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Sommer 1954: Der 79-jährige Thomas Mann wird mit seiner Frau Katia in Düsseldorf erwartet, um aus seinem neuen Bestseller 'Felix Krull' zu lesen. Im vornehmen »Breidenbacher Hof« in der Königsallee ist die Hölle los, denn man möchte vor dem berühmten wie anspruchsvollen Literaten den alten Glanz des Hauses und der honorigen Kulturstadt inszenieren. Im selben Hotel logiert auch Klaus Heuser mit seinem Freund Anwar - ein Zufall, der vor allem bei Erika Mann für größte Unruhe sorgt, denn Klaus Heuser gehört zu den großen Lieben des Schriftstellers. Auf der Folie realer Geschehnisse und bisher ungekannter Dokumente erzählt der Autor mit umwerfend einfühlsamer sprachlicher Brillanz von Liebe und Verantwortung, von Literatur und Kunst.
Besprechung vom 23.05.2026
Die Demokratisierung des Überflusses
Sein gefeierter Thomas-Mann-Roman "Königsallee" ist auch ein Klaus-Heuser-Roman. Hans Pleschinski, der heute siebzig Jahre alt wird, lädt die Leser ein, unausgeschöpfte Möglichkeiten des Lebens zu erkunden, ohne sich falschen Hoffnungen hinzugeben.
Düsseldorf 1954. Nach achtzehnjähriger Abwesenheit besucht ein Mann seine Eltern. Als er wegging, war er noch ein junger Mann. Jetzt ist er nicht mehr jung. Er kommt nicht allein. "Zwei Herren aus Fernost" heißt das zweite Kapitel von Hans Pleschinskis Roman "Königsallee" aus dem Jahr 2013. Der Heimatbesucher wird von seinem Leibdiener, Kompagnon und Lebenspartner begleitet, einer eleganten, dunkelhäutigen Erscheinung mit dem Vornamen Anwar.
Dass mit dem verlorenen Sohn ein wilder Schwiegersohn ins Haus kommt, ist für die Eltern nicht der Rede wert. Das gemischtfarbige schwule Paar darf sich im Adenauer-Rheinland sofort zu Hause fühlen: eine kleine, private Utopie, die Pleschinski in seinen eigenen Roman hineingeschmuggelt hat, in aller Diskretion skizziert, durch Aussparung, eine Vignette am Rande der doppelten Haupt- und Staatsaktion, die der Stoff der Handlung ist: fürs schaulustige, an Repräsentation interessierte Publikum in der schon wieder fast unverschämt wohlhabenden Stadt Düsseldorf der Besuch des neunundsiebzigjährigen Thomas Mann, fürs Publikum mit dem Buch in der Hand, dessen Leselust, wenn es ehrlich ist, auch durch repräsentative Valeurs stimuliert wird, die von Pleschinski erfundene, durch den Aufwand des Romanarrangements versprochene und zum guten Schluss auch gewährte Wiederbegegnung Thomas Manns mit seinem Geliebten aus dem Sommer 1937.
"Königsallee" ist ein Thomas-Mann-Roman, aber auch, und davon war in den überwiegend enthusiastischen Rezensionen vielleicht zu wenig die Rede, ein Klaus-Heuser-Roman. Jeder Thomas-Mann-Liebhaber kennt Heuser, weil Thomas Mann im Tagebuch so offenherzig über ihn geschrieben hat. Als Joseph und Felix Krull ist er ins Werk eingegangen, und so blieb er für die Leser Thomas Manns ewig jung - anders natürlich als in der wirklichen Welt, aus der Pleschinski ihn unter Benutzung von Nachlassdokumenten in die Literatur zurückholt. Altern als Problem für Nichtkünstler ist eines der Nebenthemen von "Königsallee". Die Himmelsveränderung bietet Klaus und Anwar Anlass, über die Stabilität ihrer in die Jahre und damit in ein behagliches Gleichgewicht geratenen Beziehung nachzusinnen. Gefährdet wird sie nicht von Thomas Mann, sondern von einer Thomas-Mann-Figur, einem Liftboy, der als Doppelgänger Krulls angelegt ist.
Pleschinski hat sich auf Künstlerromane spezialisiert, ließ zwei weitere Romane über Literaturnobelpreisträger folgen, "Wiesenstein" 2018 zu Gerhart Hauptmann und "Am Götterbaum" 2021 zu Paul Heyse. Dass die Kunst im Leben nicht alles ist, wird im ausgenüchterten Zustand auch der größte Künstlerromanfan nicht bestreiten, aber es gehört eine besondere Kunst dazu, das im Roman zu verstehen zu geben, also im Zuge der Ausschüttung der Rauschmittel. Klaus Heuser teilt bei Pleschinski mit Thomas Mann die Überempfindlichkeit. Er flieht aus dem Elternhaus, weil er die pausenlosen Reden nicht erträgt, mit denen die Eltern nach achtzehnjähriger Trennung auf ihn und seinen Freund eindrängen. Zwei Mansarden im Grandhotel bieten Asyl, doch die Klinke der ungepolsterten Zimmertür geben sich ungebetene Gäste in die Hand, Erika Mann und der um Entnazifizierung bettelnde Germanist Ernst Bertram. Golo Mann kommt noch hinzu, und alle drei reden, reden, reden. Dem Protagonisten des Klaus-Heuser-Romans möchte man zurufen: Selbst schuld - was musstest du auch ins Exil gehen?
Die Maßlosigkeit der rhetorischen Einlagen ist offenkundige dichterische Absicht. Nur worin besteht sie? Im Thomas-Mann-Roman verweisen die missglückten Reden der Kinder und des einstigen gelehrten Beraters auf die Ansprachen an deutsche Hörer und Leser, die sozusagen zur Schonung der Adressaten im Roman nicht reproduziert werden, weil Pleschinski annehmen kann, dass wir inzwischen unsere Lektion gelernt haben. So vergegenwärtigt die vollendet heitere Form den Ernst der Sache.
In Hans Pleschinskis autofiktionalem Roman "Bildnis eines Unsichtbaren" von 2002, der soeben in einer Neuausgabe erschienen ist, zitiert der Ich-Erzähler aus dem Tagebuch seines verstorbenen Lebenspartners, dass es diesem "nahezu unmöglich" war, Thomas Manns "Zauberberg" auszulesen, weil er sich "gegen die Totalität der Illusion" sträubte. Pleschinskis Romane brechen diese Illusion auf und stellen sie wieder her, indem sie den Leser am Wiederaufbau beteiligen. Geschichte ist sein Stoff, die Summe unausgeschöpfter Möglichkeiten. Erika und Golo Mann haben im Roman ihr Erbe gut angelegt, geben, wenn sie den Mund aufmachen, erst einmal Champagner oder Niersteiner aus. Der Königsweg von Hans Pleschinskis Phantasie führt uns in ein Land, in dem die Großzügigkeit regiert. Heute stoßen wir auf seinen siebzigsten Geburtstag an. PATRICK BAHNERS
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