Noch stehe ich unter dem Eindruck des Romans Unter einem fremden Stern, der gerade im Januar 2026 neu im 8 grad verlag aufgelegt wurde. Dort fand ich die Annotationen dieser bereits 2023 erschienenen biografische Skizze sowie des zweiten Romans von Lotte Paepcke Ein kleiner Händler, der mein Vater war, beides auch im 8 grad verlag erschienen. Dem Verleger Matthias Grüb und auch den Nachfahren von Lotte Paepcke sei Dank! Mich packte das Lesefieber wie selten: die berührende Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin, die mit viel Glück den Holocaust überlebte und danach voller innerer Kraft und mit hohem Intellekt das neue Leben im Nachkriegsdeutschland und dann in der noch jungen BRD meisterte, auch wieder ein echtes Familienleben haben konnte, das alles fordert mir höchsten Respekt ab.
Die Autorin Gisela Hack-Molitor, die sich bereits mehrfach mit biografischen Arbeiten verdient machte (z. B. über den Verleger Bruno Hauff oder den Neurologen Kurt Goldstein), hat sich intensiv mit den publizierten und veröffentlichten Arbeiten und Interviews der Lotte Paepcke auseinandergesetzt. Offensichtlich hat das Lesen des ersten Romans bei ihr ähnliche Gefühle verursacht wie bei mir. Ich hatte meiner Rezension den Titel "Der Tod hatte mich nicht genommen." gegeben, sie hat ihrem Buch mit dem Untertitel Es wurde nicht wieder gut emotionalen Nachdruck verliehen. Beides ist die Quintessenz aus Lotte Paepckes Leben. Trotzdem kann sie auf Fotos ein zauberhaftes Lachen zeigen, das mich sehr an meine Mutter erinnert, die als Halbjüdin den Holocaust ebenfalls überlebte.
Das Lebensthema jüdischer Existenz in Deutschland wird Lotte Paepcke bekannt machen, sie vertritt vehement ihre Ansichten, Hack-Molitor scheibt dazu Die Interviews mit Lotte Paepcke sind von ihrer ausgesprochen zurückgenommenen, rational-nüchternen Art geprägt, auch in Bezug auf emotional aufwühlende Erlebnisse.
Die Biografie zeichnet mit kurzen, prägnanten Passagen das Leben von Lotte Paepcke nach, ihre Jugendjahre, ersten Jahre nach der Machtergreifung Hitlers, dass sie trotz dieser nach einem Aufenthalt im Ausland mit ihrem Mann Ernst August wieder zurück nach Deutschland kommt, nicht ahnend, dass sie das beinahe das Leben kosten wird. Der Leser erfährt von ihrer Ehe, vom kleinen Sohn Peter, der mit drei Jahren kurz vor den Novemberpogromen getauft wird, trotzdem als Mischling herabgewürdigt wird, von schwierigen (Über-)Lebensbedingungen, von Flucht und zuletzt vom Verstecken in einem Kloster. Es war harte Kost für mich, auch wenn das Buch nicht dick ist, hat es mich sehr berührt und traurig gemacht. Daran konnte auch der gute Ausgang nichts ändern, das beständige Denken und Erinnern fiel sicher auch Lotte Paepcke nicht leicht.
Lotte Paepcke hat nach dem Krieg eine sehr bestimmte, feministische Haltung eingenommen, ob sie es aber wegen der Geschlechtergerechtigkeit für notwendig erachtet hätte, mit häufigen Doppelnennungen den Lesefluss oder in Interviews den Redefluss zu stören, das wage ich zu bezweifeln. Leider kann man die Interviews nicht nachhören, es sei denn, man begibt sich in die Archive des SWR und SR. Nachbarinnen und Nachbarn, Mitbürgerinnen und Mitbürger, Jüdinnen und Juden, Mitarbeitende (1938 hat wohl niemand so gesprochen), Leserinnen und Leser etc. Über sich selbst schreibt Lotte Paepcke nämlich Ich werde nach Deutschland zurückkehren und dort leben als ein Jude. Schade, dieses Buch wäre mit Verwendung des generischen Maskulinums weitaus lesbarer geworden.
Hack-Molitor schreibt ja auch, Die sprachliche Palette Lotte Paepckes ist breit. Ich freue mich, dass so in der Biografie auch von ihren Gedichten zu lesen ist! Diese sind nicht Reime im eigentlichen Sinne, sie sind Ausdruck ihres ganzen Denkens und Fühlens, sie bringt damit alles auf einen Nenner. Romane werden zu kleinen Kunstwerken der Lyrik ohne Reim. Ich verweigere mich jeglichem Vergleich zu anderen jüdischen Dichtern, Lotte Paepcke hat ihre eigene Sprache, sie muss nicht zu den anderen passen oder sich abheben.
Lotte Paepcke fühlte sich oftmals im Nachkriegsdeutschland nicht wohl, sprach von Angst, wollte trotzdem in der Heimat bleiben, obwohl es nicht mehr die Heimat ist, die sie in ihrer Jugend als solche empfand. Hochspannend die Ambivalenz, die Möglichkeit, Israel als neue, jüdische Heimat zu wählen, schlägt sie aus.
Am Ende beschäftigt sich Hack-Molitor noch einmal mit dem eingangs genannten Roman über Paepckes Vater. Auch dieses Buch lohnt einen zweiten Blick! Und am Ende kann man den Brief des Großvaters Max Mayer an seinen dreijährigen Enkel Peter lesen, den er 1938 kurz vor dessen Taufe schrieb. Es ist kein Brief an ein Kind, sondern an den erwachsenen Peter, es ist das gesamte Lebensvermächtnis dieses kleinen, hoch intelligenten Mannes. Erinnerung gehört zum Wesen des Judentums. Dieser Satz umfasst alles, was ich empfinde, die Erinnerung an die eigene Familie und ihre Geschichte, an die Juden und ihre Geschichte, begleiten mich unendlich.
Hack-Molitor geht auch auf die aktuelle Lage der Juden in Deutschland und in der ganzen Welt ein. Dieses Buch erschien rund 14 Tage vor dem 7. Oktober 2023, das Massaker der Hamas hat seitdem die Welt noch einmal mehr verändert, die Lage der Juden im ganz alltäglichen Leben verschlechtert, sie werden wieder öffentlich beschimpft und bespuckt, weitere Attentate sind seitdem gefolgt. Für mich ist das die schrecklichste Entwicklung, die die Welt nehmen kann. Meinetwegen muss niemand Zeichen setzen gegen den Antisemitismus, die Erinnerungswellen sind ja gut und schön, aber ich erwarte von der Politik einfach eine klare Haltung für die Juden und pro Israel und hoffe, dass ich nicht wie Lotte Paepcke eines Tages auch Angst haben muss um mein Leben und meine Familie. Gerade das Kapitel Memento ist deshalb besonders wichtig für die heutigen Leser.
Ein letztes Zitat, das sich wie ein Vermächtnis und wie eine Warnung liest, will ich noch anfügen: Ihre [Paepckes] Bücher machen am individuellen Schicksal begreiflich, wie der nationalsozialistische Staatsterror seine Rassenideologie in kürzester Zeit umzusetzen und ein funktionierendes staatsbürgerliches Miteinander zu zerschlagen imstande war.
Zur Gestaltung und Typografie: Beides gefällt mir sehr, besonders das Cover ist gut gelungen. Die Wahl der Schriften ist vorzüglich, die unterschiedlichen Überschriften, Unterüberschriften und der Text sind eine gute Symbiose eingegangen, für mich eine Freude beim Lesen der schwierigen Thematik. Da hätten auf den Inhaltsseiten aus ästhetischer Typografensicht die Fußnoten sicher gestört. Trotzdem hat es mich etwas gestört, so oft nach hinten blättern zu müssen, denn die Fußnoten (sie heißenF im Buch ja Anmerkungen) auf der Seite mit dem zugehörigen Text wären hilfreich und würden das Lesen nicht ständig unterbrechen. Am Ende ein Dank für die Literaturangaben, ich suche jetzt vor allem noch nach den Gedichten.
Fazit: Die Veröffentlichung dieser Biografie und der Bücher von Lotte Paepcke macht mich sehr froh, aber auch nachdenklich. Ich empfehle die Lektüren allen Geschichtsinteressierten, egal welchen Alters.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.