Es strahlt Idylle aus, das Cover des neuen Buches der österreichischen, in Deutschland lebenden, Autorin Eva Menasse. Ein See mitten im Wald, die tiefstehende Sonne, die rosa Schrift "Alleinruhelage". Damit stimmt das Buch schon darauf ein, mit welchen, vielleicht zum Teil naiven, Erwartungen, die Ich-Erzählerin und ihr Partner, gemeinsam mit den drei Kindern, ihrem, seinem und dem gemeinsamen, in einer Patchworkfamilie lebend, an den Kauf eines Hauses am See im ehemaligen Ostdeutschland herangegangen sind:
Wir waren stolz auf den Preis, weil alle weiter weg lebenden Freunde uns gratuliert hatten. Für Menschen im Süden und Westen des Landes, auch für die südöstlichen Österreicher klang der Preis fast unglaublich, ein massives, unterkellertes Haus an einem See und mit einem großen Garten, dazu in Alleinruhelage wie man in Österreich sagt, wo es auch sprachlich immer ein bisschen mehr sein darf. (S. 33)
Also nichts wie ran an das Wochenendhaus! Doch dieses ist renovierungsbedürftiger als gedacht, die Widmungssituation rechtlich ungeklärt, die Nachbarn näher und weniger unkompliziert als erhofft und auch mit dem so idyllisch wirkenden See gibt es so einige Probleme, etwa die "Unterwassertannenbäume", die entspanntes Schwimmen schwierig machen bis verunmöglichen oder die steigenden Temperaturen, die den See zum Veralgen und Kippen bringen.
Humorvoll, selbstreflektiert und mit einem Augenzwinkern erzählt die etablierte Autorin Eva Menasse also von ihren Freuden, Hoffnungen, Erlebnissen und Enttäuschungen rund um ihr Wochenendhaus am See über einen längeren Zeitraum. Dabei zeigt sie sich auch als feine Beobachterin gesellschaftlicher Verhältnisse, was immer wieder durchblitzt:
Zehn Jahre nach der Wende schien diese Internetseite mit dem umständlichen Namen eine der Resterampen der DDR zu sein. Für den Osten war es eine finstere, gewalttätige Zeit, in der man zuließ, dass bergeweise Hoffnungen zertrümmert wurden, Weltvertrauen, Lebensläufe. (S. 26)
Jeder Zeitgeist hat seine Scheuklappen, seine blinden Flecken und total verhärteten Ränder. (S. 50)
Sehr sympathisch fand ich auch, wie ihr Selbstironie und -kritik nicht fremd sind und sie offen zugibt, wo sie nicht näher hingeschaut hat oder nicht näher hinschauen wollte:
Nun, da ich mein geliebtes Haus verkaufen und verlassen werde, muss ich mir eingestehen, dass ich mehr nie wissen wollte, niemals tiefer bohren. Ich war ein fauler Specht. Wir waren hierhergekommen auf der Suche nach einem ortlosen, überzeitlichen Paradies, einem, das sogar wir uns leisten konnten. (S. 86)
Was bleibt von diesem Buch? Ein gutes, warmes Gefühl im Bauch. Der Eindruck, sich nun besser vorstellen zu können, was alles dranhängen könnte, so ein Haus zu kaufen und dass es empfehlenswert ist, sich nicht zu sehr in allzu idyllische Illusionen zu verrennen, denn es steckt viel mehr Arbeit dahinter, als man am Anfang vermuten könnte. Und das Gefühl, Frau Menasse oder zumindest die Ich-Erzählerin, die ihr vielliecht in diesem vermutlich autofiktionalen Werk ein bisschen ähneln könnte, etwas näher kennen gelernt zu haben.
Neben dem Haus selbst geht es im Buch auch ein bisschen "um dies und das". Da gibt es einen Onkel Walter und eine Tante Hupfi, so eine Art kinderlose Paten und Freunde der Eltern aus der Kindheit der Ich-Erzählerin, und Schwänke, die um diese herum erzählt werden. Das trägt dazu bei, die Ich-Erzählerin noch ein bisschen besser kennen zu lernen, könnte aber für kritische Leserinnen und Leser ein bisschen vom Kern der Geschichte abweichen.
Ebenso wie so manche andere Randfiguren, etwa der Liebhaber "Habibi" (wir erfahren nicht, wie es zu diesem arabisch klingenden Spitznamen gekommen ist), der die Ich-Erzählerin in den letzten Jahren, nach der Trennung von ihrem Patchworkfamilienpartner und Vater des jüngsten gemeinsamen Kindes, am Rande ihres Lebens begleitet, als Figur sehr blass bleibt und nicht so wirklich viel zur Handlung beiträgt.
Es ist kein Buch mit einer sonderlich fokussierten Handlung, wobei wir uns schon immer im Rahmen des Hauses am See bewegen, das gekauft wird, mit dem viel erlebt und das am Ende wieder verkauft wird. Eva Menasse muss sich nichts mehr beweisen, das hat sie mit ihren vorigen Werken schon genug getan. Dieses ist für mich ein nettes Wohlfühlbuch, das ich gerne gelesen und mir ein angenehmes Gefühl dabei vermittelt hat. Auch das darf sein.