Mit fortlaufender Handlung schwand meine Euphorie
Louanna Harrington ist die Eisprinzessin des Wyford College und gehört zur Elite der Schülerschaft, was sie nicht nur ihren Wurzeln zu verdanken hat, sondern auch den College Kings, ihren älteren Brüdern. Die fast 18-Jährige legt wenig Wert auf Partys, Flirts und Prestige; wichtiger sind für Lua Stille, Routine, Struktur. Gewohnheiten und Ordnung geben ihr das Gefühl, zumindest über einen kleinen Teil ihres Lebens die alleinige Kontrolle zu besitzen. Chaos kann die junge Debütantin, auf die stets sämtliche Blicke gerichtet sind, auf deren Schultern tonnenschwere Erwartungen liegen, nicht gebrauchen, aber genau dieses bringt Cruz Sage Wyford mit. "Eight", der nach zwei Jahren plötzlich wieder vor ihr steht. Der Mann, auf den sie so lange gewartet hat, dessen Provokationen sie wahnsinnig machen und dem sie noch drei Dates schuldet, um Miles Zukunftstraum zu retten ... Dabei hat Louanna eigene Pläne und Geheimnisse, die den Schein von Familienfrieden splittern lassen könnten. Um wieder zurück in ihre Mitte zu finden, greift eine der vermögendsten Erbinnen des Landes nun zu weniger ladyliken Mitteln, denn am College kann sie den aufdringlichen, unverschämt attraktiven Bad Boy wirklich nicht gebrauchen."Ich hab mich kaputt geliebt.Damals.Mit vierzehn (...)"In "Falling Slowly" lässt Isabel Kritzer das Wyford-College - ausschließlich von Reichtum und Macht besucht und daher eine der sichersten und luxuriösesten Einrichtungen Englands - in sämtlichen Details aufblühen, führt uns mitten hinein in das privilegierte, funkelnde, prunkvolle Dasein von Elite-StudentInnen, in dem alles möglich zu sein scheint. Das Aufwachsen und sich bewegen in der High Society wurde mit den patricharischen, starren Strukturen, den konservativen Traditionen und dem altbackenen Denken genauestens dargelegt. Während ihre Brüder weniger Wert auf die Meinungen anderer zu legen und sich gerade die Zwillinge in der ihnen zugedachten Rolle wohl zu fühlen scheinen, will Lua weder verheiratet noch wie Vieh angepriesen werden und hat nicht vor, nach der Existenz eines Tradwive zu streben. Da auch Miles nicht den klassischen Ambitionen nachzugehen gedenkt, ist das Verhältnis zwischen den beiden das Innigste. Was nicht heißt, dass Miles keine ungebetenen Entscheidungen für seine Schwester - und ihr damit mehrfach in den Rücken - fällt."Tatsache ist: Ja, wir leben im 21. Jahrhundert, aber Männer haben im Durchschnitt mehr Redezeit, mehr Macht, mehr finanzielle Sicherheit als Frauen."Kritzer gab sich merklich Mühe mit der Gestaltung ihrer Kulisse, doch zwischen all den feinen Beschreibungen - von Räumen, Gefühlen, Monologen und Marken - fehlten Ereignisse und Szenen, die eine gewisse Relevanz für die Geschichte selbst haben. Dabei war der Stil atmosphärisch und schön - anspruchsvoll, bedacht, dem Setting entsprechend. Je stärker Stillstand und Längen mit platten, nichtssagenden Unterhaltungen und uneindeutigen Reaktionen konkurrierten, umso stärker mein Eindruck wurde, nichts Halbes und nichts Ganzes zu verfolgen, desto deutlicher schwand meine anfängliche Aufregung. Ich hatte fast ausschließlich das Gefühl, Gleiches und Ähnliches zu lesen. Eine ruhige, softe Handlung - eigentlich nicht schlecht. Wenn es hier und da Kribbeln und Funken gegeben hätte. Ein Prickeln, Humor, große Emotionen - irgendwas. Denn auch der ,Second Chance' mangelte es an Haptik und Dynamik, nicht nur am "Klartextreden", sondern auch am "auf Antworten beharren", sodass sich Louanna und Eight zwar immer wieder in unangenehmen Situationen und in von Cruz initiierten Begegnungen wiederfinden, jedoch nichts Voranbringendes, Entscheidendes passiert. Bis Lua vergisst, wie alt sie ist, und auf Rache aus ist.Diese wird leider nicht heiß serviert, sondern in Form von - haltet euch fest - kindischen 0815-Streichen. Ja. Das war ein wirklicher Bruch gen unten, der so überhaupt nicht in die glamouröse und mit Sorgfalt ausgeschmückte Welt, nicht zu der Attitüde passte. Luas "böses" Vorhaben nimmt ihre Gedanken und den Plot so sehr ein, dass ihre Leistungen samt ihres Projektes, in das sie so viel investiert hat, in den Hintergrund dringen.Was ich hingegen bis zum Schluss als wichtige Komponente erachtet habe, ist Luas (Hyper)Sensibilität und ihre Sozialphobie. Dies brachte die Autorin genauso nachvollziehbar und einfühlsam zu Papier wie die Gesellschaft, in die die Debütantin geboren wurde: in eine, in der Namen und Abstammung alles bedeuten, die von Männern und Vermögen dominiert wird.Louannas familiäre Situation wird mehrfach aufgegriffen - ein selten anwesender Vater, eine übergriffige Mutter, Eltern, für die der Ruf der Harringtons über allem steht. Präsenter - zumindest was die Erwähnung anbelangt - waren Luas Brüder: Bale, Ian und Miles. Während Letzterer wegen seiner originellen Zukunftspläne tatsächlich eine Rolle spielt, bleiben die Zwillinge unbeteiligte Schemen. Wie sämtliche andere Figuren auch.Ich fand es schade, dass diese Story, verpackt in einem schlichten, edel wirkenden Hardcover, in ein oberflächliches, seichtes YA-Collegedrama driftet und wir all das nur aus einer Perspektive verfolgen. Denn Cruz bleibt blass, wenn er auch in Luas Denken und Fühlen im Mittelpunkt steht. Die wenigen kurzen Gespräche wirkten manches Mal unrund und gaben keinerlei Aufschluss über den vermeintlichen Bad-Boy oder seine Motive. Im späteren Verlauf gibt es zwar stimmige und auch berührende Erklärungen zu Cruz' ambivalentem Verhalten und seinen Entscheidungen, Blicke in sein Innerstes, aber wie die "BookTok"-Sache, die "verständnisvollen Phrasen" und die "Diagnose" wirkte all das auf mich zu konstruiert. Trends bedienend.Kleine Zärtlichkeiten, echte Verletzlichkeit und erste Male, romantische Gesten und Wahrheiten gen Ende werten die innigen Augenblicke dennoch auf."Falling Slowly" verspricht eine zarte Light Academia-Romance inmitten des Haifischbeckens der High Society. Die oft kurzen Kapitel, die von ansprechenden Überschriften eingeleitet werden, lassen vermuten, dass sich die Geschichte temporeich gestaltet und schnell lesen lässt, was zu Beginn auch der Fall war. Meine anfängliche Euphorie verflog jedoch. Dies lag an - meiner Meinung nach - unpassendem Verhalten, einer löchrigen (romantischen) Entwicklung, fehlender/nichtssagender Kommunikation und einem faden Verlauf. Stil, Kulisse, die Aufmachung des Buches und die aufgeworfenen sensiblen Themen trösten leider nicht über die schiere Fülle von nebensächlichen und ausschmückenden Details, die unzulänglichen Charaktere und die flache Story hinweg.Ich empfehle dieses Buch jüngeren und Young-Adult-Lesenden, Menschen, die eine zurückhaltende Geschichte genießen und sich in eine luxuriöse Welt träumen wollen.