
Dieser Roman ist obszön - und grandios!
Besprechung vom 08.08.2021
Kosmetische Operationen
In einem Romandebüt voller Wut und Witz beschreibt Katharina Volckmer Versuche radikaler Eingriffe in sexuelle Identität und deutsche Geschichte
Es fängt an wie ein klassischer Witz und dauert auch nicht lang, bis es sehr komisch wird: Eine Frau kommt zum Arzt, in welchem Fach er praktiziert, bleibt lange offen, aber wenn man so hört, was ihr Problem ist, scheint es zunächst so, als handle es sich bei diesem Doktor Seligman um einen Psychotherapeuten. Am meisten nämlich scheint die Frau unter ihrer Nationalität zu leiden: Nachts träumt sie, sie wäre Hitler, der eine Rede hält, und fühlt sich wie ein Betrüger in der komischen Uniform, in der sie aussieht wie eine "alte Kartoffel mit Plastikhaaren", jenseits des arischen Ideals der "blonden deutschen Boys". Und wenn sie an das trockene Brot denkt, jenen "selbsterhaltenden Mythos", auf den die Deutschen so stolz sind, und dass sie für die "Strafe Gottes für alle Verbrechen, die wir begangen haben", hält, würde sie am liebsten auswandern, wenn sie es nicht schon längst getan hätte, eben auch deshalb: "Ich wollte nicht länger an der Brotlüge teilhaben." Jetzt lebt sie in London, und trotzdem ist es nur ein schwacher Trost, dass wenigstens die deutsche Esskultur den Krieg nicht gewonnen hat: "Ich kann in dieser Stadt keine hundert Meter gehen, ohne irgendwo Pasta oder Espresso zu lesen, und ihre grässliche Flagge hängt an jeder Ecke. Das Wort Sauerkraut sehe ich nie irgendwo. Es war immer ausgeschlossen, dass wir mit einer derart miserablen Landesküche ein Reich für tausend Jahre würden halten können, es gibt einfach Grenzen, was man Menschen antun kann."
So geht es weiter in Katharina Volck-mers Romandebüt "Der Termin", 120 Seiten, ein Monolog voller Wut und Witz, Verachtung, Scham und Selbsthass. In Großbritannien und den Vereinigten Staaten, wo der Roman vor einem Jahr erschien, wurde er überschwänglich gelobt und in die Tradition von Thomas Bernhard einsortiert, in der sich Volckmer, die wie ihre Heldin ebenfalls nach London auswanderte, auch ganz wohl fühlt. Dass auch sie nun, wenn der Roman, den sie auf Englisch geschrieben hat, in der deutschen Übersetzung erscheint, gleichermaßen erwartet, in ihrem Geburtsland als Nestbeschmutzerin beschimpft zu werden, mag etwas kokett klingen. Dass sich der Roman lange schwertat, einen deutschen Verlag zu finden, zeigt aber, dass ihre Befürchtung nicht ganz unbegründet ist: Zu radikal, zu vulgär - und der Humor kaum übersetzbar, hieß es in den Absagen. Jetzt kommt das Buch im ersten Programm des neuen Kanon Verlags heraus. Und Milena Adam beweist, dass sich die Pointen sehr wohl übersetzen lassen.
Während also der Doktor, wie wir bald erfahren, seinen Kopf zwischen den Beinen der Erzählerin hat (also offensichtlich doch in einem anderen Spezialgebiet praktiziert), lädt diese ihre ganze wilde Geschichte bei ihm ab, eine verzweifelte und immer wieder wahnsinnig komische Odyssee auf der Suche nach einer kulturellen und sexuellen Identität. Oder besser der Flucht davor: In ihrem Körper, der nie den Idealen eines Mädchens entsprach, fühlt sie sich dabei genauso unwohl wie in ihrem Heimatland. Und schon als Kind, erinnert sie sich, fand sie auch den Körper ihrer Mutter abstoßend. Wenn sie mit ihr in einer Umkleidekabine stand, sah sie die "Tragödie des weiblichen Körpers in verschiedenen Entwicklungsstadien" vor sich und sehnte sich nach einer flachen Brust. Im Spielzeugladen suchte sie, ob es "irgendwo zwischen Barbiepuppen und Knete eine Abteilung gab, in der ich meinen eigenen Schwanz finden könnte". Und findet nur den Barbie-Ken mit einem Huckel zwischen den Beinen. Statt sich mit ihrem Körper abzufinden, sich "zusammenzureißen", statt "eine richtige deutsche" Lehrerin zu werden, wie es sich ihre Mutter wünscht, und "Generationen von Kindern ein für allemal die Freude an Musik und Literatur zu verderben", entscheidet sie sich für die Emigration nach England. Wo sich, wie sie voll Neid und Spott anmerkt, die Menschen zumindest vorstellen können, die Geschichte selbst in der Hand zu haben, den "Luxus einer reinen Vergangenheit".
Aber es geht ihr nicht einfach darum, ein Junge zu sein: Ihre Abneigung gegen den weiblichen Körper geht so weit, dass sie sich auch, wenn sie ein Mann wäre, nach Sex mit Männern sehnt. Entsprechend speziell verläuft ihre Affäre mit einem verheirateten Künstler, den sie als K vorstellt, welche, bevor sie scheitert, nicht nur aus einseitigem Oralsex in einer öffentlichen Toilette besteht; sondern in dem Versprechen, nicht mehr "all diese Dinge zu sein, die man als funktionierender Mensch sein muss". Die größte Befriedigung finden die beiden daher, wenn sie sich gegenseitig mit bunten Farben "ein anderes Universum auf die Körper" malen.
Es ist eine besondere Form von Queerness, die die Protagonistin empfindet, um es mal in einem jener Debattenbegriffe zu sagen, die Volckmer so souverän vermeidet wie Gendersternchen oder andere Versuche einer sprachlichen Etablierung neuer Kategorien. Lieber nennt sie die Dinge beim Wort - und zeigt auch damit, dass die Ablehnung gewaltiger Konventionen und deren absurder Auswüchse kein Ausdruck einer weinerlichen Empfindlichkeit oder gar einer Tabuisierung sind, sondern eher Akte von Radikalität und Befreiung.
Wie illusorisch allerdings die Hoffnung darauf ist, jene Identitäten einfach hinter sich zu lassen, in welche man hineingeboren wurde, macht Volckmers mutige Parallelmontage sehr anschaulich: Am Ende strebt auch die Erzählerin mit ihrem Wunsch, von einer deutschen Frau zu einem jüdischen Mann zu werden, eine Form von Vergangenheitsbewältigung an, die zwar fundamentaler, aber auch nicht weniger grotesk ist als die kosmetischen Operationen der deutschen Nachkriegsgeschichte, die sie so erbärmlich findet: das Einstudieren eines hebräisches Volkslieds im Musikunterricht als Zeichen, "dass wir nach wie vor vollkommen entnazifiziert und voller Respekt waren"; oder der Nürnberger Weihnachtsmarkt, "der nichts anderes ist als eine Fassade", die den "Mangel an Trauer verdeckt" und so tut, "als wäre es das Einzige, was je dort passiert ist, als hätten sie schon seit dem Mittelalter bloß überteuerten Holzscheiß verkauft und nie etwas anderes in ihre Öfen geschoben als Lebkuchen". Die eigene Vergangenheit, die Vergangenheit der Körper, lässt sich nicht einfach chirurgisch entfernen.
Die Sehnsucht, ihr zu entkommen, macht das nicht kleiner - und es ist die Ausweglosigkeit dieses Kampfes, die Volckmers Text eine Tragik verleiht, die hinter all den Gags und Pointen immer wieder zum Vorschein kommt und die Geschichte nie in den bloßen Klamauk abrutschen lässt. Im Gegensatz zu den Deutschen, die die Geschichte einfach weißwaschen wollen wie die Waschmaschinen ihres Vaters, des Waschmaschinenvertreters, findet sie allenfalls im Bewusstsein dessen, was sie verachtet, eine Andeutung von Glück: Beim Farbenspiel mit dem Geliebten wählt dieser Lila für sie aus, die Farbe der Trauer. HARALD STAUN.
Katharina Volckmer: "Der Termin". Aus dem Englischen von Milena Adam. Kanon Verlag Berlin, 128 Seiten
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