
Besprechung vom 10.04.2026
Am Schlaf des Riesen rühren
Kein toter Text: Jill Lepore schreibt eine eindrucksvolle Gegengeschichte zur konservativen Auslegung der US-Verfassung.
Die Rotunde für die Charters of Freedom im Nationalarchiv in Washington, D.C., kühle Luft, gedämpftes Licht. In massiven Vitrinen ruhen unter Panzerglas die Gründungsdokumente der USA: die Unabhängigkeitserklärung von 1776, die Verfassung von 1787 und die 1791 ratifizierte Bill of Rights. Die Gehäuse sind mit Argon gefüllt und hermetisch versiegelt. Chemische Reaktionen sollen verhindert, die Alterung der sechs Pergamentseiten soll verlangsamt werden. Hier soll sich nichts mehr verändern, Dauerhaftigkeit durch Konservieren.
"Der ganze Zweck der Verfassung besteht darin, eine zukünftige Gesellschaft daran zu hindern, zu tun, was immer sie tun will." Dieser Satz stammt von Antonin Scalia, von 1986 bis zu seinem Tod im Jahr 2016 Richter am Obersten Gerichtshof der USA. In ihm kommt das Kernanliegen des heute einflussreichsten Interpretationsansatzes der US-Verfassung zum Ausdruck: des Originalismus, der auf die ursprüngliche Bedeutung der Verfassung und die Intention ihrer Autoren, der Gründerväter, zielt.
Gegen eine genaue Textanalyse der Verfassung hat auch Jill Lepore nichts einzuwenden. Mittlerweile aber habe sich in den USA eine Variante des Originalismus durchgesetzt, die die Verfassung so lese, "wie ein Nachlassrichter das Testament eines toten Mannes liest". Dieser tote Mann sei James Madison, für viele der Vater der US-Verfassung. So tot wie Madison ist dem Originalismus zufolge auch die Verfassung. "Sie ist tot. Tot, tot, tot!", pflegte Scalia gern zu sagen. Kein lebendiges, fortentwickelbares Dokument - sondern ein Objekt für die konservierende Museumsvitrine.
Dem widerspricht Lepore in ihrem neuen Buch vehement. Die mit Abstand radikalste Innovation der US-Verfassung ist für die Harvard-Historikerin das Amendment - als Möglichkeit, die Verfassung zu reparieren, zu korrigieren und zu verbessern. Die "Philosophie der Verfassungsänderung" ist laut Lepore grundlegend für den modernen Konstitutionalismus. Der Originalismus stehe dieser Philosophie entgegen. Mit starken Argumenten und einprägsamen Formulierungen entwickelt Lepore eine Gegenerzählung zum Originalismus: Dauerhaftigkeit nicht durch Konservieren, sondern durch demokratische Reform.
"We the People" ist keine klassische Verfassungsgeschichte. Rechtstexte und juristische Lehrmeinungen kommen zu Wort, aber nur, wo wirklich nötig. Stattdessen erzählt Lepore eine Gesellschaftsgeschichte der Verfassungsänderungen - und ihres Scheiterns. Denn seit 1789 wurden im US-Kongress knapp 12.000 Verfassungsänderungen vorgeschlagen. Ratifiziert wurden gerade einmal 27.
Das liegt an Artikel V der US-Verfassung: Demnach bedarf ein Verfassungszusatz zunächst einer Zweidrittelmehrheit in beiden Kongresskammern, anschließend der Zustimmung von drei Vierteln der Bundesstaaten. Die Hürden sind damit so hoch, dass die US-Verfassung weltweit zu den Verfassungen mit den wenigsten Änderungen zählt. In den Verfassungen der einzelnen US-Bundesstaaten sieht das anders aus. Seit 1789 wurden von 10.000 vorgelegten Änderungsvorschlägen fast 7000 ratifiziert. In der US-Verfassung hingegen, so Lepore, habe es seit 1971 kein bedeutendes Amendment mehr gegeben (1992 gab es noch eines zur Anpassung der Diäten von Kongressmitgliedern).
Der Artikel V ist für die Historikerin daher "ein schlafender Riese", der vor allem in Kriegszeiten geweckt wurde. Weil er so schwierig zu aktivieren ist, erfordern die sich wandelnden Lebensbedingungen seit dem achtzehnten Jahrhundert - Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, moderne Kriege, Armut und soziale Ungleichheit, um nur einige zu nennen - andere Formen der Anpassung. Die wichtigste Rolle spielt dabei der Oberste Gerichtshof, der durch seine Interpretation die Verfassung informell weiterentwickelt. Auch hier dominiert heute der Originalismus.
Für Juristen mögen die gescheiterten Änderungen der US-Verfassung weitgehend irrelevant erscheinen, mutmaßt Lepore. Für die Historikerin jedoch bilden sie einen ergiebigen Fundus. Sie spiegeln zentrale Konflikte der amerikanischen Gesellschaft wider. Viele davon waren lange ungelöst, einige sind es bis heute.
Die Abschaffung der Sklaverei durch den 13. Zusatzartikel etwa verwirklichte 1865, im Schatten des Bürgerkriegs, eine seit Jahrzehnten erhobene Forderung und zugleich eine landesweite Sozialreform. Die potentiell progressive Kraft der Verfassungsänderung wird hier deutlich. Allerdings betont Lepore auch, dass nicht aller Wandel fortschrittlich gewesen sei: "Vieles davon war schrecklich."
Lepore entwickelt ihre neuartige Genealogie der US-Verfassung in vier Teilen, von der Erfindung der Verfassung (1774 bis 1791) über den Streit um die richtige Interpretation im neunzehnten Jahrhundert (1803 bis 1896) und neue Muster der Änderung (1905 bis 1959) bis zum Ende der Verfassungsänderung (1961 bis 2016). Dabei lernt der Leser viel über die Wechselwirkungen und Verbindungen zwischen Politik, Gesellschaft und Recht - und darüber, wie aus ihnen Fortschritt ebenso wie Stagnation entstehen können.
Eine besondere Stärke von Lepores Buch ist, dass neben Spitzenpolitikern und Juristen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts auch Akteure zu Wort kommen, die zunächst nicht Teil des souveränen Volkes der USA waren: indigene Amerikaner, Afroamerikaner, Frauen und arme, besitzlose Männer. In Auseinandersetzung mit der Verfassung kämpften sie um ihre Rechte und darum, als Teil des Volkes anerkannt zu werden. So veränderte sich mit dem Volk auch die Verfassung. "Wir, das Volk" sei die am reichhaltigsten geänderte Formulierung dieses Dokuments, so Lepore.
Im letzten Teil des Buches zeichnet Lepore ein düsteres Bild. Mit der sich Ende der Sechzigerjahre drastisch verstärkenden Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, insbesondere entlang der Themen Waffenbesitz und Abtreibung, wurden verfassungsändernde Mehrheiten im Kongress unmöglich. In diesem Kontext verortet Lepore den Aufstieg des Originalismus. Er sei nicht aus einem Glauben an demokratische Verfahren entstanden, sondern vielmehr aus dem Unvermögen der Konservativen, die Verfassung auf demokratischem Wege zu ändern, und konkret: ein Abtreibungsverbot in diese aufzunehmen. Im Jahr 1971 entwickelte der Yale-Professor Robert Bork jene Verfassungsinterpretation, die als Originalismus - ein bis dahin unbekannter Begriff - bekannt werden sollte. Er wurde zur dominanten Methode der Verfassungsinterpretation in einer zunehmend konservativ besetzten Richtermehrheit. Überzeugend gelingt es Lepore, den Originalismus zu dekonstruieren: Sie widerlegt das Argument von Originalisten, dass es ihnen nur um die Wiederherstellung der Verfassung gehe. Tatsächlich interpretiert auch der Originalismus - und zwar nicht nur die Verfassung selbst, sondern auch zeitgenössische Dokumente wie Madisons Notizen zum Konvent von Philadelphia. Viele dieser Quellen waren einer breiteren Öffentlichkeit im achtzehnten Jahrhundert unbekannt und wurden teils erst Mitte des neunzehnten Jahrhunderts veröffentlicht.
Zudem macht Lepore deutlich, dass die Gründerväter selbst keine Originalisten waren. Lepore zitiert Madison im Jahr 1787: Das amerikanische Volk solle nicht Gefahr laufen, "aufgrund einer blinden Verehrung für das Alte (...) die Kenntnis seiner eigenen Lage und die Lektionen seiner eigenen Erfahrung zu verwerfen". Mit anderen Worten: Die Gründerväter waren nicht gegen, sondern ausdrücklich für die Veränderung der Verfassung durch das Volk.
In einem abschließenden Essay wagt Jill Lepore einen Ausblick auf die Zukunft des Konstitutionalismus: die Manipulation des politischen Diskurses durch Algorithmen im "künstlichen Staat", das Thema ihres nächsten Buches (F.A.Z. vom 23. Februar); die Dominanz des Originalismus im Obersten Gerichtshof; die Angriffe auf den Rechtsstaat und seine Institutionen unter Trump. All dies sind Bedrohungen für den deliberativen Austausch von Argumenten - und damit für den demokratischen Zusammenhalt.
Dennoch bleibt Lepore optimistisch: Vielleicht müssten die Amerikaner neue Wege finden, ihre Verfassung zu ändern und ihr Leben einzuhauchen. Wie man einen Text mit Leben füllt, weiß die Autorin Lepore jedenfalls nur zu gut. Ihr Buch ist eine bestechende Studie, aber auch eine Intervention in gesellschaftspolitische Debatten (nicht nur) der USA. HENDRIK SIMON
Jill Lepore: "We the People". Eine Geschichte der amerikanischen Verfassung.
Aus dem Englischen von W. Roller und A. Zettel. Verlag C.H. Beck, München 2026.
920 S., Abb., geb.
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