
»Jede Stadt verdient ein solches Buch. « Colum McCann
ORF Bestenliste Juni 2025
SWR Bestenliste Mai 2025
Die Dean Street in Brooklyn ist mehr als eine Straße. Hier werden Träume wie harte Währung gehandelt, treffen reiche Kids auf Jungs aus der Hood und große Verbrechen auf kleine Gaunereien. Mit meisterhafter literarischer Finesse erzählt Jonathan Lethem die wechselvolle Geschichte von einer der hippsten Straßen New Yorks. Ein Blick hinter die Kulissen einer Stadt und einer Zeit, in der vieles immer stärker zur bloßen Fassade gerät.
Die Dean Street gleicht einer Bühne. Täglich wird hier ein Tanz aus Macht, Geld und Gewalt aufgeführt. Wem gehört das Pflaster? Wer zahlt den Preis fürs Überleben? Einmal wird ein Kind am Eisstand Zeuge einer Schießerei, ein anderes Mal wird ein paar Blocks weiter ein anderes Kind dabei erwischt, wie es im Kiosk ein Erwachsenenmagazin mitgehen lässt. Rivalisierende Gangs streiten sich über das Recht, wer in der Straße Hockey spielen darf, um die Ecke wirft jemand versehentlich einen Baseball in die Windschutzscheibe eines Autos. Doch hinter all diesen Ereignissen lauern immer andere Strippenzieher: Eltern, Polizisten, Vermieter und diejenigen, die in der Stadt die Schlagzeilen und Gesetze schreiben. Sie alle prägen dieses Viertel, seine Geschichte und seine Gegenwart.
Jonathan Lethem, einer der großen Erzähler Amerikas und selbst ein Kind Brooklyns, hat diesem Viertel eine grenzenlose Liebeserklärung geschrieben: witzig, vielschichtig und unfassbar berührend.
»Ein großer Lesegenuss. Ein brillantes Buch, das alle Genregrenzen sprengt. « Percival Everett
Besprechung vom 22.03.2025
Wer schreibt dieses Buch?
Wenn die Rede vom "berühmtesten Veedel der Welt ist", denkt man nicht automatisch an Brooklyn. Aber solche Werbung op Kölsch ist die charmante Art des Festivals lit.Cologne, eine Veranstaltung mit dem amerikanischen Schriftsteller Jonathan Lethem über dessen jüngst beim Tropen Verlag in deutscher Übersetzung von Thomas Gunkel erschienenes Buch "Der Fall Brooklyn" für Kölner noch attraktiver zu machen. Lethem ist mit dem Gegenstand - also jetzt Brooklyn, nicht Köln - in mehrfacher Hinsicht vertraut: Er wurde 1964 in Brooklyn geboren, und er hat dieses Viertel auch literarisch schon öfter behandelt. Wobei er sich diesbezüglich erst schrittweise angenähert hat: Sein erster Roman "Gun With Occasional Music" (1994) ist ein in San Francisco und Oakland spielender Hardboiled-Krimi, "Amnesia Moon" (1995) eine teilweise in Wyoming spielende Dystopie. Mit "Girl in Landscape" (1998) erreicht Lethem in der Fiktion New Yorker Boden, allerdings vom Klimawandel schon versehrten, und in "Motherless Brooklyn" (1999) dann besagten Heimatkiez. Der Protagonist ist ein im Waisenhaus aufgewachsener junger Mann mit Tourette-Syndrom, der in einem Kriminalfall eigene Ermittlungen anstellt.
Typisch zeigt sich an "Motherless Brooklyn" schon Lethems genresprengende Schreibweise, die über Vorbilder des "Hardboiled" und "Noir" weit hinausgeht und die Erzählung mit allen Tricks der Postmoderne garniert. Das Buch wurde von Edward Norton adaptiert für einen Spielfilm (2019), in dem er auch selbst Regie geführt und die Hauptrolle gespielt hat - eine brillante Leistung. 2003 erschien mit Lethems Roman "A Fortress of Solitude" dann eine teilweise autobiographisch grundierte Brooklyn-Erzählung. Sie begleitet ihre zwei Hauptfiguren mit vielsagenden Namen, Dylan Ebdus und Mingus Rude, die in den Siebzigerjahren Teenager sind, vor Ort bis in die Neunziger.
Mit "Der Fall Brooklyn", im Original "A Brooklyn Crime Novel", kommt Lethem nun auf seinen - darf man inzwischen sagen: Lieblingsgegenstand? - zurück, allerdings auf völlig andere Weise. Das Buch ist alles andere als ein klassischer Krimi, sondern ein Montagewerk aus ganz verschiedenen Textgattungen, von der Machart vielleicht entfernt vergleichbar mit "Manhattan Transfer" von John Dos Passos oder Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz". Es besteht aus 124 Abschnitten; der 121. lautet "Wer schreibt dieses Buch? (ein Abgrund)". Womöglich sei es eine Figur namens C., die schreibt, erfahren wir (und denken dabei an Paul Austers abstrakte Figurennamen in der metafiktionalen "New York-Trilogie"), aber lesen dann: "C. hat die Spitznamen verteilt, C. hat die Teams zusammengestellt und die Spieler positioniert, C. hat die Straße für uns geschrieben. Aber wer schreibt C.? Ich versuche es und dürfte daran scheitern."
Beim Gespräch in einem Kölner Hotel sagt Lethem über das neue Buch, es sei eine Art Wiederbegegnung mit seinen früheren Brooklyn-Büchern, entstanden aus einem ihn zunächst erschreckenden Gedanken heraus: ob er die in jenen Büchern beschriebene Welt romantisiert dargestellt habe - insbesondere, was das Zusammenleben von Schwarzen und Weißen betrifft? Zudem liege ein zeitlicher Abstand zwischen den Werken, in denen sich die reale Welt stark verändert habe: Von Barack Obamas Präsidentschaft, von "Black Lives Matter" und den Ereignissen, die zu dieser Bewegung führten, habe er damals noch nichts ahnen können. Später, abends in der Kölner Volksbühne, wo Lethem aus "Der Fall Brooklyn" auf Englisch liest und die Schauspielerin Christiane Paul sehr amüsant auf Deutsch, bescheinigt der Moderator Thomas Böhm dem neuen Buch eine distanzierte, nahezu grausam sezierende Erzählhaltung.
Es werden darin Episoden geschildert, wiederum von den Siebzigerjahren bis zur Gegenwart, die teils etwas Komödiantisches haben, auch wenn sie drastisch sind, etwa, was das Auftreten der Polizei, Armut oder die fortschreitende Gentrifizierung betrifft. Wenn Lethem etwa erzählt, New Yorker Polizisten der Siebziger hätten keine Gefahr ausgestrahlt und seien noch nicht militarisiert gewesen, muss er das Gegenbild dazu gar nicht ausmalen, es wird evoziert.
Und noch ein anderes Bild bleibt haften: Die Erzählsituation der anekdotischen Kapitel stelle er sich so vor, sagt Lethem, dass man in einer Bar jemanden treffe, der zu einem Schwank aushole, und man denke erst noch: "Bitte nicht!" - bevor man doch gefesselt werde und dann die ganze Nacht zuhöre. JAN WIELE
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