
Sommer 1954: Thomas Mann kommt zusammen mit seiner Frau Katia nach Düsseldorf, um aus dem "Felix Krull" zu lesen, der sich zum Bestseller entwickelt. Im selben Hotel, dem "Breidenbacher Hof", ist gleichzeitig Klaus Heuser, auf Heimaturlaub aus Asien, mit seinem Freund Anwar abgestiegen, ein Zufall, der es in sich hat. Denn Klaus Heuser, den er 1927 kennengelernt hatte, gehört zu Thomas Manns großen Lieben. In der Figur des Joseph hat er ihm ein Denkmal gesetzt. Nun sorgt die mögliche Begegnung der beiden für größte Unruhe, zusätzlich zu dem Aufruhr, den der Besuch des ins Exil gegangenen Schriftstellers im Nachkriegs-Deutschland ohnehin auslöst. Erika Mann mischt sich ein, Golo Mann und Ernst Bertram verfolgen ihre eigenen Ziele, und die Honoratioren der Stadt ringen um Haltung. Dazwischen die ewigen Fragen der Literatur, nach Ruhm und Verzicht, der Verantwortung des Künstlers und dem Preis des eigenen Lebens, nach dem Gelingen und Rang.
Anschaulich und dezent, auf der Folie realer Vorkommnisse und bisher unbekannter Dokumente, dabei mit einem Anklang an "Lotte in Weimar", lebendig und kenntnisreich, atmosphärisch und voll sprechender Details und unvergesslicher Figuren erzählt Hans Pleschinski in diesem großen Roman von Liebe, Verantwortung und Literatur - und von den 50er-Jahren in Deutschland.
" Hans Pleschinski [hat] als Übersetzer, Autor und Herausgeber schon oft gezeigt, dass er sich unter den mondänen Herzögen und Fürsten des Ancien Régime wohler fühlt als in der prosaischen Gegenwart. "
Martin Halter, Die Tageszeitung, 27. November 2013
" Ein großes Lesevergnügen auf den oberen ästhetischen Rängen. "
Tilman Krause, Literarische Welt, 07. Dezember 2013
" Fabelhaft, wie Pleschinski mit den literarischen Motiven und Marotten seines Vorbilds spielt. "
Focus, 19. November 2013
" Ein Roman über die versteckte Liebe von Thomas Mann, der auf bisher unveröffentlichten Original-Briefen basiert. "
Buchtipp, Oktober 2013
" Pleschinski inszeniert ein von der ersten Zeile gleichermaßen amüsantes wie wahnwitzig überdrehtes Tür-auf-Tür-zu-Vaudeville und ein kluges Spiel über Sex und Text, Leben und Literatur, Homosexualität und Heuchelei. "
Denis Scheck, Druckfrisch, 01. September 2013
" Pleschinskis Klaus in Düsseldorf persifliert den Zinnober um den Dichterfürsten, so wie dieser es in Lotte in Weimar tat. Natürlich gibt es viele Anspielungen für den Kenner aber psychologisch feinnervig gilt sein Blick vor allem dem irdischen Leiden der Großen und unserem an Ihnen. ( ) Der Reiz dieses Romans liegt in Pleschinskis kunstvoller Figurenrede mit ständigem Tonlagenwechsel. ( ) So betreibt Pleschinski eine Verteidigung Thomas Manns sowohl gegen seine Vergötzer als auch gegen seine Verächter. Letztere dürften dennoch die Augen verdrehen über herrliche Verdrehtheiten; sie wissen eben nicht, dass man den Ernst des Lebens umspielt, um ihm nicht zu unterliegen. Hans Pleschinski gelingt dabei das denkbar Schwerste: das ewig Schwierige leicht zu machen. Dem Zauberer hätte solch famose Zauberei gefallen. "
Alexander Cammann, Die Zeit, 25. Juli 2013
" Wer Thomas Mann liebt, wird Königsallee als ein Fest erleben. Pleschinski zitiert, karikiert, parodiert. Er spielt mit der Sprache des Nobelpreisträgers, spickt seinen Roman mit literarischen Anspielungen. Vor allem aber malt Pleschinski ein bonbonbuntes Panorama der fünfziger Jahre. "
Carmen Eller, Literaturen, Herbst 2013
" Hans Pleschinski aber findet eine Sprache, die ganz klar seine eigene ist, sich aber das Spiel mit Zitat, Anmutung und Parodie nicht entgehen lässt, ohne auch nur in die Nähe platter Nachahmung zu geraten. Das wäre eigentlich schon genug, um ihn zu rühmen, doch die Briefe von Klaus Heuser an Thomas Mann, auf die Pleschinski bei seinen Recherchen stieß und die er nun verwendet, um das spätere Wiedersehen der beiden Männer zu inszenieren, machen den Roman von Beginn an auch literaturhistorisch bedeutsam. "
Georg M. Oswald, Buchreport Express, 19. September 2013
" Ein höchst amüsanter Roman (. . .) eine kluge Aufheiterung"
Jens Bisky, Süddeutsche Zeitung, 27. Juli 2013
" Pleschinskis Literatenparade ist amüsant, pastichehaft, wissensgesättigt. "
Ulrich Rüdenauer, Falter, 18. September 2013
" Um den vergnüglichen Reiz des Buches zu verdeutlichen, ist ein Hinweis auf die dichte literarische Atmosphäre des Romans unabdingbar. "
Volkmar Hansen, Rheinische Post, 20. August 2013
" Eine angenehme, kluge, erheiternde Lektüre und ist der humorlosen Breloerisierung der Familie Mann vorzuziehen"
Wolfgang Schneider, Deutschlandradio, 05. August 2013
" Wer aber eine Parallelaktion beginnen und neben der Lektüre von Königsallee noch im Krull , in der Lotte oder Manns Tagebüchern blättern will, dem sei dies nachdrücklich empfohlen. Es steigert das Vergnügen an beiden Autoren. "
Manfred Koch, Neue Züricher Zeitung, 3. August 2013
" Hans Pleschinskis Literaten-Parade ist amüsant, pastichehaft, wissensgesättigt ( ) Der staccatohafte, sich immer ein wenig lustig machende Ton erzeugt Zeitkolorit, viele kleine Details tragen zu diesem bei (" Isetta heißt das Döschen"); die Ironie entsteht durch Verknappung und Situationskomik. "
Ulrich Rüdenauer, Süddeutsche Zeitung, 20. Juli 2013
" So lässt denn Hans Pleschinski , der mit seinem historischen Sinn, dann aber auch mit seinem am französischen Dixhuitième geschulten, elegant federnden Stil zu den wirklich gebildeten Schriftstellern bei uns gehört ( ) seinen Thomas-Mann-Roman im versöhnlichen Licht des Spätruhms spielen.
Tilman Krause, Die Welt, 13. Juli 2013
Besprechung vom 23.05.2026
Die Demokratisierung des Überflusses
Sein gefeierter Thomas-Mann-Roman "Königsallee" ist auch ein Klaus-Heuser-Roman. Hans Pleschinski, der heute siebzig Jahre alt wird, lädt die Leser ein, unausgeschöpfte Möglichkeiten des Lebens zu erkunden, ohne sich falschen Hoffnungen hinzugeben.
Düsseldorf 1954. Nach achtzehnjähriger Abwesenheit besucht ein Mann seine Eltern. Als er wegging, war er noch ein junger Mann. Jetzt ist er nicht mehr jung. Er kommt nicht allein. "Zwei Herren aus Fernost" heißt das zweite Kapitel von Hans Pleschinskis Roman "Königsallee" aus dem Jahr 2013. Der Heimatbesucher wird von seinem Leibdiener, Kompagnon und Lebenspartner begleitet, einer eleganten, dunkelhäutigen Erscheinung mit dem Vornamen Anwar.
Dass mit dem verlorenen Sohn ein wilder Schwiegersohn ins Haus kommt, ist für die Eltern nicht der Rede wert. Das gemischtfarbige schwule Paar darf sich im Adenauer-Rheinland sofort zu Hause fühlen: eine kleine, private Utopie, die Pleschinski in seinen eigenen Roman hineingeschmuggelt hat, in aller Diskretion skizziert, durch Aussparung, eine Vignette am Rande der doppelten Haupt- und Staatsaktion, die der Stoff der Handlung ist: fürs schaulustige, an Repräsentation interessierte Publikum in der schon wieder fast unverschämt wohlhabenden Stadt Düsseldorf der Besuch des neunundsiebzigjährigen Thomas Mann, fürs Publikum mit dem Buch in der Hand, dessen Leselust, wenn es ehrlich ist, auch durch repräsentative Valeurs stimuliert wird, die von Pleschinski erfundene, durch den Aufwand des Romanarrangements versprochene und zum guten Schluss auch gewährte Wiederbegegnung Thomas Manns mit seinem Geliebten aus dem Sommer 1937.
"Königsallee" ist ein Thomas-Mann-Roman, aber auch, und davon war in den überwiegend enthusiastischen Rezensionen vielleicht zu wenig die Rede, ein Klaus-Heuser-Roman. Jeder Thomas-Mann-Liebhaber kennt Heuser, weil Thomas Mann im Tagebuch so offenherzig über ihn geschrieben hat. Als Joseph und Felix Krull ist er ins Werk eingegangen, und so blieb er für die Leser Thomas Manns ewig jung - anders natürlich als in der wirklichen Welt, aus der Pleschinski ihn unter Benutzung von Nachlassdokumenten in die Literatur zurückholt. Altern als Problem für Nichtkünstler ist eines der Nebenthemen von "Königsallee". Die Himmelsveränderung bietet Klaus und Anwar Anlass, über die Stabilität ihrer in die Jahre und damit in ein behagliches Gleichgewicht geratenen Beziehung nachzusinnen. Gefährdet wird sie nicht von Thomas Mann, sondern von einer Thomas-Mann-Figur, einem Liftboy, der als Doppelgänger Krulls angelegt ist.
Pleschinski hat sich auf Künstlerromane spezialisiert, ließ zwei weitere Romane über Literaturnobelpreisträger folgen, "Wiesenstein" 2018 zu Gerhart Hauptmann und "Am Götterbaum" 2021 zu Paul Heyse. Dass die Kunst im Leben nicht alles ist, wird im ausgenüchterten Zustand auch der größte Künstlerromanfan nicht bestreiten, aber es gehört eine besondere Kunst dazu, das im Roman zu verstehen zu geben, also im Zuge der Ausschüttung der Rauschmittel. Klaus Heuser teilt bei Pleschinski mit Thomas Mann die Überempfindlichkeit. Er flieht aus dem Elternhaus, weil er die pausenlosen Reden nicht erträgt, mit denen die Eltern nach achtzehnjähriger Trennung auf ihn und seinen Freund eindrängen. Zwei Mansarden im Grandhotel bieten Asyl, doch die Klinke der ungepolsterten Zimmertür geben sich ungebetene Gäste in die Hand, Erika Mann und der um Entnazifizierung bettelnde Germanist Ernst Bertram. Golo Mann kommt noch hinzu, und alle drei reden, reden, reden. Dem Protagonisten des Klaus-Heuser-Romans möchte man zurufen: Selbst schuld - was musstest du auch ins Exil gehen?
Die Maßlosigkeit der rhetorischen Einlagen ist offenkundige dichterische Absicht. Nur worin besteht sie? Im Thomas-Mann-Roman verweisen die missglückten Reden der Kinder und des einstigen gelehrten Beraters auf die Ansprachen an deutsche Hörer und Leser, die sozusagen zur Schonung der Adressaten im Roman nicht reproduziert werden, weil Pleschinski annehmen kann, dass wir inzwischen unsere Lektion gelernt haben. So vergegenwärtigt die vollendet heitere Form den Ernst der Sache.
In Hans Pleschinskis autofiktionalem Roman "Bildnis eines Unsichtbaren" von 2002, der soeben in einer Neuausgabe erschienen ist, zitiert der Ich-Erzähler aus dem Tagebuch seines verstorbenen Lebenspartners, dass es diesem "nahezu unmöglich" war, Thomas Manns "Zauberberg" auszulesen, weil er sich "gegen die Totalität der Illusion" sträubte. Pleschinskis Romane brechen diese Illusion auf und stellen sie wieder her, indem sie den Leser am Wiederaufbau beteiligen. Geschichte ist sein Stoff, die Summe unausgeschöpfter Möglichkeiten. Erika und Golo Mann haben im Roman ihr Erbe gut angelegt, geben, wenn sie den Mund aufmachen, erst einmal Champagner oder Niersteiner aus. Der Königsweg von Hans Pleschinskis Phantasie führt uns in ein Land, in dem die Großzügigkeit regiert. Heute stoßen wir auf seinen siebzigsten Geburtstag an. PATRICK BAHNERS
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