Der überforderte Frieden

Versailles und die Welt 1918-1923. mit 88 Abbildungen und 15 Karten. gebunden.
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Der Erste Weltkrieg war ein industrialisierter Massenkrieg. Je länger er dauerte, desto mehr veränderte er die Gesellschaften, die ihn führten, und desto rasanter entwertete er das Wissen der Politiker. Wie sollte man ihn beenden? Meisterhaft und mit … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Der überforderte Frieden
Autor/en: Jörn Leonhard

ISBN: 3406725066
EAN: 9783406725067
Versailles und die Welt 1918-1923.
mit 88 Abbildungen und 15 Karten.
gebunden.
Beck C. H.

9. Oktober 2018 - gebunden - 1531 Seiten

Beschreibung

Der Erste Weltkrieg war ein industrialisierter Massenkrieg. Je länger er dauerte, desto mehr veränderte er die Gesellschaften, die ihn führten, und desto rasanter entwertete er das Wissen der Politiker. Wie sollte man ihn beenden? Meisterhaft und mit dem Blick für die globalen Zusammenhänge erzählt Jörn Leonhard, wie die Welt zwischen 1918 und 1923 um eine neue Friedensordnung rang und was diese Zeitenwende für den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts bedeutete. Dabei werden die hochfliegenden Erwartungen und die teils widersprüchlichen Versprechen ebenso deutlich wie die erdrückenden Probleme bei der Umsetzung und die Unterschiede zwischen den Annahmen in Paris und den Realitäten vor Ort. Ob im Blick auf untergehende Reiche und neue Staaten, ethnische Minderheiten oder das neue Massenphänomen von Flucht und Vertreibung: Die Art und Weise, wie der Krieg zu Ende ging, schuf Enttäuschungen und Konflikte, die das 20. Jahrhundert prägen sollten und deren Ausläufer bis in unsere Gegenwart reichen.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt



I. «Die ganze Welt wird anders»: Vergangenheit und Zukunft am Ende des Krieges



II. Hohe Erwartungen, offene Ausgänge: Die Scharniere des Krieges 1916 bis 1918



1. Kriegsziele, Friedensinitiativen und die paradoxe Ökonomie der Opfer

2. Neue Utopien und entfernte Verwandtschaft: Weltrevolution, Weltdemokratie, Selbstbestimmung

3. Asymmetrischer Frieden und progressive Rhetorik: Brest-Litowsk und die Vierzehn Punkte Woodrow Wilsons

4. Die ideologischen Arsenale des Friedens



III. Reiche und Revolutionen: Das lange Kriegsende im Herbst 1918



1. Aufteilen und Erhalten: Das Ende des Krieges im Osmanischen Reich

2. Loyalitätswandel und Legitimitätskrise: Der Zerfall der Habsburgermonarchie

3. Fragiler Konsens, überzogene Hoffnungen: Der lange Weg der Alliierten und Deutschen nach Compiègne

4. Drei Waffenstillstände zwischen Kapitulation und Revolution



IV. Triumph und Trauer: Der globale November 1918



1. Herausfinden und Zurückfinden: Der November 1918 der Soldaten

2. Emotion und Epoche: Heimatfronten zwischen Restabilisierung und Verunsicherung

3. Kapitulation und Ermächtigung: Das weltweite Kriegsende

4. Gespiegelte Geschichte? August 1914 und November 1918



V. Nach dem Krieg, vor dem Frieden: Das «Traumland» zwischen November 1918 und Frühjahr 1919



1. Kurze Wege nach Paris: Erschöpfte Sieger und erhoffte Friedensdividenden in Europa

2. Lange Reisen nach Europa: Globale Akteure und konkurrierende Erwartungen

3. Entscheidungen, Bedrohungen, Vorbereitungen: Die Zwischenzeit der deutschen Republik

4. Variationen und Improvisationen der Niederlage: Österreich und Ungarn zwischen Revolution und Frieden

5. Nach dem Imperium: Staatsbildung und umkämpfte Souveränität in Ostmittel- und Südosteuropa

6. Erosion und Intervention: Übergangszonen zwischen Russland und dem Osmanischen Reich

7. Ansprüche und Visionen: Kolonialgesellschaften nach dem Krieg

8. Vor Paris: Die Hypotheken der Zwischenzeit



VI. Aus dem Krieg und wieder zu Hause: Demobilisierte Gesellschaften und remobilisierte Gewalt



1. Zurückkehren und empfangen werden: Von Soldaten zu Veteranen

2. Rekonstruktion, Reintegration und Exklusion: Die widersprüchliche Heimat des Nachkrieges

3. Unterwegs und dazwischen: Flüchtlinge, Staatenlose und der Kampf um Anerkennung und Status

4. Übergänge und Entgrenzungen: Das Kontinuum der Gewalt

5. Utopie und Untergang: Intellektuelle Diagnosen und Aufbrüche

6. Nach dem Krieg: Generationen und Frakturen



VII. Moral und Interesse: Die Pariser Friedenskonferenz ab Januar 1919



1. Eröffnen und Ausschließen, Anwesende und Abwesende: Die Widersprüche der Konferenz

2. Wissen, Arkanum und Öffentlichkeit: Die Konferenz der Experten, Diplomaten und Journalisten

3. Vertrauensvorschuss und Glaubwürdigkeitskrise: Der Kampf um die Völkerbundakte

4. Dekolonisierungsimpuls und Machtinteresse: Der Testfall der Mandate und die Zukunft des Kolonialismus

5. Das Vakuum der postimperialen Zusammenbruchzone: Konkurrierende Ansprüche in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa

6. Ansprüche und Wirklichkeiten: Der Nahe Osten in Paris

7. Verflochtene Agenden: Deutschlands Status, Polens Staat,Frankreichs Sicherheit

8. Schuld und Schulden: Von der moralischen zur politischen Ökonomie der Reparationsfrage

9. Der Krieg als Verbrechen: Auf der Suche nach einer internationalen Rechtsordnung

10. Saarland und Fiume, Schantung und Kleinasien: Die Krise der Konferenz im April 1919

11. Nebenbühnen, Katzentische, Hinterzimmer: Globale und postkoloniale Vorstellungen jenseits der Friedenskonferenz

12. Der Preis der Kompromisse: Stabilisierungsleistung und Aporien auf der Pariser Friedenskonferenz im Frühjahr 1919



VIII. Die polyzentrische Krise: Paris und die Welt seit März 1919



1. Die Präsenz der Abwesenden: Revolutionärer Internationalismus und nationale Behauptung in Russland und Ungarn

2. Die bedrohte Republik und die Diskussion der Schuldfrage: Das lange Warten der Deutschen bis Mai 1919

3. Ermächtigung und Emanzipation: Die Eigenlogik der globalen Krisenschwellen

4. Universalismus der Versprechen, Partikularismus der Kontexte: Über Gleichzeitigkeit und Kausalität



IX. Kalkül und Emotion: Versailles im Sommer 1919



1. Unterstellte Demütigung und verletzte Ehre: Der Vertragsentwurf vom 7. Mai 1919

2. Inkrementale Lösungen und emotionale Überwölbung: Der Kampf um die Annahme des Friedensvertrags

3. Die Grenzen der Inszenierung: Von der Unterzeichnung zur Friedensfeier

4. Der Weg nach Versailles und das Versagen der politischen Kommunikation.



X. Postimperiale Räume: Verträge und Revisionen 1919 bis 1923



1. Rechtsnachfolge, Anschluss, Rumpfstaat? Österreich und die Konferenz von Saint-Germain

2. Innenpolitische Belastung und kollektives Trauma: Bulgarien in Neuilly und Ungarn in Trianon

3. Von Sèvres nach Lausanne, von Istanbul nach Ankara: Vertragsrevision und Souveränitätsanspruch der Türkei 1919 bis 1923

4. Imperiale Erosion und koloniale Expansion? Der Nahe und Mittlere Osten.



XI. Nach Paris: Das lange Ringen um eine Nachkriegsordnung



1. Bedingter Frieden: Revisionsanläufe und Weltvisionen nach dem Sommer 1919

2. Fluide Formationen: Staatsbildung, Statuskonflikte und Stabilisierungsansätze in Ostmittel- und Südosteuropa

3. Belagerte Republik: Die Krisen des deutschen Nachkrieges bis 1923

4. Untergangsvision und Aufbruchssignal: Liberalismus und Massendemokratie nach 1918



XII. Eine globale Epochenschwelle: Der überforderte Frieden und das 20. Jahrhundert



Anhang

Anmerkungen

Quellen- und Literaturverzeichnis

Verzeichnis der Karten

Bildnachweis

Dank

Personenregister

Sach- und Ortsregister

Portrait

Jörn Leonhard ist Professor für Westeuropäische Geschichte an der Universität Freiburg. Bei C.H.Beck ist von ihm erschienen: «Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkrieges» (2014).

Pressestimmen

"Sein Buch über Versailles und die Folgen ist das ganz große Geschichtswerk, das beim Verständnis der Gegenwart hilft (...) Gedanklich schwankt man ständig zwischen den Jahren 1918 bis 1923, die Leonhard behandelt, und der Zeit heute. Weil das so spannend und lehrreich ist: Leonhard lesen."
SPIEGEL, Dirk Kurbjuweit

"Wo immer man es aufschlägt, lässt sich etwas lernen."
Historische Zeitschrift, Marcus M. Payk

"Das eindringliche Plädoyer für die Offenheit von Geschichte gerade im multipolaren Zusammenhang wendet sich streng gegen jede monokausale, national verengte Geschichtsklitterung im Nachhinein und damit unausgesprochen gegen eine politische Instrumentalisierung von Geschichte überhaupt. Das ist die Essenz dieses Spitzenwerks deutscher Globalgeschichtsschreibung."
Deutschlandfunk Kultur, Jörg Himmelreich

"Niemand erzählt und analysiert (...) detaillierter und klüger als Jörn Leonhard (...) Ein Meilenstein für Checker und Mehr-checken-Woller."
Sächsische Zeitung, Oliver Reinhard

"Leonhard schreibt einen klaren, gut lesbaren Stil, verzichtet auf alle Effekthascherei, überzeugt durch seinen multiperspektivischen Ansatz und differenzierte Analyse. Der Blick auf unsere Welt und ihre Geschichte im 20. Jahrhundert ist nach der Lektüre ein anderer."
Buchbesprechungstage des Börsenvereins, Wolfgang Niess

"Es gibt Standardwerke, um die man gut herumkommt. Um dieses nicht."
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Andreas Kilb

"In dieses Zeitreise-Buch kann man sich versenken (...) Ein Standartwerk."
Die Literarische WELT, Marc Reichwein

"Anschaulich und perspektivenreich (...) In seinem großen, Maßstäbe setzenden Buch 'Der überforderte Frieden' erzählt Jörn Leonhard eine Globalgeschichte dieser Zeitenwende."
Süddeutsche Zeitung, Jens Bisky

"Wer Leonhards monumentales Buch liest, sieht schärfer, in welcher Welt wir zu leben haben."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Stephan Speicher

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 06.10.2018

Die Zivilisation ließ sich leicht beschwören

Als die hochgehaltenen westlichen Werte ihre Prüfung nicht bestanden: Jörn Leonhard und Eckart Conze über Versailles und die Nachkriegsordnung.

Von Stephan Speicher

Das werde der Krieg sein, der dem Krieg ein Ende setze, schrieb H. G. Wells im August 1914. Vier Jahre später, im November 1918, gerade erst war der Waffenstillstand unterzeichnet, sah Siegfried Sassoon, hochdekorierter Offizier und Schriftsteller wie Wells, einen Frieden voraus, der dem Frieden ein Ende setze. Sassoon kam der Wahrheit näher. Die Ordnung, die die Sieger des Ersten Weltkriegs setzten und für die Versailles den Namen abgibt, weckte Grimm und Rachegelüste und trug zur Entstehung des nächsten Krieges bei.

Zwei anspruchsvolle Darstellungen zur Friedensordnung von 1919 erscheinen dieser Tage: "Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt" des Marburger Historikers Eckart Conze und "Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918 - 1923" seines Freiburger Kollegen Jörn Leonhard. Beide Autoren sind sich einig, dass die Friedensschlüsse unklug waren und demütigend wirken mussten, dass sie aber nicht zwingend den Aufstieg Hitlers zur Folge hatten. Doch wenn der Weg von Versailles zum Zweiten Weltkrieg nicht determiniert war, gab es nicht einen Determinismus, der zu Versailles und den anderen Vorortverträgen führte? Der Handlungsspielraum 1919 war jedenfalls verzweifelt eng.

Der Krieg hatte ungeheure Opfer gefordert und war zur Rechtfertigung dieser Opfer in neuer Weise moralisch aufgeladen worden, zum Kampf der Zivilisation gegen die Barbarei der Mittelmächte. Die Forderung des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson nach einem "Frieden ohne Sieg" im Herbst 1917 traf auf taube Ohren. Deutschland wie Frankreich und Großbritannien hofften auf den Sieg und mit dem Sieg auf einen Frieden, der dem Tod so vieler ihrer Soldaten einen Sinn geben würde. Und als der Krieg dann sein Ende fand, waren die Voraussetzungen für eine vernünftige Einigung ruiniert.

Es ist schockierend, wie früh die Zeitgenossen im sich abzeichnenden Frieden den Beginn neuer Feindseligkeiten erkannten. Gerade die Briten sahen das scharf, hatten es allerdings auch leichter, klug zu sein. Ihre Kriegsverluste waren geringer und ihr Kriegsziel, das Ende der überseeischen Ansprüche Deutschlands, rasch erreicht. Frankreich steckte in anderen Nöten. Die Angst vor dem Nachbarn blieb, auch weil Deutschland über die größere Bevölkerung und die höhere Reproduktionsrate verfügte. Das demographische Argument spielte für Frankreich eine wichtige Rolle. Dem Idealismus Wilsons, der mit dem Völkerbund eine Welt des Friedens aufbauen wollte, misstrauten die Franzosen. So bestanden sie darauf, sich vor den Deutschen mit einem strengen Friedensvertrag zu schützen. Was Frankreichs Ministerpräsident Clemenceau zuletzt durchsetzte, das war die zurückhaltendste Variante, die politisch denkbar war; Staatspräsident Poincaré und Marschall Foch als militärischer Kopf des Landes hatten versucht, Deutschland bis zum Rhein zurückzudrängen.

Dass Großbritannien und die Vereinigten Staaten das Friedensproblem anders sahen, sorgte für eine gewisse Abschwächung der französischen Ziele. Dafür handelte man sich ein anderes Problem ein. Die Spannungen zwischen den Siegern wuchsen zwischenzeitlich so sehr, dass man es nicht mehr wagte, mit den Gegnern in förmliche Verhandlungen einzutreten; zu leicht hätten dies die Kriegskoalition sprengen können. Die Sieger handelten also die Friedensbedingungen unter sich aus und legten sie den Besiegten zur Annahme vor; Veränderungen waren nur noch in geringstem Umfang möglich. Was polemisch, aber nicht ganz unzutreffend ein "Diktatfrieden" genannt wurde, verdankte sich der Schwäche der Sieger.

Auch wenn Conze und Leonhard sich in der Bewertung der Friedenspolitik nicht sehr unterscheiden, haben sie höchst unterschiedliche Bücher vorgelegt. Conze gibt eine gut geschriebene, vergleichsweise streng zusammengefasste Darstellung, deren Schwerpunkt auf Deutschland und Europa liegt. Dass es auch außereuropäische Aspekte gibt, bleibt nicht unerwähnt, spielt aber eine eher ergänzende Rolle. Leonhard dagegen zielt auf eine Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1923 und nimmt sich dafür auch reichlich Platz. Gelegentlich geht dem Autor in der Fülle auch der Überblick verloren. Es kommt zu Wiederholungen, manchmal lässt er den Faden fallen, obwohl an dessen Ende ein interessantes Problemknäuel wartet. Aber das kann alles nicht die Bewunderung schmälern für den Reichtum, der hier ausgebreitet wird. Wer sich für einen Moment etwas mehr Disziplin wünscht, sollte an die Bemerkung Brechts denken: "Ordnung ist heutzutage meist dort, wo nichts ist. Es ist eine Mangelerscheinung."

Bei Leonhard tritt hervor, in welchem Maße die Entente die Kräfte ihrer Kolonien ausbeutete. China sandte 140 000 Männer für Hilfsarbeiten nach Europa, Truppen wurden in Indien und ganz Afrika angeworben. Wer Soldaten zur Verfügung stellte, erhob nicht gleich Anspruch auf volle Unabhängigkeit, aber auf größere Selbständigkeit und Respekt. Doch mussten die farbigen Soldaten erleben, dass ihnen in Frankreich und England gleich nach dem Waffenstillstand Rassismus entgegenschlug.

Das war umso bitterer, als die ganze Welt auf jene neue Ordnung hoffte, die Woodrow Wilson ausgemalt hatte. Ende 1918 reiste er nach Europa, und Stefan Zweig hörte, wie "die Straßen aller Städten dröhnten vor Jubel, um Wilson als den Heilsbringer der Erde zu empfangen". Das ging rund um die Erde bis nach Afrika und China. Wilson war zum ersten Weltstar der Politik geworden, ein Ergebnis auch ausgefeilten Marketings. Doch die Alliierten wollte sich seinen Idealen nicht fügen. Briten und Franzosen hatten im Krieg gleichfalls Menschheit und Zivilisation beschworen, wenn auch nicht so schwungvoll wie Wilson, aber als Sieger verfolgten sie ihre nationalen Eigeninteressen weiter, nicht anders Italien.

Wer sich dem Kampf gegen die Mittelmächte angeschlossen hatte, war oft genug mit geheimen Zusagen geködert worden, die zu Wilsons Politik nicht passten, nicht zum Prinzip der Selbstbestimmung, so vage der Begriff geblieben war, und auch nicht zum Anspruch, die alte Geheimdiplomatie, den "Völkerschacher", hinter sich zu lassen. Die Probleme reichten von der Saar bis nach Korea. Frankreich und Großbritannien teilten sich gegen die Erwartungen, die sie in der arabischen Welt geweckt hatten, die Peripherie des Osmanischen Reiches, Syrien und Irak, und brachten dort Minderheiten gegen die Mehrheiten in Stellung; die Folgen wirken bis heute.

China musste erleben, dass die ehedem deutschen Gebiete gegen alle Proteste nun auf Japan, den Alliierten der Entente, übertragen wurden. Die Enttäuschung war ungeheuer. Ein chinesischer Intellektueller schrieb über die Erfahrung mit Europa und den Vereinigten Staaten: "Von dreihundert Jahren evolutionären Fortschritts sind nur vier Wörter geblieben: Egoismus, Zerstörung, Schamlosigkeit und Korruption." So zeigt der globale Blick, dass die Empörung über die Versailler Ordnung mehr war als ein deutsches Spezifikum. Der Westen hatte neue, universelle Werte formuliert, doch als er für sie in Anspruch genommen wurde, da sollten wieder die alten Gewohnheiten gelten. Dabei steckte, wie Leonhard zeigt, viel Modernes, Zukunftsweisendes in den Versuchen von 1919. Die Wissenschaft mischt sich ein, die Delegation der Vereinigten Staaten zählt allein 17 Kartographen, die Verträge werden detailliert ausgearbeitet.

Doch bald erlahmt der Eifer. Zuletzt werden Grenzen und Völker mit leichter Hand über die Geographie verteilt. Neu ist auch das Ende der Affektkontrolle, die einmal ein Grundprinzip der Außenpolitik gewesen war. Die Leidenschaften der Bevölkerungen werden durch die Presse mobilisiert und setzen die Politiker unter Druck. Das Ideal des ethnisch homogenen Nationalstaats wird als natürlicher Ausdruck der Demokratie durchgesetzt. Aber im Osten Europas kann es ihn kaum geben, die neuen Staaten übernehmen auf reduziertem Territorium die alten Probleme. Um ihnen abzuhelfen, kommt es zu Bevölkerungsverschiebungen großen Ausmaßes; das unselige Muster gibt die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei ab.

So folgt auf die Katastrophe des Krieges die Enttäuschung des Nachkrieges. Die Eliten der kolonisierten Länder wenden sich von den europäischen Mächten ab. Die kommende Orientierung an der Sowjetunion folgt weniger der Begeisterung für den Kommunismus als der Enttäuschung über die rüde Interessenpolitik Europas und der Vereinigten Staaten. Deren Beurteilung aber folgt den Maßstäben, die dort entwickelt wurden. Idealismus und kalte Interessenpolitik wirken gleichermaßen zersetzend. Mit den Folgen des überforderten Friedens quälen wir uns bis heute. Wer Leonhards monumentales Buch liest, sieht schärfer, in welcher Welt wir zu leben haben.

Jörn Leonhard: "Der überforderte Frieden". Versailles und die Welt 1918 - 1923.

C. H. Beck Verlag, München 2018. 1536 S., Abb., geb, 39,95 [Euro].

Eckart Conze: "Die große Illusion". Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt.

Siedler Verlag, München 2018.

560 S., Abb., geb.

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