Migration nach Deutschland und Europa ist Isabel Schayanis wichtigstes Thema. Mit ihrem Team hat sie mehrfach neuralgische Punkte an den Fluchtrouten aus dem Vorderen Orient und Afrika aufgesucht und dort intensiv zu den Fluchtgründen und den Umständen der Flucht recherchiert. Herausgefunden hat sie dabei, dass viele der Flüchtenden ihr altes Leben ohne genaue Informationen darüber verlassen, was sie auf der Flucht und im Zielland erwarten wird, denn sie vertrauen weitgehend auf die Aussagen von Kontakten, die es geschafft haben. Sie sind bereit, sehr viel Geld für Schlepper auszugeben, die ihnen große Versprechungen machen und stets versichern, wie schnell es gehe und wie einfach alles sei, um dann an deren dubiosen Methoden zu verzweifeln. Auf lange Aufenthalte in Lagern und die menschenunwürdigen Umstände dort sind sie in dem Ausmaß, wie sie es antreffen, nicht vorbereitet. Sie haben keine warme Kleidung für einen kalten Winter dabei, und das Geld geht ihnen aus. Und längst nicht alle, die sich auf den Weg machen mit dem Ziel Deutschland schaffen es tatsächlich dorthin. Fünf Flüchtende, die Isabel Schayani mehrfach auf ihrem Fluchtweg getroffen und zu denen sie Kontakt gehalten hat, stehen hier stellvertretend für Millionen von Menschen. Alle fünf haben sehr individuelle Gründe für ihre Flucht und treffen auf ihrem Weg Entscheidungen, die immer auch von den spontanen Gegebenheiten und persönlichen Befindlichkeiten geleitet werden. Jeder dieser fünf Personen ist ein eigenes, ausführliches Kapitel gewidmet, in das Schayani umfangreich Hintergrundinformationen eingearbeitet hat, die die Asylpolitik in der EU sowie viele Fachbegriffe gut erklären. Aber auch über die Herkunftsländer, in diesem Fall Afghanistan, den Iran und die Ukraine, ist viel zu erfahren. Eine der Geflüchteten ist Olena aus der Ukraine, die Schayani an der polnischen Grenze getroffen hat. Ihre Fluchterfahrung ist eine ganz andere, denn für diese Gruppe gelten andere Regeln. Auch diese Zusammenhänge schlüsselt die Autorin auf. Bevor im letzten Teil die fünf Geflüchteten nach ihrer Ankunft noch einmal zu Wort kommen, führt sie im vorletzten Teil des Buches Interviews mit Jean Asselborn, dem Außen- und Migrationsminister von Luxemburg, mit Peter Szijjarto, dem Außen- und Handelsminister von Ungarn, mit Angelika Nußberger, die Richterin am Euopäischen Gerichtshof für Menschenrechte war, und mit Jacqueline Bhabha, die Menschenrechtsexpertin in Harvard ist. Sie hat allen die gleichen Fragen gestellt und teilweise sehr unterschiedliche, jedoch stets aufschlussreiche Antworten erhalten.
Isabel Schayani schreibt sehr eindringlich und mit großer Empathie von menschenunwürdigen Zuständen, Erniedrigungen, Entbehrungen, von Hunger, Kälte, Angst und Gewalt. Wenn wir in den Medien von Flüchtlingszahlen, Lagern, Schleppern, Genzschutz usw hören oder lesen, dann ist das meistens sehr abstakt. Frau Schayani macht die Fluchtumstände konkret. Ich fühlte mich wie live dabei, wenn sie im Lager Moria die 9-jährige Melika getroffen hat, die sie als eine afghanische Pippi Langstrumpf charakterisiert, unerschrocken und direkt in ihrem Bemühen, ihre Ziele für sich und ihre Familie zu erreichen, die aber nach dem Corona-Ausbruch und dem Brand im Lager am Ende ihrer Kräfte und Hoffnungen war. Oder im Dschungel von Calais. Nicht jeder, der dort monatelang ausharrt, um über den Ärmelkanal zu gelangen, will unbedingt nach Großbritannien. Viele haben bereits einen langen, qualvollen Weg hinter sich sind vorher überall anders in Europa gescheitert, deshalb ist Aufgeben ist nach Jahren des Unterwegsseins keine Option. Hier habe ich mit ihrem Team Omid kennengelernt, der mit seiner kleinen Tochter unterwegs war, ein Kind, das auf der Flucht in Griechenland geboren wurde und in seinem jungen Leben noch nichts anderes als Unterwegssein kennengelernt hat. Und das sind nur zwei Szenarien. Vor diesen Schicksalen kann man unmöglich die Augen verschließen. Nach dieser Lektüre weiß man ganz klar, so kann es nicht bleiben, es muss eine Lösung her, und die kann nur eine Gesamteuropäische sein. Denn klar ist auch: die Flüchtlingsströme werden nicht abreißen, auch wenn wir uns das noch so sehr wünschen.
Absolut erhellend sind die Erläuterungen Jean Asselborns:
Als Europäische Union sind wir ja bei Weitem nicht die größte Anlaufstelle. Weltweit bleiben 85 Prozent der Flüchtenden in Entwicklungsländern. () Die Europäische Union hat 420 Millionen Einwohner und gerade einmal 0,6 Prozent davon sind Flüchtende. Wenn jedes Land 0,6 Prozent von seiner Einwohnerzahl aufnehmen würde, hätten wir überhaupt kein Problem. () Zitat Jean Asselborn, Seite 240. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Es gibt sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber Flucht und Geflüchteten. Ich danke Isabel Schayani sehr für dieses kluge, engagierte und augenöffnende Buch, dem ich viele Leser wünsche ganz besonders solche, die mit Geflüchteten noch nicht so viel persönlich interagiert haben. Schayanis Schilderungen werden niemanden unberührt lassen.
Isabel Schayani ist 1967 in Essen geboren als Tochter einer deutschen Mutter und eines iranischen Vaters, der in den 50er Jahren nach Deutschland kam. Sie ist als politische Journalistin umfangreich in verschiedenen Formaten für den WDR tätig. Für ihre Reportagen und Veröffentlichungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet.