Spannende Unterhaltungslektüre - etwas verquer und mit nicht eingelöstem philosophischen Anspruch
Haruki Murakami hat eine ganze Menge enthusiastischer Fans - gerade unter Leuten, die selbst schreiben. Das weckte meine Neugier. Um mich dem Werk des Vielgelobten zu nähern, habe ich mich für den 1985 erschienenen Roman "Hardboiled Wonderland und das Ende der Welt" entschieden.Das Buch enthält zwei Erzählstränge, die kapitelweise wechseln; sie sind in den Überschriften explizit ausgewiesen, in unterschiedlichen Zeitformen beschrieben und auch typografisch voneinander abgehoben. Es ist also alles geboten, um Verwirrung beim Publikum zu vermeiden. Natürlich hängen die beiden anfangs völlig disparat wirkenden Ströme zusammen.In "Das Ende der Welt" kommt der Icherzähler, ohne zu wissen, wie, in ein geheimnisvolles traumartiges Städtchen, in dem Einhörner grasen. Er wird umsorgt, alle sind um sein Wohl bedacht, und er wird schon erwartet, um seine Tätigkeit als Traumleser anzutreten. Allerdings muss er sich von seinem Schatten trennen und ihm wird beschieden, dass er nicht mehr hinaus kann. Das Traumlesen findet in der Bibliothek statt, eine Bibliothekarin bringt ihm alte Tierschädel, aus denen Bilder aufsteigen, wenn er sie berührt - und diese Bilder betrachtet er, vier oder fünf Schädel schafft er pro Abend. Als der Winter kommt, erfährt er, dass sein Schatten, den er beim Torwächter zurückgelassen hat, bald sterben wird und dass mit dem Tod des Schattens auch die Seele dahingehen muss. Es erwartet ihn ein ewiges Dasein ohne Erinnerungen, Leid und Leidenschaft im wohlgeordneten, friedlichen Einerlei des Städtchens. Aber noch ist sein Schatten nicht tot, vielmehr schmiedet er Pläne für den gemeinschaftlichen Ausbruch aus der öden Seligkeit.Actionreicher geht es im zweiten Strang zu, "Hardboiled Wonderland" spielt im Tokio einer nahen Zukunft. Das "System" beherrscht den Umgang und Handel mit Daten und die "Semioten" sind die Piraten, die mit dem "System" konkurrieren. Der Icherzähler arbeitet als freiberuflicher "Kalkulator" für das System, was heißt, dass er mit Hilfe seiner Hirnströme Daten, die man ihm vorlegt, chiffriert. Er erhält einen Auftrag von einem geheimnisvollen Professor, der ein Labor tief im Untergrund betreibt. Als er dessen Zahlenkolonnen verschlüsseln soll, bekommt er geheimnisvollen Besuch und stellt fest, dass man hinter ihm her ist. Nach aufregenden Verfolgungsjagden durch die Tunnellandschaften mit der dicken Tochter des Wissenschaftlers und durch Tokio mit einer Bibliothekarin, die ihm bei seinen Recherchen geholfen hat, zeigt sich: Der Professor hat eine Methode gefunden, die Psyche von Menschen zu einem gegebenem Zeitpunkt abzuziehen, anzureichern und zu visualisieren und so als einzigartigen Kodierungsschlüssel für Daten zu verwenden (das sogenannte "Shuffling"). Im Falle des Helden ist das Bewusstseinsabbild eben das "Ende der Welt" und aufgrund eines neuronalen Fehlers droht er, innerhalb von zwei Tagen sein derzeitiges Bewusstsein zu verlieren und sich am "Ende der Welt" zu finden, was nichts anderes heißt, als dass er physisch tot sein wird. Nur wenn er es schafft, aus dem "Ende der Welt" zu entkommen, kann er im Hier und Jetzt weiterleben - aber möchte er das überhaupt?Ich habe mich bei der Lektüre unterhalten, es war immer fesselnd, und man wollte wissen, wie es weitergeht. Kurios fand ich, wie europäisch der Roman geprägt ist: Die mythische Welt des ummauerten Städtchens hat keinerlei asiatische oder japanische Prägung - sie ist vage, zeitlos und unverortet. Die Tokioter Erzählung dagegen ist voll von Referenzen und Zitaten aus Film, Musik, Literatur - und alles davon ist westlich! Würde sich der Held nicht gelegentlich mal einen Tofu braten und herzhaft mit Fleisch und Gemüse frühstücken, dann könnte dieser Teil der Geschichte genauso gut in Kopenhagen, Brüssel oder Indianapolis spielen. Ich fand diese Westlichkeit eigenartig und lustig, denn genau zu jener Zeit, als das Buch erschien, Mitte der 1980-er, war man bei uns in Europa von Japan und seiner Kultur besessen, im Fernsehen lief "Shogun", und alle Jungs wollten Samuraischwerter haben.Gut in die Zeit passt auch jener postmoderne Eklektizismus der Stilrichtungen, die Murakami in diesem Buch vereint: Märchen/Mythos, Detektivgeschichte mit einem zynischen Einzelgänger als Erzähler à la Dashiel Hammett, SciFi / Daten / Neuronerdzeux mit den Bewusstseinsabzügen und dem Chiffrieren, klassische Abenteuerstory mit den Elementen als Gegner in den Tunneln unterhalb Tokios. Mir war das in dieser Fülle ein bisschen zu wüst und zu wild und zu viel, aber das mag Geschmacksache sein.Die Augen hatten auch etwas zu rollen, weil jede Frau, der unser namenloser Held begegnet, nichts anderes im Kopf hat, als mit ihm schlafen zu wollen. Herrje, Murakami, möchte man da rufen, du bist, was?, fünfunddreißig, keine fünfzehn mehr und noch keine fünfzig, also komm mal runter von deinen Testosteronfantasien! Und auch die Geschichte mit den Psychogrammen, die den Leuten entnommen und wieder implantiert werden, erschien mir reichlich krude, auch wenn ich die Grundidee mag, individuelle Persönlichkeitsmerkmale als Chiffrierbasis zu verwenden.Ich habe den Verdacht, dass dieses Buch tiefer tut, als es ist. Die menschliche Frage, ob man ein Leben mit allen Aufs und Abs, allen Päckchen auf der Seele und allen Bürden, die damit einhergehen bevorzugt, gegenüber einer gleichförmig plätschernden Existenz ohne Leid und Freud, ist per se schon interessant (wenn auch für alle von uns, die sich gegen Suizid entschieden haben, vermutlich bereits beantwortet). Aber Murakami verhandelt dieses Thema ja nicht generell, sondern nur unter der Maßgabe seiner ewig weit hergeholten Idee von implantierten Nervenweichen, und das führt dazu, dass das Buch clever sein mag, aber eben leider nicht klug.Am Ende bleibt etwas verquere Unterhaltungslektüre mit nicht eingelöstem höheren Anspruch.Und ein massiver Störfaktor, bei dem ich nicht weiß, ob ich ihn dem Verlag (Dumont) oder amazon/Kindle ankreiden muss: Die Trennfunktion beim deutschen Textsatz der Kindleversion ist so derart unterirdisch, dass man kotzen könnte. Es sind mehr Wörter falsch getrennt als richtig, und als ich tatsächlich "Sch-ach" lesen musste, habe ich laut geschrieen!