Ein weiterer Versuch des Autors seine Vorstellungen von einem würdevollen, glücklichen und gesunden Leben zu vermitteln ...
Selbstkritisch geht der Neurobiologe und Autor Gerald Hüther mit sich ins Gericht. In der Vergangenheit gab es sowohl Vorwürfe ("[...] andere haben mir vorgeworfen, mich in ihre jeweiligen Spezialgebiete ohne hinreichende Sachkenntnis einzumischen.") als auch Missverständnisse zu seinen beiden Büchern "Etwas mehr Hirn bitte" und "Würde": "[...], es machte mir große Mühe, immer wieder zu erklären, dass es nicht um die Würde im Allgemeinen, sondern um die Wahrung der eigenen Würde im alltäglichen Handeln jedes einzelnen Menschen ginge."Nun also ein weiterer Versuch seine Vorstellungen von einem würdevollen, glücklichen und gesunden Leben unter Beachtung neurobiologischer Erkenntnisse an die Frau bzw. an den Mann zu bringen. Ist er seinen Ansprüchen gerecht geworden?Durchaus, wenn man mal davon absieht, dass die eine oder andere Wiederholungsschleife die Geduld der Leser*innen doch arg strapaziert. Zumal wenn man einige seiner bisherigen Bücher kennt. Viel Neues ist nicht hinzugekommen, der Blickwinkel allerdings ist schon ein beachtenswerter und nicht zu unterschätzender. Denn wer hätte die Lieblosigkeit dieser Welt nicht schon mal am eigenen Leib gespürt. Dabei ist es zunächst unerheblich, ob sie von außen einwirkt, oder ob man sie sich selbst verordnet hat.Auf jeden Fall ist es ein Thema, mit dem sich eine Auseinandersetzung lohnt. Und man bekommt ja auch einiges geboten: Nicht nur eine sendungsbewusste Art des Erklärens (nicht negativ gemeint ...), sondern auch einiges Hintergrundwissen aus der Schatzkiste des Neurologen. Ob diese Interpretationen jeweils in den Kontext neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse passen, muss man als Laie erst einmal als vorausgesetzt akzeptieren. Selbst wenn es nicht so wäre, ist es jedenfalls "schön rund" zu lesen und dem Placebo-Effekt ist es ohnehin egal.Natürlich gibt es auch in diesem Buch zentrale Sätze, denen man bedingungslos zustimmen kann ("Weil so viele Menschen lieblos mit sich umgehen, werden so viele von ihnen krank."), aber schöne Sätze reichen nicht aus, um eine Verhaltensänderung zu initiieren. Was erforderlich wäre, dass nicht nur der Einzelne, sondern die gesamte Gesellschaft einen gesünderen Weg einschlagen kann, wird hier grundlegend erläutert. Die ersten Ansätze in diese Richtung sind ja bereits länger erkennbar, wie das Abflachen der Hierarchien, Übertragung von Verantwortung von Führungskräften auf Mitarbeiter bei zugleich größeren Gestaltungsspielräumen. Anstellte der Hierarchie setzt der Autor den Begriff der Kohärenz, das Gefühl der inneren Zustimmung mit seinem Tun sowie das wohlwollende Spiel der beiden Pole Verbundenheit/Zugehörigkeit und Selbstbestimmung/Autonomie/Freiheit. Wird dies gewahrt, so steht einer Potentialentfaltung jener Menschen kaum noch etwas im Wege. Okay, das ist jetzt ziemlich scherenschnittartig formuliert, aber macht vielleicht Lust, sich mit diesem Buch etwas näher auseinanderzusetzen. Zu wünschen wäre es jedenfalls. Als Spezies wird Homo sapiens wohl nur überleben, wenn er das in ihm angelegte soziale Miteinander wieder stärker in den Vordergrund rückt. (10.5.2021)