Eisinsel war für mich vor allem eine Charakterstudie über einen Protagonisten, den ich die ganze Zeit beobachtet habe wie ein Insekt unter einem Glas. Victor ist unglaublich schwer zu greifen. Nach außen wirkt er ruhig, empathisch und hingebungsvoll, während seine Gedanken und sein Umgang mit anderen immer wieder etwas Unheimliches ausstrahlen. Genau dieses ständige Hinterfragen, was in ihm eigentlich vorgeht, hat für mich den größten Reiz des Buches ausgemacht.
Gerade die Einblicke in seine Vergangenheit zeigen, wie sehr ihn seine Familie und seine Kindheit geprägt haben. Trotzdem hatte ich oft das Gefühl, dass sich einige Passagen zu sehr wiederholen. Die Gespräche mit den Patienten und Victors Blick auf die Welt haben sich für mich irgendwann gezogen, obwohl ich seine Gedankengänge grundsätzlich spannend fand.
Wenn die Handlung später anzieht, zieht sie allerdings richtig an. Einige Szenen gehören definitiv zu den verstörendsten, die ich bisher in einem Thriller gelesen habe. Wer empfindlich auf explizite Gewalt reagiert, sollte das im Hinterkopf behalten.
Zudem am Anfang des Buches ganz eindeutig eine Warnung auf Inhalte mit Triggergefahr verwiesen werden müsste, welche am Ende des Buches aufgelistet werden müssten.
Was mir am Ende leider gefehlt hat, war ein runderer Abschluss. Ich hätte gerne noch erfahren, wie es nach den Ereignissen für Victor weitergeht.
Der Schreibstil konnte mich leider auch nicht wirklich überzeugen. Im Wechsel zwischen heute und damals, im schnellen Wechsel von Gedankengang zu aktivem Gespräch, hat es mich oft verwirrt zurückgelassen.
Insgesamt ist Eisinsel für mich aber kein klassischer Thriller. Dafür nimmt die psychologische Entwicklung der Figur und die Auseinandersetzung mit Tod, Einsamkeit und menschlichen Abgründen zu viel Raum ein. Gerade diese Mischung macht das Buch interessant, auch wenn es für mich leider überhaupt nicht gestimmt hat.