
Besprechung vom 14.04.2026
Das kennen wir doch irgendwoher
Von Oliver Weber
Wer regelmäßig ins Neuerscheinungsregal greift, wird die Erfahrung gemacht haben, dass mit steigender Lektürezahl die Überraschungshäufigkeit abnimmt. Zu ähnlich sind sich viele Bücher, um nicht alle paar Monate oder Jahre in ähnlicher Form aufzutauchen. Das spricht so lange nicht gegen ein Sachbuch, wie man voraussetzen darf, dass der Autor sich redlich bemüht, dem bereits Geschriebenen zumindest eine andere Perspektive, ein neues Teilargument, eine interessante Variation hinzuzufügen. Wer steht nicht auf den Schultern von Riesen?
Doch es gibt auch Bücher, bei denen es uns schwerfällt, die Erkenntnis aufzuspüren, mit der der Autor beabsichtigt, über das Maß des Bisherigen hinauszugehen. Man blättert von Kapitel zu Kapitel und stößt auf nichts, was für ein belesenes Publikum berichtenswert erscheint. Der neue Titel von Jörg Baberowski ("Am Volk vorbei". C.H. Beck Verlag, München 2026) ist ein solches Buch. An der vom Autor vertretenen These ist zwar nichts auszusetzen - die Krise der liberalen Demokratie ist eine selbst verschuldete, der Populismus, der ihr zusetzt, ein Symptom der eigenen Mängel -, aber was zur Erhärtung der These angeführt wird, wurde oft schon vorgetragen und viele Male auf dieser Seite verhandelt.
Dass etwa "in Wahrheit nicht die Demokratie schlechthin in Gefahr" ist, "sondern eine bestimmte Spielart", stand zuletzt bei Philip Manow (F.A.Z. vom 8. Juni 2024), ebenso wie Baberowskis Kritik an der "Allmacht der Verfassungsgerichte", die die "Handlungsfreiheit der Politik" einschränken würden; wie weit der Gegensatz von Repräsentation und Volkssouveränität historisch zurückreicht und weswegen man den Populismus als "immer-währenden Schatten, die allgegenwärtige Begleitung" der parlamentarischen Demokratie betrachten müsse, erklärte uns zuletzt Kolja Möller (F.A.Z. vom 23. Oktober 2024); warum die Krise der liberalen Ordnung etwas mit den Vereinzelungsprozessen und den Job- und Sicherheitsverlusten der Globalisierung zu tun hat, kann man bei Michael Sandel, Charles Taylor oder irgendeiner x-beliebigen Zeitdiagnose der vergangenen fünfzehn Jahre nachlesen.
Man hat den Eindruck, der Autor war von seinen Lesefrüchten so begeistert, dass er meinte, sie gleich in sein Manuskript überführen zu müssen. Natürlich ohne zu plagiieren, um diesen Verdacht gleich auszuräumen. Baberowski zitiert genau und aufrichtig, fast schon übermäßig ehrlich. Gleich zu Beginn zählt er eine Reihe von Autoren auf, "die über das Wesen der Demokratie mehr wissen", als er sich je hätte anlesen können, weswegen er nur den "bescheidenen Versuch" unternehme, "sie miteinander zu verbinden".
Und in der Tat, verbunden wird hier alles mit allem. Ein bisschen Schmitt, ein bisschen Habermas, ein bisschen Kommunitarismus, ein bisschen Rawls, ein bisschen Tocqueville und ein bisschen Machiavelli, viel Chantal Mouffe und Colin Crouch, eine Prise Heidegger ("Herr werden wir der Stimmungen nie stimmungslos") und Hartmut Rosa ("antwortende und reagierende Resonanzsphäre"), aber auch Hayek und Hegel, Eribon und Honneth, Sloterdijk und Arendt haben ihre Rollen zu spielen. Baberowski bedient sich wie an einer großen bunten Farbpalette, tunkt seinen Pinsel tief ins Wasser und streicht dann hin und her, bis nur noch ein dunkles Graubraun übrig bleibt. Dadurch entsteht nicht nur kein eigenes Bild, auch die Autoren und Texte, die dafür herhalten müssen, verlieren jede Kontur.
Was das Buch hinzufügt, ist lediglich ein seltsam manifestartiger Ton, der das, was ursprünglich ein präzises Urteil gewesen sein mag, in eine diffuse Elitenanklage verwandelt. Baberowski ist viel daran gelegen, die Berechtigung der populistischen Forderungen hervorzuheben, auch wenn man nicht recht lernt, worin diese eigentlich genau bestehen. Eine Seltsamkeit, die noch seltsamer dadurch wird, dass der Autor in seinem Schlusskapitel Dinge fordert, die sich nicht nennenswert von dem unterscheiden, was auch der Bundespräsident mantrahaft wiederholt: Die Zivilgesellschaft müsse belebt, das Parlament gestärkt, das Offensein für die Sicht der anderen wiedererlernt werden. Bei Sätzen wie: "Wer gar nicht versteht, worauf jemand hinauswill und warum er es will, wird auch keinen Weg zu den Türen finden, die geöffnet werden müssten, um der verloren gegangenen Verständigung den Weg zu bahnen", weiß man nicht mehr, ob das noch Baberowski oder schon Joachim Gauck ist, der da zu uns spricht.
Nur eine neue Schlussfolgerung lässt das Buch zu, wenn auch gegen die Intention des Verfassers: Offenbar ist die von Baberowski neu aufgelegte Krisendiagnose inzwischen so allgegenwärtig geworden, dass die Zuordnung von Autorschaft anfängt schwierig zu werden. Man liest dort, was jetzt überall zu lesen ist. Für uns heißt das: höchste Zeit, nach Büchern Ausschau zu halten, die wagen, einen Schritt darüber hinaus zu gehen.
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