1) Kurze InhaltsbeschreibungJulian ist mit seiner Oma nach der Schwimmstunde in der U-Bahn unterwegs, als er drei Frauen sieht, die als Meerjungfrauen verkleidet sind. Ihre farbenfroh aufgetürmten Haare und schillernden Flossen begeistern ihn sofort.Auf dem Heimweg träumt Julian davon, selbst eine Meerjungfrau zu sein. In seiner Fantasie wachsen ihm lange Haare und eine Flosse, und er schwimmt mit bunten Fischen durch das Meer.Zu Hause nutzt Julian die Zeit, in der seine Oma duscht, um sich selbst zu verwandeln: Aus einer Gardine, Farnblättern, Blumen und Lippenstift entsteht sein Meerjungfrauenkostüm. Als seine Oma ihn entdeckt, schaut sie zunächst streng, was Julian verunsichert. Doch dann bringt sie ihm eine Perlenkette und nimmt ihn mit zu einer bunten Meerjungfrauenparade.2) Cover und GestaltungDas Cover zeigt Julian stolz in seiner Meerjungfrauenverkleidung und macht sofort deutlich, worum es geht. Die Geschichte steckt voller Fantasie und Selbstausdruck und erzählt von der Freude, sich etwas zu wünschen, das nicht in ein übliches Rollenbild passt.Die Gestaltung ist farbenfroh, warm und ausdrucksstark. Die kräftigen Farben und die detailreichen Illustrationen ziehen Kinder sofort in Julians Traumwelt hinein. Das Buch wirkt nicht belehrend, sondern festlich, verspielt und lebendig.3) IllustrationenDie Illustrationen sind das Herzstück des Buches. Sie erzählen die Geschichte mit wenigen Worten, dafür mit viel Körpersprache, Mimik und liebevollen Details. Julian ist als Schwarzer Junge dargestellt, seine Oma als starke, warmherzige Begleitfigur.Besonders schön sind die Übergänge zwischen Realität und Fantasie. Wenn Julian die Meerjungfrauen in der U-Bahn betrachtet oder sich später selbst in eine Meerjungfrau verwandelt, werden die Bilder traumhaft, farbenprächtig und fast magisch.Mir sind außerdem feine Bildverbindungen aufgefallen: In Julians Fantasie überreicht ihm ein großer Fisch eine Kette. Dieser Fisch trägt dasselbe Muster wie Omas Kleid, als sie ihm in der Realität ihre Kette schenkt. Solche Details machen die Geschichte besonders liebevoll, denn bei jedem Lesen gibt es etwas Neues zu entdecken.Die Illustrationen ergänzen den Text nicht nur, sie tragen die Geschichte maßgeblich. Kinder können viel entdecken und weitererzählen, etwa welche Gegenstände Julian für sein Kostüm verwendet oder wie sich seine Freude in den einzelnen Szenen zeigt.4) Thema und Umsetzung der GeschichteDas Buch handelt von Identität, Selbstausdruck, Fantasie und bedingungsloser Akzeptanz. Julian darf Meerjungfrauen lieben und sich als Meerjungfrau verkleiden, ohne dass er seinen Wunsch erklären, rechtfertigen oder in eine feste Kategorie einordnen muss.Mir gefällt besonders, dass offen bleibt, ob Julian trans ist, ob er sich einfach als Meerjungfrau verkleiden möchte oder ob seine Faszination vor allem aus der Freude an Fantasie und Schönheit entsteht. Das Buch legt Julian nicht fest und zieht keine Schlüsse. Es zeigt stattdessen: Julian darf so sein, wie er ist.Ebenso stark ist die Rolle der Oma. Ihr Blick wirkt zunächst streng, doch sie reagiert nicht abwertend. Kurz darauf unterstützt sie Julian aktiv, schenkt ihm ihre Perlenkette und geht mit ihm zur Meerjungfrauenparade. Damit zeigt das Buch, wie wichtig es ist, Kindern Raum zu geben, sich auszuprobieren.5) Sprache und SchreibstilDer Text ist sehr kurz, poetisch und gut verständlich. Vieles wird über die Bilder erzählt, wodurch beim gemeinsamen Lesen Raum für eigene Beobachtungen, Fragen und Gespräche entsteht.Die Übersetzung wirkt natürlich und einfühlsam. Die wenigen Sätze passen gut zur träumerischen Atmosphäre und lassen Julian als Kind mit großer Fantasie lebendig werden.Für Kinder ab 4 Jahren ist das Buch gut zugänglich. Es eignet sich sowohl zum Vorlesen als auch zum gemeinsamen Betrachten und Erzählen.6) FigurenJulian ist ein neugieriges, kreatives und mutiges Kind. Er lässt sich von seiner Begeisterung leiten, verwandelt sich mit viel Fantasie in eine Meerjungfrau und traut sich, seinen Wunsch sichtbar zu machen.Seine Oma verkörpert bedingungslose Zuneigung und zeigt, dass Akzeptanz nicht nur im Zulassen besteht, sondern auch darin, ein Kind aktiv zu unterstützen. Sie nimmt Julians Freude ernst und bestärkt ihn in seinem Sein.Auch die Meerjungfrauen in der U-Bahn und auf der Parade sind mehr als nur Dekoration. Sie stehen für Vielfalt, Selbstausdruck und Gemeinschaft. Julian findet am Ende nicht nur Akzeptanz bei seiner Oma, sondern auch einen Ort, an dem er mit anderen zusammen feiern darf.7) Vorleseerfahrung und Reaktion des KindesMeinem 6-jährigen Kind hat die Geschichte sehr gut gefallen. Besonders die Illustrationen haben es begeistert. Am liebsten würde es sich genauso wie Julian in eine Meerjungfrau verwandeln.Das Buch hat bei uns viele Gespräche ausgelöst: darüber, was Kinder sich wünschen dürfen, warum Verkleiden Spaß macht und warum niemand erklären muss, warum er oder sie etwas liebt. Julian ist dabei eine wunderbare Identifikationsfigur, weil er seine Freude so offen und unbeschwert lebt.Besonders schön ist, dass die Geschichte nicht dramatisiert wird. Es gibt keinen großen Konflikt und keine belehrende Erklärung, nur einen kurzen Moment der Unsicherheit. Stattdessen zeigt das Buch einen Moment der Akzeptanz, der für Kinder sehr nachvollziehbar und tröstlich sein kann.8) Fazit und Empfehlung"Julian ist eine Meerjungfrau" ist ein farbenfrohes Bilderbuch über Individualität, Fantasie und bedingungslose Akzeptanz. Es zeigt, dass Kinder sich frei ausprobieren dürfen und dass Liebe nicht davon abhängt, ob ein Kind den Erwartungen anderer entspricht.Die Illustrationen sind außergewöhnlich: Sie erzählen mit wenigen Worten eine starke Geschichte, enthalten feine Details und laden Kinder zum Träumen, Entdecken und Weitererzählen ein.Das Buch eignet sich hervorragend zum Vorlesen in Familie, Kita und Grundschule. Es ist eine bereichernde Geschichte über Vielfalt, Selbstausdruck und die Kraft, ein Kind so zu unterstützen, wie es ist. Die Altersempfehlung ab 4 Jahren erscheint passend.