Irmas Geburtstag ist zugleich die Geburtsstunde von Zeugland, eine kommunenhafte Einrichtung für ein Zusammenleben ohne Besitz. Gründerin ist Irmas Mutter. Im Prinzip eine bedauernswerte Figur, die sich von Anfang an zur Antipathieperson schlechthin entwickelt, die man eigentlich aus tiefstem Herzen verachten und hassen müsste, so wie sie mit Irma umgeht. Aber ist sie vielleicht auch nur ein Opfer?
Mit fünfzehn bricht Irma aus der Gemeinschaft, die ihr mehr Familie war als ihre Mutter in hundert Jahren nicht sein könnte, aus, und landet mittellos in der Stadt. Sie hat Glück, kommt im Theater unter, bekommt kleine Arbeiten, ein Dach über dem Kopf und bald sogar Rollen im Theater. Sie scheint ein Naturtalent zu sein, spielt die Rollen so, wie sie glaubt, sie spielen zu müssen, passt sich an. Dabei ist ihr völlig bewusst, dass ihre Mutter dabei als Vorlage dient.
Irma fühlt sich wohl in der Theatergemeinschaft, es ähnelt sogar ein wenig ihrer ersten Wohngemeinschaft. Allerdings mit einem großen Unterschied: während es auf Zeugland kaum persönlichen Besitz gab, herrscht in der Stadt und in ihrem neuen Leben der pure Kapitalismus. Ohne Geld geht nichts. Aber Irma rappelt sich durch. Enge Bekanntschaften zu einem Agent, der sie tatsächlich fördern möchte (zumindest so lange, wie seine Kassa damit klingelt) und in weiterer Folge mit einem toxischen Regisseur, der alles nur aus Eigennutz und persönlichen Befindlichkeiten sieht, bringen sie auf die Bühne.
Doch wie das Leben so spielt, eine Schwangerschaft beenden die Träume, und sie wird fallen gelassen. Auch ihre erste Mentorin, eine erfolgreiche Schauspielerin, kann ihr nicht mehr helfen. Irma kapiert: sie muss ihr eigenes Leben leben, und nicht nur spielen. Und sich nicht nur in die Rolle einer anderen eindenken.
S.239: [] fragte ich mich, was eigentlich mit mir auf der Bühne passierte, solange ich jemand anders war. Wo ist eigentlich Irma währenddessen? Wer passt auf mein wahres Ich auf, wenn ich gerade einem anderen Ich meinen Körper zur Verfügung stelle? Und was ist, wenn ich mich hinter der Bühne nicht wiederfinde?
Dieser Roman ist weit mehr als der Selbstfindungstrip der Ich-Erzählerin Irma. Es ist quasi ein Kern, um den sich wie Zwiebelhäute der Kapitalismus, die alten DDR-Strukturen, und vor allem das Patriarchat spannen. Eine Männerwelt, die stets glaubt, dass Frauen ein Selbstbedienungsladen sind (Spoiler: so wie es auch der Regisseur Taron Irma gegenüber ausdrückte, wenn er morgens seinem Drang nachgeben wollte).
Franziska Hauser hat in diesem Roman spannende, sehr authentisch wirkende Charaktere erschaffen. Wie erwähnt, die einen kann man nur lieben, die anderen nur hassen oder verachten.
Ich bin sehr gerne in diese Welt zwischen Siedlungsgemeinschaft und Theater eingetaucht. Man kann sich wunderbar von den Worten und tollen Sätzen treiben lassen, stets mit einer bestimmten kühlenden Brise im Antlitz, damit man immer gewahr ist, dass das Leben nicht nur Glück und Sonnenschein ist, aber viele Kleinigkeiten zu bieten hat.
Große Leseempfehlung für diesen wunderbaren Roman.
PS: Ein paar Allegorien würden mir noch zum Begriff Zeugland einfallen. Ein geschickt gewählter Name, würde ich sagen. Oder für das Theater, dass ja bekanntlich die Bretter der Welt bedeuten soll.
Und noch eines: Je länger man liest, umso mehr wird man als Leser Teil dieser Welt. Da gibt es keine Längen, oder Wiederholungen. Mit fortschreitender Seitenzahl wird die Stimme der Autorin lauter, gleichzeitig einfühlsamer, die Sprache schöner und die Sätze intensiver. Ganz große Erzählkunst!