Ein Könner im Erklären psycho-neuronaler Zusammenhänge
Das Schema populärwissenschaftlicher Bücher gehorcht vielfach einem einfachen Muster: Man nehme ein paar neue Erkenntnisse aus dem Bereich der jeweiligen Wissenschaften, stelle die dazu passenden Fragen und liefere dann die teils unerwarteten Antworten. Im Gegensatz zu dem bekannten Neurowissenschaftler Manfred Spitzer, der seine Bücher mit einer unglaublichen Detailfülle überschwemmt, findet sich hier, gleichwohl ebenfalls durch zahlreiche Literaturangaben gestützt (34 Seiten!), eine kundige und sprachlich elegant vorgetragene Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten, aber auch Hindernissen einer adäquaten Nutzung des eigenen "Denkapparates", in dem gleichwohl auch die Emotionen beheimatet sind. Das ist grundsätzlich kein Widerspruch, da rationales Denken und Emotionen erst im Zusammenspiel die besonderen Fähigkeiten des Menschen ermöglichen, wie in diesem Buch anhand zahlreicher Beispiele anschaulich verdeutlicht wird.In neun Kapiteln geht der promovierte Neurowissenschaftler Henning Beck den Fragen nach, wie wir unser Leben, trotz der Informationsfülle und zig neuen Herausforderungen, weiterhin selbstbestimmt und erfolgreich führen können. Über die Funktionsweise und Aufgaben verschiedener Hirnareale und deren Zusammenspiel legt er die Grundlagen für das Verständnis der Stärken und Schwächen des Gehirns, die sich im Laufe der Evolution entwickelten und nun von Schnelligkeit der Entwicklung eingeholt, wenn nicht überholt werden. Man denke nur an die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI/AI), die auch in diesem Buch eine grundlegende Rolle zukommt - und zwar als Hilfsmittel und nicht als Ersatz für eigenständiges Denken: [...] ernsthaft kritisch wird es, wenn der Kern unseres Denkens durch die ständige Nutzung von Computersystemen verkümmert. Jener Kern, der uns befähigt, Fragen zu stellen, auszuprobieren, Regeln zu hinterfragen, kritisch zu überlegen, vom Ende her zu denken, uns selbst zu widersprechen, Ursachen zu verstehen, uns auf vollkommen neue Probleme einzustellen und das Unterwartete zu antizipieren. Kurzum: kritisch zu denken."Insofern kann die KI ein herausragendes Hilfsmittel sein, aber ohne die Möglichkeit die treffenden Fragen zu formulieren, die auf einem breiten Wissen fußen, wird das Potential der KI kaum gehoben werden können. Dem "kritischen Denken" kommt also nach wie vor eine herausragende Stellung zu, was allerdings gefährdet ist, wenn man "der Antwort von KI vollständig vertraut" und sein Gehirn in eine anstrengungslose Dauerschleife schickt. Auch wenn der KI kein eigenes Kapitel gewidmet ist, wirft diese doch einen enormen Schatten auf die hier besprochenen Themen, in denen es zum Beispiel über "Gewohnheiten" geht und wie diese ggf. verändert bzw. neu entwickelt werden können. Oder im Kapitel "Lernen", in dem besprochen wird, wie man Wissen aufbaut und damit befähigt wird die Welt zu verstehen. Gerade das letzte Kapitel "Kreativität" zeigt deutlich, wie notwendig die eigene Denkleistung ist, um zu neuen Ideen und Lösungen zu kommen, denn "nichts spornt unseren Einfallsreichtum mehr an als das lästige Gefühl eines Problems."Wer also mehr über sein eigenes Potential und dessen Umsetzung - gerade in der anspruchsvollen Jetztzeit - erfahren möchte, findet hier ein reichhaltiges Angebot.(30.8.2026)