher Romane. So wie in Lucy Bartons Quarantäne die ruppige Mathematiklehrerin Olive Kitteridge hineinfunkt, die in jüngeren Jahren ihre eigene Familie drangsalierte, über das Wohlergehen der anderen Bewohner von Crosby wachte und nun, da sie in der Maple-Tree-Residenz betreut wird, noch immer als gute Fee wirkt.

Elizabeth Strout, die in New York City und Maine lebt, muss sich lange in die Bewohner und Besucher von Crosby hineingedacht haben, denn sie weiß um ihre Stärken und Schwächen, Widersprüche und Geheimnisse. Lucy Barton ist schon zum vierten Mal dabei, als Gegenfigur zu Olive Kitteridge, die in einer von Tom Hanks mitproduzierten Kurzserie (2014, HBO) von der starken Frances McDormand verkörpert wird. Die Leserin aber und auch der Leser können hier oder dort andocken und dann mit Lucy das erste Bild eines Films anschauen: eine blaue Fläche, auf der viele Tischtennisbälle durcheinanderrollen, ab und zu einer der Bälle mit einem anderen zusammenstößt und wieder wegspringt. "Mehr geschah nicht, die Bälle rollten nur durcheinander, und manchmal berührten sie sich." Wie Lucy, William, Bob und die anderen. Wer Elizabeth Strout einmal gelesen hat, will weiterlesen. Im Sommer erscheint zuverlässig, wie es sich für Serien gehört, ihr nächster Roman: "Tell Me Everything". WALBURGA HÜLK

Elizabeth Strout: "Am Meer". Roman.

Aus dem Englischen von Sabine Roth. Luchterhand Literaturverlag,

München 2024.

288 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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Von Snowbird am 24.06.2024

Lucy Barton am Meer

Ich bin absolut hingerissen von diesem Roman. Am Meer ist ein wunderbares Buch, das mich hervorragend unterhalten hat. Aber noch mehr beeindruckt haben mich die vielen kleinen Passagen, die von äußerst genauer Beobachtungsgabe und von großer Lebensweisheit zeugen. Die Freuden und die Abgründe menschlichen Zusammenlebens, gesellschaftliche Entwicklungen und politische Haltungen werden mit wenigen treffenden Worten in genialen Formulierungen auf den Punkt gebracht. Mit diesem perfekten Roman hat Elizabeth Strout sich einmal mehr selbst übertroffen. Lucy Barton, die erfolgreiche Schriftstellerin, die aus materiell und emotional ärmlichsten Verhältnissen stammt, einmal geschieden, einmal verwitwet, vertraut ihrem Ex-Mann und bestem Freund William, als der sie gleich zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 überzeugt, mit ihm New York City zu verlassen und sich an die Küste von Maine zurückzuziehen, nach Crosby, in eine Kleinstadt, die Strout bereits für andere Romane als Kulisse diente. Hier treffen wir u.a. Bob Burgess wieder, den Protagonisten aus Das Leben, natürlich. Nur für ein paar Wochen, denkt Lucy, und muss ihren Irrtum schnell erkennen. Für viele Monate auf sich selbst zurückgeworfen kehrt sie in ihre Vergangenheit zurück und reflektiert Ereignisse und Begegnungen aus ihrem Leben. Vieles wird sich nach dem Abklingen der Pandemie geändert haben, doch das weiß sie natürlich in diesem Moment noch nicht. Auch für die Beziehung zu ihren Töchtern ist die Zeit des Lockdowns ein harter Einschnitt. Alles, worüber Strout schreibt, ist ganz unspektakulär. Doch genau in dieser Alltäglichkeit liegt die Besonderheit ihres Schreibens, denn alles Gesagte könnte jeder oder jedem von uns so passieren. Strout bzw. Lucy ist eine feine Beobachterin. In der Abgeschiedenheit der Kleinstadt wird ihr deutlich bewusst, wie tief gespalten die amerikanische Gesellschaft ist. Viele Leute dort sind Anhänger des amtierenden Präsidenten, was Lucy zunächst nicht versteht. William erklärt es ihr so: Sie sind wütend. Sie kommen auf keinen grünen Zweig im Leben. Schau dir deine Schwester an. Zurzeit bringt sie sich in ihrem Job in Gefahr, weil sie keine andere Wahl hat. Aber abgehängt bleibt sie trotzdem. ..... , diesen Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Und die, denen es besser geht, sind blind dafür. ...... Wir nehmen sie nicht für voll, und das merken sie. Das ist keine gute Situation. (S. 164) Diese kurze Analyse, die die Situation voll auf den Punkt bringt, ließe sich m.E. auch auf Deutschland übertragen. Dieses Land ist so zerrissen, Lucy. Die ganze Welt ist zerrissen. Es kommt mir vor, als .... als wären alle auf der Welt wild geworden, und ich kann nur sagen, meiner Meinung nach steuern wir auf eine Katastrophe zu. Jeder geht jedem an die Gurgel. Ich weiß nicht, wie lange unsere Demokratie dem noch standhalten kann. (S. 167) Treffender als mit diesen Worten, die Strout William in den Mund legt, kann man es nicht sagen. Lucy und William, die die Beengtheit ihrer New Yorker Wohnungen mit dem Luxus eines Hauses mit Veranda getauscht haben, sind sich ihrer Privilegiertheit sehr bewusst. Sie genießen in Crosby eine Freiheit im Lockdown, die sie in New York nicht leben könnten. Sie können Spaziergänge machen und Leute im Freien treffen, ihren Tätigkeiten können sie von hier aus nachgehen oder auch nicht, denn beide sind finanziell so aufgestellt, dass sie keiner Arbeit mehr nachgehen müssen. Nichts davon nimmt Lucy, die es auch anders kennt, selbstverständlich. Vielleicht ist es die intime Kenntnis beider Welten, die sie gegenüber Andersdenkenden stets neutral bleiben lässt. Sie blickt mit ebensoviel Güte und Empathie auf die Anhänger des Präsidenten wie auf Ihresgleichen. Am Meer, im Original Lucy by the Sea lässt vom Titel her Alles und Nichts vermuten. Vordergründig erzählt der Roman vom Lockdown und von vielen kleinen oder größeren Ereignissen im Leben Lucy Bartons. Aber auf der Metaebene ist es ein großer Gesellschaftsroman, der das breite Spektrum der amerikanischen Lebenswirklichkeit, die m.E. übertragbar auf andere westliche Länder ist, aufzeigt. Ich mag alle Bücher von Elizabeth Strout sehr, aber dieses hier vielleicht ein kleines bisschen mehr als die anderen, weil es ein Buch zur Zeit ist. Ganz große Leseempfehlung!
LovelyBooks-BewertungVon Snowbird am 24.06.2024
Ich bin absolut hingerissen von diesem Roman. Am Meer ist ein wunderbares Buch, das mich hervorragend unterhalten hat. Aber noch mehr beeindruckt haben mich die vielen kleinen Passagen, die von äußerst genauer Beobachtungsgabe und von großer Lebensweisheit zeugen. Die Freuden und die Abgründe menschlichen Zusammenlebens, gesellschaftliche Entwicklungen und politische Haltungen werden mit wenigen treffenden Worten in genialen Formulierungen auf den Punkt gebracht. Mit diesem perfekten Roman hat Elizabeth Strout sich einmal mehr selbst übertroffen. Lucy Barton, die erfolgreiche Schriftstellerin, die aus materiell und emotional ärmlichsten Verhältnissen stammt, einmal geschieden, einmal verwitwet, vertraut ihrem Ex-Mann und bestem Freund William, als der sie gleich zu Beginn der Corona-Pandemie im März 2020 überzeugt, mit ihm New York City zu verlassen und sich an die Küste von Maine zurückzuziehen, nach Crosby, in eine Kleinstadt, die Strout bereits für andere Romane als Kulisse diente. Hier treffen wir u.a. Bob Burgess wieder, den Protagonisten aus "Das Leben, natürlich". Nur für ein paar Wochen, denkt Lucy, und muss ihren Irrtum schnell erkennen. Für viele Monate auf sich selbst zurückgeworfen kehrt sie in ihre Vergangenheit zurück und reflektiert Ereignisse und Begegnungen aus ihrem Leben. Vieles wird sich nach dem Abklingen der Pandemie geändert haben, doch das weiß sie natürlich in diesem Moment noch nicht. Auch für die Beziehung zu ihren Töchtern ist die Zeit des Lockdowns ein harter Einschnitt. Alles, worüber Strout schreibt, ist ganz unspektakulär. Doch genau in dieser Alltäglichkeit liegt die Besonderheit ihres Schreibens, denn alles Gesagte könnte jeder oder jedem von uns so passieren. Strout bzw. Lucy ist eine feine Beobachterin. In der Abgeschiedenheit der Kleinstadt wird ihr deutlich bewusst, wie tief gespalten die amerikanische Gesellschaft ist. Viele Leute dort sind Anhänger des amtierenden Präsidenten, was Lucy zunächst nicht versteht. William erklärt es ihr so: "Sie sind wütend. Sie kommen auf keinen grünen Zweig im Leben. Schau dir deine Schwester an. Zurzeit bringt sie sich in ihrem Job in Gefahr, weil sie keine andere Wahl hat. Aber abgehängt bleibt sie trotzdem. ..... , diesen Leuten steht das Wasser bis zum Hals. Und die, denen es besser geht, sind blind dafür. ...... Wir nehmen sie nicht für voll, und das merken sie. Das ist keine gute Situation." (S. 164) Diese kurze Analyse, die die Situation voll auf den Punkt bringt, ließe sich m.E. auch auf Deutschland übertragen. "Dieses Land ist so zerrissen, Lucy. Die ganze Welt ist zerrissen. Es kommt mir vor, als .... als wären alle auf der Welt wild geworden, und ich kann nur sagen, meiner Meinung nach steuern wir auf eine Katastrophe zu. Jeder geht jedem an die Gurgel. Ich weiß nicht, wie lange unsere Demokratie dem noch standhalten kann." (S. 167) Treffender als mit diesen Worten, die Strout William in den Mund legt, kann man es nicht sagen. Lucy und William, die die Beengtheit ihrer New Yorker Wohnungen mit dem Luxus eines Hauses mit Veranda getauscht haben, sind sich ihrer Privilegiertheit sehr bewusst. Sie genießen in Crosby eine Freiheit im Lockdown, die sie in New York nicht leben könnten. Sie können Spaziergänge machen und Leute im Freien treffen, ihren Tätigkeiten können sie von hier aus nachgehen oder auch nicht, denn beide sind finanziell so aufgestellt, dass sie keiner Arbeit mehr nachgehen müssen. Nichts davon nimmt Lucy, die es auch anders kennt, selbstverständlich. Vielleicht ist es die intime Kenntnis beider Welten, die sie gegenüber Andersdenkenden stets neutral bleiben lässt. Sie blickt mit ebensoviel Güte und Empathie auf die Anhänger des Präsidenten wie auf Ihresgleichen. "Am Meer", im Original "Lucy by the Sea" lässt vom Titel her Alles und Nichts vermuten. Vordergründig erzählt der Roman vom Lockdown und von vielen kleinen oder größeren Ereignissen im Leben Lucy Bartons. Aber auf der Metaebene ist es ein großer Gesellschaftsroman, der das breite Spektrum der amerikanischen Lebenswirklichkeit, die m.E. übertragbar auf andere westliche Länder ist, aufzeigt. Ich mag alle Bücher von Elizabeth Strout sehr, aber dieses hier vielleicht ein kleines bisschen mehr als die anderen, weil es ein Buch zur Zeit ist. Ganz große Leseempfehlung!