
Besprechung vom 19.08.2025
Aporien der Queerness
Revierkampf unter dem Regenbogen
Es war sicher gut gemeint, als verschiedene Ministerien zum Christopher Street Day die Regenbogenfahne hissten. Wer hat nicht das Bedürfnis, sich von den Attacken eines Trump oder Putin gegen die LGBTQ-Szene abzugrenzen. Bundeskanzler Friedrich Merz handelte sich prompt Kritik ein, als er die Regenbogenfahne auf dem Reichstag mit dem Argument abwies, dieser sei ja kein Zirkuszelt. Tatsächlich geht es um mehr als nur eine Geschmacksfrage. Die Flagge repräsentiert als Hoheitszeichen die Prinzipien des demokratischen Rechtsstaats und nicht ihre wechselnde Auslegung. Das erlegt bei der Beflaggung Zurückhaltung auf, so gut die Gesinnung auch sein mag.
Auch bei der Wahl der Regenbogenflagge ist die Selbstverständlichkeit verloren gegangen. Denn welche soll man nehmen? Neben die sechsstreifige Fahne, die der amerikanische Designer Gilbert Braker 1978 als Banner der Schwulenbewegung entwarf, ist eine bunte Vielfalt von Alternativen getreten. Die Progress Pride Flag, 2018 von Daniel Quasar entworfen, fügt dem Regenbogen einen Keil mit den Farben der Transgender Pride Flag hinzu. Das Auswärtige Amt hisste die Flagge vergangenes Jahr, damals noch unter Annalena Baerbock. Daneben gibt es Flaggen für Bisexuelle, Aromantiker, Sexarbeiter, Genderfluide und andere Minderheiten, die das Original jeweils mit eigenen Motiven und Farbgebungen variieren.
Till Randolf Amelung interpretiert die wundersame Flaggenvermehrung im neuen "Jahrbuch Sexualitäten" als Symptom der Spaltung innerhalb der LGBTQ-Bewegung, die sich von den ursprünglichen Anliegen der Lesben- und Schwulenbewegung immer weiter entferne. Der Herausgeber des Jahrbuchs, Jan Feddersen, hat schon vor Jahren auf Schwulenfeindlichkeit in der LGBTQ-Szene aufmerksam gemacht. Von Trans- und Queer-Seite wird Homosexuellen verübelt, das binäre Geschlechtsschema zu bestätigen, das man dringend loswerden will, und die körperlichen Aspekte von Geschlecht in Erinnerung zu rufen, die im neuen Konzept der Geschlechtsidentität nicht mehr interessieren. Amelung weist demgegenüber darauf hin, dass man den Geschlechtspartner nicht abstrakt nach der Identität wählt, sondern durchaus auch nach der körperlichen Anziehung. Queeraktivistische Forderungen, das biologische Geschlecht zu verabschieden, nennt er homosexuellenfeindlich.
Medizinisch wird der Gegensatz relevant, wenn Minderjährigen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, die medizinische Transition affirmativ als Patentrezept angepriesen wird. Nicht selten wird damit eine latente Homosexualität überdeckt. Die Klage der Britin Keira Bell, die sich einer Transition unterzog, um danach - zu spät - ihre homosexuelle Neigung als eigentlichen Grund ihres körperlichen Unbehagens zu erkennen, führte nicht nur zur Schließung der größten britischen Genderklinik wegen affirmativer Behandlungsmethoden, sie leitete auch einen Stimmungswechsel in der Geschlechterfrage ein.
Zwar liegt auch dem Trans-Paradigma der Intention nach ein binäres Geschlechtskonzept zugrunde. Man hat sich aber mit Queer auf die Ablehnung von Binarität geeinigt. Dieser Gegensatz spaltet den Feminismus heute in einander erbittert bekämpfende Fraktionen. Weiteres Spaltpotential bietet die Haltung zum islamischen Patriarchat. Kritik verstummt im postkolonial informierten Queerparadigma regelmäßig, sobald die Gewalt nicht mehr von weißen Männern ausgeht, obwohl die Unterdrückung von Homosexuellen und Transpersonen in vielen islamischen Ländern bekannt ist. Wer, wie das Berliner Projekt Maneo, empiriegestützt auf die Gewalt aus arabisch-islamischen Milieus gegen Homosexuelle hierzulande hinweist, wird von Queeraktivisten in die rechte Ecke gestellt.
Statt die verschiedenen Quellen der Gewalt zu benennen, wird Homosexuellen unter dem Schmähbegriff Homonationalismus lieber eine Nähe zum Rechtsextremismus angedichtet, so von bekannten Theoretikerinnen wie Jasbir Puar und Judith Butler. Till Randolf Amelung beklagt, dass der Schwule im akademisch tonangebenden Intersektionalitätsschema vornehmlich als weißer Privilegieninhaber auftauche, als gäbe es in anderen Kulturkreisen keine Homosexualität. Er befürchtet, dass der bürgerrechtliche Universalismus ins identitäre Fahrwasser gerät. Seinem Text nach zu urteilen ist das schon längst geschehen. Dass auch die Queerness ihre Exklusionsmechanismen hat, ist keine neue Erkenntnis. Es wird aber gern übersehen. THOMAS THIEL
"Jahrbuch Sexualitäten 2025".
Hrsgg. v. Jan Feddersen, Marion Hulverscheidt und Rainer Nicolasen.
Wallstein Verlag, Göttingen 2025. 232 S., Abb., geb.
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