Vaim, eine Kleinstadt an Norwegens Westküste, ist die Heimatstadt von Jatgeir. Von dort aus unternimmt er regelmäßig mit seiner Schnigge Eline die kurze Seefahrt über den Fjord in die Großstadt Bjorgwin um Besorgungen und andere Besuche zu machen. So auch dieses Mal, als er zum Annähen von Knöpfen Zwirn und Nadel braucht. Der Kauf jedoch wird in der wenig freundlichen Stadt zur Posse und Jatgeir verlässt diese daraufhin fluchtartig. Kurzentschlossen entscheidet er auf dem Rückweg auf einer kleinen Insel Halt zu machen und nochmals sein Handelsglück zu versuchen. Aber auch in Sund entpuppt sich das Kaufgeschäft als Reinfall. Enttäuscht zieht er sich auf seine Schnigge zurück. Sie trägt den Namen seiner heimlichen Jugendliebe, die hier im Ort verheiratet sein soll, die er aber, seitdem sie vor vielen Jahren Vaim verlassen hatte, nicht mehr wiedersah. Doch plötzlich steht sie vor ihm und will mit ihm in ihre Heimatstadt zurück."... denn wenn Eline sich etwas vorgenommen hat, ja da kann man sich nur fügen, ..."Meine persönlichen LeseeindrückeVaim ist ein imaginärer Küstenort in Norwegen und Mittelpunkt des Romans, und handelt von einer ungewöhnlichen Beziehung der Männer Jatgeir, Elias und Olav zu Eline. Jedem der drei Männer wird ein Teil gewidmet, in dem sie über ihr Leben sinnieren und über ihre Beziehung zu Eline erzählen dürfen. Den Anfang macht Jatgeir, der für eine alltägliche Besorgung in die Großstadt fährt und dort übers Ohr gehauen wird. So fängt der Roman an und Donnerwetter, solch lange Sätze sind mir bis jetzt noch nicht untergekommen. Es kommt recht schnell, ein leichtes Unbehagen während des Lesens, das ich nicht benennen kann, und das ich mit Worten nicht auszudrücken vermag. Der Text rührt etwas in mir, doch es ist nicht Traurigkeit und auch nicht Schwermut, aber so etwas in diese Richtung, eigentlich nichts Ungutes, aber auch nichts positiv Stimmendes oder heiter Komisches. Es weckt in mir ein Gefühl, das ich mit Einsamkeit oder sozialer Isolation assoziiere und mit einem Leben in dünn besiedelten Gegenden in Nordeuropa oder jedenfalls das, was man gemeinhin damit meint, in Verbindung bringe. Jatgeir ist ein Mann der Gewohnheiten und der Stille, der eine hartnäckige Zuneigung zu seiner Schnigge namens Eline hegt. Er ist ein Mann, der nicht nur jede Besonderheit seines Bootes kennt, sondern mit dem Gefährt emotional verbunden ist: Eline ist nicht nur ein Name, sondern die Erinnerung an die erste Liebe, ein Stück Leben, das schwimmt und oft mehr sagt als Menschen. Sie kommt vollkommen unerwartet in sein Leben zurück und bringt dadurch nicht nur sein Dasein durcheinander.Und während ich mit Teil 1 Jatgeir als Erzähler verabschiede, kommt mit dem 2. Teil sein Freund Elias zu Wort. Ein Perspektivwechsel, der mich doch kurz aus der Bahn wirft, weil viele Jahre seit Teil 1 ins Land gegangen sind. Elias, sein langjähriger Freund ist eine Grenzfigur zwischen zwei Momenten, ein stiller Zeuge, der als diskreter und oft ignorierter Schatten ein einsames Dasein fristet und sehnsüchtig an die gemeinsame Zeit mit Jatgeir zurückdenkt. Seit Eline da ist, scheint das Freundschaftsband zerbrochen. Sein Teil beginnt, als es an einem dunklen Tag im Winter an Elias Haustür klopf. Wie Fosse in knapp 20 Seiten ein Leben zusammenfassen vermag, geht nicht spurlos an mir vorbei. Seine Erzählung besteht aus einer Sprache, die sich auflöst in dem Versuch, dem Unverständlichen einen Sinn zu geben. Diese Intensität sich der menschlichen Seele anzunähern, so etwas habe ich nur in "Hunger" von Knut Hamsun gelesen. Leb wohl Jatgeir, sage ichDanke für die Gesellschaft, sage ichDoch dann wirft mich Vosse nochmals aus der Lesespur, als mit Teil 3 die letzte männliche Romanfigur zu Wort kommt. Frank (den Eline in Olav umbenennt) ist derjenige, der nach dem Sturm zurückbleibt, der Mann, der zu verstehen versucht, was sich wirklich zugetragen hat. Sein ruhigerer und nachdenklicherer Erzählteil schließt den Kreis, und lässt gleichzeitig ein Ende offen. Und Eline? Ihr Auftreten bestimmt in allen Teilen das Leben des jeweiligen Erzählers und bildet das verbindende Glied zwischen den einzelnen Lebensgeschichten. Mehr scheint Fosse ihr nicht geben zu wollen, mehr will ich in dieser Romanfigur deshalb auch nicht suchen.FazitIn Vaim erzählen drei Männer jeweils in einem ihnen gewidmeten Teil mit fast theatralischen Formen über Erinnerungen und Gegenwart, über Vergangenes und neu Erlebtes. Dabei wird nichts vollständig ausgesprochen, sondern alles vibriert und wartet nur darauf erfasst zu werden. Es ist ein besonderes Buch; bedrückend und gleichzeitig eine intensive Leseerfahrung.Und doch, wenn man darin eintaucht, dann findet man plötzlich dieses unsichtbare Licht, das zwischen den Zeilen aufscheint. Und das Unsagbare der menschlichen Existenz zwar nicht in Worte fassen kann, ihm aber etwas von seiner Dunkelheit nimmt. Tagesschau - Porträt Nobelpreisträger Fosse 05.10.2023