Franziska Hausers Debütroman Am Ende der Kleinigkeiten spielt in der Nachwendezeit. Irma wächst in einer ländlichen Kommune namens Zeugland auf einem abgelegenen Hof in Brandenburg auf, vaterlos, nur mit ihrer Mutter. Irmas Kindheit ist geprägt von Kälte und emotionaler Gewalt.
Ich stellte mir die Seele meiner Mutter so stachlig vor wie diese Disteln.
Irma konnte schon mit zwei Jahren sehr gut sprechen, erzählte meine Mutter jedes Mal, wenn ich aufgefordert wurde, nicht so still zu sein. Irma konnte sogar Kompostierungsanlage und Düngemittelverordnung sagen. Aber dann hat sie wieder aufgehört zu sprechen und seitdem nicht mehr richtig angefangen, erzählte sie weiter, als wäre es lustig. Dabei sprach ich sehr wohl, aber sie hörte mich nicht mehr.
Als Irma 15 ist, erträgt sie es nicht mehr: Sie flieht nach Berlin, in der Hoffnung, in der Großstadt ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Sie hatte mich einfach gehen lassen, dachte ich im Bus. Meine Aufregung war unnötig, denn bis hierher hatte meine Anspannung vorerst nur aus der Angst vor der Wut meiner Mutter bestanden.
Ich sah aus dem Busfenster über die Nebelwiesen. Ich könnte jedes erdenkliche Leben führen, wenn ich nur erst da wäre, wo mich niemand kannte, dachte ich.
Eher zufällig landet sie in einem Theater dass sie dort bald selbst auf der Bühne stehen würde, hätte sie nie gedacht. Der Theater-Alltag ist ganz anders als das Leben in der alternativen Siedlungsgemeinschaft. Irma findet Unterschlupf bei Helene und knüpft bald neue Kontakte. Als Ihr Talent entdeckt wird, besetzt der der exzentrische Regisseur Taron Capla sie in einer Hauptrolle. Ironischerweise bekommt Irma am meisten Applaus, wenn sie in ihren Rollen so spricht, wie ihre eigene Mutter es tun würde. Damit fällt es ihr schwer, sich von ihrer toxischen Vergangenheit zu lösen.
Ich hielt mein ganzes Leben für ein riesiges Glück, und auch meine Kindheit auf Zeugland empfand ich neuerdings als Kapital, aus dem ich schöpfen konnte. Das hatte Taron mir eingeredet. So eine verquere Kindheit und diese irrsinnige Mutter seien doch ein Geschenk für ein ganzes Schauspielerleben.
War es auch, denn zu jeder Rolle wäre mir jemand aus der Gemeinschaft eingefallen, den ich hätte nachmachen können. Nur spielte ich letztendlich ständig meine Mutter.
Auch hinter den Kulissen stolpert Irma in ein Drama: Sie beginnt eine Affäre mit Taron, der sie emotional manipuliert. Als sie schwanger wird, und er das Kind nicht anerkennen will, kann Emma endlich für sich und ihr Kind einstehen und ihren Weg in ein freies, selbstbestimmtes Leben lenken.
Franziska Hausers Schreibstil hat mir sehr gut gefallen und Irma ist eine sehr nahbare Protagonistin. Besonders die Szenen mit ihrer Mutter gingen mir unheimlich nahe: Es ist nahezu unvorstellbar, mit so einer Mutter aufzuwachsen.
Ich glaube, ich war im Leben meiner Mutter irgendwann nur noch eine vermeidbare Randerscheinung. Sie erzog mich mit der Überzeugung, eigentlich nicht für mich zuständig zu sein.
Am Ende der Kleinigkeiten ist ein intensiver, sehr berührender Coming-of-Age-Roman über die seelischen Wunden einer lieblosen Kindheit und den schwierigen Weg zu einem Neuanfang.
Vielen Dank an die Frankfurter Verlagsanstalt und NetGalley für das Rezensionsexemplar!