Es gibt Bilderbücher, die Kindern einfach eine Geschichte erzählen. Und es gibt Bücher, die Kindern das Gefühl geben, gesehen zu werden. Julian ist eine Meerjungfrau gehört für mich ganz klar zur zweiten Kategorie.Die Geschichte wirkt auf den ersten Blick ruhig und schlicht: Julian entdeckt Frauen, die wie Meerjungfrauen aussehen, und beginnt selbst davon zu träumen, eine Meerjungfrau zu sein. Zuhause verwandelt er sich mit allem, was er finden kann, in genau die Figur, die er in sich spürt. Doch eigentlich erzählt das Buch von etwas viel Größerem - von Selbstentfaltung, von Fantasie und davon, wie wichtig es ist, dass Kinder sich ausprobieren dürfen, ohne sofort bewertet zu werden.Gerade aus Sicht einer Grundschullehrerin empfinde ich dieses Buch als unglaublich wertvoll. Kinder erleben bereits früh, welche Dinge angeblich "für Jungen" oder "für Mädchen" gedacht sind. Sie merken sehr schnell, was als "normal" gilt und was belächelt wird. Genau deshalb brauchen sie Geschichten, die diese engen Vorstellungen aufbrechen, ohne dabei moralisch oder belehrend zu wirken. Julian ist eine Meerjungfrau macht genau das auf eine sehr sanfte und natürliche Weise.Besonders berührend finde ich die Beziehung zwischen Julian und seiner Großmutter. Ihre Reaktion ist geprägt von Ruhe, Offenheit und Liebe. Sie signalisiert ihm nicht, dass mit ihm etwas nicht stimmt, sondern vermittelt: Du darfst du selbst sein. Für Kinder ist diese Form von Annahme enorm wichtig. Viele Kinderbücher erzählen noch immer davon, dass Anderssein erst erklärt oder gerechtfertigt werden muss. Dieses Buch geht einen anderen Weg: Julians Gefühl wird nicht problematisiert, sondern selbstverständlich ernst genommen.Auch sprachlich und visuell ist das Buch außergewöhnlich. Die reduzierte Sprache lässt viel Raum für Gespräche und eigene Gedanken. Die Bilder erzählen oft mehr als die Worte und laden Kinder dazu ein, genau hinzusehen und Gefühle wahrzunehmen. Gerade im Grundschulunterricht entstehen daraus wertvolle Gesprächsanlässe: Was macht Julian glücklich? Warum verstecken Menschen manchmal Teile von sich? Was bedeutet Mut? Und wie möchten wir miteinander umgehen?Dabei geht es nicht ausschließlich um queere Themen. Natürlich kann das Buch ein wichtiger Zugang sein, um über geschlechtliche Vielfalt und unterschiedliche Identitäten zu sprechen. Vor allem aber erzählt es von Selbstannahme und davon, wie befreiend es ist, man selbst sein zu dürfen. Diese Botschaft betrifft letztlich jedes Kind.Ich halte das Buch deshalb für besonders geeignet für die Grundschule, weil es Kinder nicht mit fertigen Antworten überschüttet, sondern ihnen Raum gibt, selbst Empathie zu entwickeln. Es eröffnet Gespräche über Vielfalt, Rollenbilder und Zugehörigkeit auf eine sensible, altersgerechte Weise. Gleichzeitig stärkt es Kinder darin, ihre eigene Persönlichkeit ernst zu nehmen.Für mich ist Julian ist eine Meerjungfrau ein Bilderbuch, das Wärme ausstrahlt. Still, aber eindringlich. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke: Es zeigt Kindern, dass sie sich nicht erst verändern müssen, um richtig zu sein.