
Populismus, Migration, Wirtschaft, Krieg - wohin steuert Deutschland? Das Buch zur Lage der Nation: Der deutsch-britische Historiker Frank Trentmann stellt Deutschland auf den Prüfstand. Wie sind wir in die Krise geraten, und wie kommen wir wieder heraus? Frank Trentmann findet Antworten durch den Blick in die Geschichte und über die nationalen Grenzen hinaus. Er beleuchtet Stärken und Schwächen von Demokratie, Wirtschaft und deutscher Erinnerungskultur. Er zeigt, dass die Alterung der Gesellschaft und Migration zusammengedacht werden müssen und dass im Osten wie im Westen verzerrte Bilder der Realität in DDR und Bundesrepublik zur Polarisierung beitragen.
Frank Trentmann analysiert die Ursachen der gegenwärtigen Krise historisch und blickt zugleich nach vorn, indem er die Chancen für künftige Veränderungen aufzeigt. Entscheidend wird schließlich sein, welche Rolle Deutschland in Europa und der Welt übernehmen will.
Sein Fazit: Wir können uns mehr zumuten und mehr zutrauen, als wir glauben, die Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos. Nötig sind mehr Mut zu Reformen, mehr Zuversicht und Pragmatismus. Umlenken heißt Umdenken!
Besprechung vom 29.11.2025
Mit Globuli gegen die nationale Schwindsucht
Executive Summary für Friedrich Merz: Der Historiker Frank Trentmann liefert eine etwas sprunghafte und stark verdichtete, im Ganzen aber treffende Diagnose deutscher Selbstblockaden und ihrer Ursachen. Leider fallen die Therapievorschläge nichtssagend aus.
Von Matthias Alexander
Sollte Friedrich Merz von diesem Buch schon gehört haben? Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sprach er Mitte Oktober jedenfalls davon, dass es seine Regierung mit einer "blockierten Republik" zu tun habe. Er benutzte damit eine Wendung, die der aus Hamburg stammende und an der University of London lehrende Historiker Frank Trentmann zum Titel seines vier Wochen zuvor erschienenen Buches zur Lage des Landes gemacht hatte.
Nun ist es kein gutes Zeichen, dass der Mann, der als CDU-Spitzenkandidat zur Bundestagswahl noch mit dem Gestus aufgetreten war, die Blockaden der Nation quasi im Alleingang lösen zu können, nun als Kanzler mit leicht resigniertem Unterton feststellt, wie verfahren die Lage sei. Umso dringlicher stellt sich die Frage, ob es hilfreich wäre, wenn sich Merz zwei Abende darauf verwendete, das Buch von Trentmann tatsächlich zu lesen. Er könnte sich dazu durch den Umstand veranlasst sehen, dass der Autor nicht nur eine Problembeschreibung liefern, sondern auch historische Ursachenforschung für die vielfältigen Schieflagen betreiben und vor allem Auswege aus den deprimierenden Zuständen aufzeigen möchte: "Mit historischem Blick nach vorn", lautet sein selbstbewusstes und für einen Wahl-Briten erstaunlich ironiefreies Motto. Dass sich aus der Geschichte etwas lernen lässt - an einer Stelle ist sogar von Lektionen die Rede -, scheint für den Autor ohne weiteren Diskussionsbedarf festzustehen.
Bleibt zu prüfen, was der Ansatz in der Praxis bringt. Den Auftakt des Buches macht die Analyse des grassierenden Populismus. Mit der Brandmauer beschäftigt sich Trentmann erst gar nicht groß: Dass sie früher oder später fallen wird, hält er mit Blick auf die Entwicklung in anderen Ländern für ausgemacht. Bedauern darüber ist bei ihm auch nicht herauszuhören, vielmehr stellt er nüchtern fest, dass sie sich als untaugliches Mittel erwiesen habe. Wohltuend abgewogen auch seine Warnung vor Vergleichen mit der Situation vor 1933, weil weder Deutschland in einer Weltwirtschaftskrise stecke noch Eliten als Steigbügelhalter für Extremisten bereitstünden. Zudem verzeichne die AfD Zulauf nicht zuletzt in wirtschaftlich vergleichsweise starken Gegenden, im Osten in Sachsen, im Westen in Bayern und Baden-Württemberg. Auch deshalb bezeichnet er den Vergleich mit den USA als wenig hilfreich: Trump polemisiere gegen Migranten, weil sie den Amerikanern die Jobs wegnähmen; in Deutschland störe man sich daran, dass sie angeblich gar keine Arbeit suchen, sondern es sich in der sozialen Hängematte bequem machen wollten.
Es ehrt Trentmann, wie differenziert seine Analysen der komplexen Problemlagen ausfallen. Lobenswert auch, wie er Lehren aus der Geschichte und aus Vergleichen mit der Situation in anderen Ländern mitunter dadurch zieht, dass er die Unterschiede hervorhebt. Umso enttäuschender ist dann allerdings, was er unter der Überschrift "Demokratischer Realismus" als Mittel gegen den weiteren Aufstieg von Populisten empfiehlt. Er fordert mehr politische Bildung, als hätte es daran in den vergangenen Jahrzehnten gemangelt. Dialog, Teilhabe und Toleranz müssten immer wieder aufs Neue erlernt werden, lautet seine beschwörende Formel, als wäre der ansteckend wirkende Überdruss bestimmter Kreise an diesen Vokabeln nicht inzwischen Teil des Problems. Trentmann wirkt in diesem Moment wie ein Arzt, der als Diagnostiker brillant ist, aber das von ihm entdeckte Krebsgeschwür mit Homöopathie bekämpfen möchte.
Etwas konkreter fallen die Ratschläge im Kapitel "Stillstand und Neustart" aus, das sich den ökonomischen Herausforderungen eines erfolgsverwöhnten und zugleich ermatteten Landes widmet, dem die Konkurrenz in einer sich dramatisch ändernden Weltordnung zusehends den Rang abläuft. Trentmann macht den geringen Produktivitätszuwachs als Hauptproblem Deutschlands im internationalen Vergleich aus. Es folgt eine kenntnisreiche und abgewogene tour d'horizon entlang oft diskutierter Defizite, etwa der schleppenden Digitalisierung und der von der Ampelregierung noch einmal dramatisch gesteigerten Bürokratie. Für neuen Schwung könnten die Unternehmen allein nicht sorgen, ist der Autor überzeugt, es brauche einen großen staatlichen Fonds für Investitionen in Infrastruktur und Bildung, mehr Start-ups, mehr Dienstleistungsunternehmen, auch mehr Konsum zur Stärkung des Binnenmarkts.
Den Kern des Übels scheint Trentmann jedoch in der Mentalität der verzagt-verwöhnten Deutschen zu sehen. Als Gegenmittel verfolgt er eine gleichsam psychotherapeutische Doppelstrategie: Der Hinweis, wonach das Land in seiner Geschichte schon größere Krisen überwunden hat, soll Ängste nehmen. Es gelte schließlich: "Strukturwandel ist immer." Und Trentmann möchte Mut zu Veränderungen machen: Am Ende des Kapitels richtet er sogar einen Appell an Künstler und Geisteswissenschaftler; sie sollten "die Fantasie zurückgewinnen, unsere Zukunft gestalten zu wollen".
Der Leser macht mehrfach ein Wechselbad durch: Plausible und unideologische Betrachtungen zu Problemlagen des Landes münden in wohlfeile Lösungsvorschläge. Im Kapitel "Alt und bunt", das aufzeigen möchte, wie Migration helfen könnte, die demographischen Herausforderungen zu bewältigen, verzichtet Trentmann auf solche Luftnummern. Er konzediert, dass die Sorge, mit der viele Bürger auf die große Zahl von Fremden und Flüchtlingen blicken, verständlich und ernst zu nehmen sei. Aber er weist die Deutschen auch kühl darauf hin, dass Deutschland wohl schön sei, aber eben auch nicht so schön, dass es stets erste Wahl für hoch qualifizierte Arbeitskräfte wäre. Sein Hinweis, dass die Art und Weise, wie in Deutschland über Migration gesprochen wird, gerade jene Ausländer vom Kommen abhält, auf die das Land wegen seiner demographischen Entwicklung angewiesen ist, wird durch jüngste Erhebungen unter potentiellen Interessenten, die nach Erscheinen seines Buches bekannt geworden sind, bestätigt. Die Herausforderung ist, einerseits eine konsequente Politik gegen Asylmissbrauch zu betreiben und sich andererseits als weltoffenes Land zu präsentieren.
Besonders voraussetzungsreich - um nicht zu sagen: für die wenigen Seiten zu dicht - sind Trentmanns Ausführungen zur Erinnerungskultur geraten. Er lobt Deutschland dafür, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten und auch an andere Opfergruppen wachzuhalten. Er warnt vor einer Verharmlosung des wiedererstarkenden Antisemitismus, um sodann anzumahnen, dass die Deutschen aber auch die Erweiterung des Völkerrechts durch die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse als Verpflichtung aus der Geschichte begreifen müssten. Das ist das Sprungbrett, das Trentmann dazu nutzt, das Vorgehen Israels im Gazastreifen und die aus seiner Sicht unzureichende Reaktion der Bundesregierung zu behandeln. Er tut das ausführlicher und engagierter, als das angesichts des titelgebenden Themas des Buches geboten erscheint. Das gilt umso mehr, als die Rolle der Hamas in dem Konflikt stark unterbelichtet bleibt.
Nur am Rande kommt Trentmann auf den Zustand der politischen Institutionen in Deutschland zu sprechen und auf die Frage, inwieweit das Personal den aktuellen Herausforderungen gewachsen ist. Viel mehr als die Empfehlung an die Politiker, mehr Mut aufzubringen, ist dem Buch in dieser Hinsicht nicht zu entnehmen. Ob das allein reichen wird? Die Lage ist ja auch deshalb so kompliziert, weil die Deutschen auf zahlreichere Arten unzufrieden sind als jemals zuvor in ihrer Geschichte. Das Buch endet im säkularisierten Predigerton: "Natürlich ist unsere Welt komplex und voller Hindernisse. Doch die Geschichte erinnert uns daran, dass die Vergangenheit nie vorherbestimmt war. Sie war immer offen und wurde von uns gestaltet. Auch jetzt können wir unsere Gegenwart und Zukunft gestalten. Umlenken beginnt mit Umdenken." Merz könnte diese Sätze jederzeit auf einem CDU-Parteitag sagen. Womit zumindest die Frage, ob er das Buch lesen muss, beantwortet wäre.
Frank Trentmann: "Die blockierte Republik". Deutschland zwischen Vergangenheit und Zukunft.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 288 S., geb.
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