Am 6. August 1926, also vor 100 Jahren, durchschwimmt die 21-jährige Gertrude »Trudy« Ederle (1905-2023) als erste Frau den Ärmelkanal und bleibt trotz wellenbedingtem Umweg mehr als zwei Stunden unter der Zeit des aktuellen Streckenrekords eines Mannes. Bei ihrer Rückkehr aus Europa wird sie in New York als »Königin der Wellen« von zwei Millionen Menschen bejubelt.
Wer ist die junge Frau, die beim zweiten Versuch im etwas mehr als 14 Stunden den Ärmelkanal bewältigt? Eine Frau, die schneller schwimmt als die Männer, die Grenzen verschiebt und Hoffnung wie Stolz verkörpert?
Gertrude »Trudy« Ederle ist das dritte von sechs Kinder des deutschen Auswandererehepaar Ederle, die Ende des 19. Jahrhunderts den Weg über den großen Teich gefunden haben. Der Vater, ein Metzger gründet eine Metzgerei, die bald ordentlich Gewinn abwirft, so dass die Familie kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs einen Besuch in der alten Heimat machen kann. Dort lernt Trudy, der Familienchronik nach, im Dorfteich schwimmen. Die Faszination des Elementes Wasser wird sie nie mehr loslassen, auch wenn sie schon in jungen Jahren nach einer Maserinfektion ertaubt.
Zurück in den USA schwimmt Trudy mit zwölf Jahren ihren ersten Weltrekord, immer scheel angesehen von der damaligen Gesellschaft, vorrangig von den Männern, die bestimmen, was sich für Mädchen und Frauen schickt oder eben nicht. Sich sportlich zu betätigen, abseits von Tennis, ist ein no-go.
Eine Frau, die zu stark ist, gilt als unpassend. schreibt Charlotte Perkins Gilman, US-amerikanische Sozialreformerin, im Jahr 1911. (S. 48)
Doch niemand hat mit der Sturheit und Zielstrebigkeit von Trudy gerechnet. Obwohl sie von Schwimmtrainern und Vereinen mehr behindert als gefördert wird, ist ihr großes Ziel, dem sie alles unterordnet die Durchquerung des Ärmelkanals.
Dabei muss sie sich nicht nur gegen die Unbillen der Natur, sondern vor allem gegen die Widerstände der Gesellschaft stellen. Die Badebekleidung ist ein aus Wolle gefertigter Einteiler mit Ärmeln und Beinen, der sich voll mit Wasser saugt und kaum die richtigen Bewegungsabläufe zulässt. Gemeinsam mit Schwester Margarethe entwickelt Trudy einen Zweiteiler, der mehr Bewegungsfreiheit bietet.
Der Ruhm, dem sie mit ihrem erfolgreichen Durchschwimmen des Kanals, erntet, ist nur von kurzer Dauer. Sie wird von jenen, die sie zuvor belächelt haben, vereinnahmt. Sie gilt als feministische Ikone, obwohl sie nichts anderes wollte, als schwimmen. Dieser Berufung bleibt sie bis ins hohe Alter treu, betreut Schwimmkurse für Kinder, darunter zahlreiche Gehörlose.
Während Trudy Ederle, sie wird nie heiraten, in den USA bald vergessen ist, gedenkt man ihr in Bissingen an der Teck, dem Heimatort ihres Vaters noch heute.
Am 30.November 2023 stirbt Gertrude Trudy Ederle mit 98 Jahren in einem Pflegeheim in New Jersey, weit weg von tosenden Wellen des Atlantiks. Während ihre Rekordleistung im August 1926 die Massen bewegt hat, ist die Nachricht über ihren Tod zunächst nur eine winzige Randnotiz.
Meine Meinung:
Kai Bliesener nennt sein Buch über meine Namensvetterin Gertrude Trudy Ederle eine biografische Skizze. Ich habe zwar mit Leistungsport und Schwimmen nichts am Hut, doch über Frauen, die sich gegen das Establishment stellen, lese ich gerne.
Das Thema finde ich großartig! An manchen Stellen nerven mich die häufige Wiederholungen, wenn es gilt, das unzulängliche Material für die Badebekleidung zu erwähnen. Ja, dicke Baumwolle und Schafwolle sind als Material für Badeanzügen unbrauchbar. Aber muss das so oft wiederholt werden? Wir LeserInnen können uns das merken.
Kai Bliesener hat die Herkunftsgeschichte der Familie Ederle penibel recherchiert und mit einigen Fotos ergänzt. Selbst ein Foto des Blissener See vom Jahr 2026 ist abgebildet.
Geschickt flicht der Autor die Geschichte des weiblichen Schwimmsports, der 1912 erstmals olympisch wird, ein. Zudem stellt er die Möglichkeiten im Schwimmsport von damals jenen von heute gegenüber. Was für eine Entwicklung!
Fazit:
Gerne gebe ich dieser biografischen Skizze einer beeindruckenden Frau 5 Sterne und eine Leseempfehlung.