
Besprechung vom 30.11.2025
NEUE REISEBÜCHER
Höhlenforschung 1
Auf der Erde gibt es viele Tunnel, manche sind natürlichen Ursprungs, manche wurden vom Menschen gegraben, für Straßen, Bewässerungssysteme, kultische Zwecke, zur Flucht oder Verteidigung, zum Schmuggeln, als Vorratskammern oder Mülldeponien. Zwanzig der beeindruckendsten Tunnelbauten aus mehr als dreitausend Jahren Menschheitsgeschichte stellt der Spanier Kiko Sánchez in seinem großformatigen Band "Tunnel - Unglaubliche Bauwerke aus aller Welt" für Kinder von acht Jahren an vor.
Jedem Tunnel ist eine illustrierte Doppelseite gewidmet, mit den wichtigsten Angaben zu Bau oder Entstehung, Nutzung und Besonderheiten. Bei einigen von ihnen, etwa dem prähistorischen Tunnel im englischen Cornwall, rätselt man bis heute, wozu sie gedient haben könnten; bei anderen, wie dem Tunnelsystem der U-Bahn in Seoul, staunt man, wie diese sich über 320 Kilometer verzweigende, tief in die Erde reichende Anlage überhaupt gebaut werden konnte. Dasselbe gilt für den Spiraltunnel im norwegischen Drammen, der entstand, als man Gestein zum Straßenbau im Innern des Berges Bragernesåsen abbaute. Statt wie üblich die Sache von außen anzugehen, wurde der Berg in sechs aufwärtsführenden Spiralwindungen durchtunnelt, sodass von außen alles blieb, wie es war. Auf die Spitze des Bergs, beim Ausgang, setzte man ein Ausflugslokal, und in den Tunnelröhren installierte man ein LED-Lampensystem, das die Tageszeiten und sogar das Nordlicht imitiert. Sogar von Tunneln auf dem Mars ist bei Sánchez die Rede, nämlich den riesigen Tunnelgewölben aus erkalteter Lava, hundert- bis tausendmal größer als auf der Erde, für die bereits Wohnbauten für menschliche Marsbewohner geplant werden. Der tiefste je von Menschen gebohrte Tunnel ist übrigens ein senkrechtes Loch, 12.226 Meter tief, und zwar auf der Halbinsel Kola. Mehr als zwanzig Jahre wurde gebohrt, um die Schichten der Erdkruste zu erforschen - was horizontal keine große Sache ist, stellte die Technik in der Senkrechten vor gewaltige Probleme: abbrechende Bohrer; die Schwierigkeit, gerade nach unten zu bohren, ohne durch Gestein und Einschlüsse zur Seite gedrückt zu werden; zunehmende Hitze, denn in zwölf Kilometer Tiefe herrschen 300 Grad Celsius. BETTINA HARTZ
Kiko Sánchez: "Tunnel. Unglaubliche Bauwerke aus aller Welt". Aus dem Spanischen von Katharina Diestelmeier. Mixtvision, 48 Seiten, 22 Euro, ab 8 Jahren
Höhlenforschung 2
Der italienische Journalist und Buchautor Paolo Rumiz folgte dem Fluss Po, wanderte auf der Via Appia und zog sich auf eine Leuchtturminsel zurück. In seinem neuen Buch taucht er nun ab in das unterirdische Italien und beschreibt ein Land von Vulkanen und Erdbeben und das Leben damit.
Rumiz ist ein aufmerksamer Beobachter und guter Autor. Man erfährt, dass Erdbeben allein nicht das Verheerende sind - sondern die Korruption. Er zitiert Studien, nach denen Beben in Ländern mit Vetternwirtschaft mehr Opfer forderten: Als 1908 nach einem schweren Erdbeben japanische Experten nach Messina kamen, "stellten sie fest, dass man 98 % der Toten mit einer erdbebensicheren Bauweise hätte verhindern können". Rumiz stellt Robert Mallet vor, einen Iren, der 1858 durch Italien reiste und untersuchte, aus welchen Richtungen Erdstöße erfolgt waren. Seine Mission nannte er "Seismologie", er wurde zum Begründer der Wissenschaft. Man lernt viel über den Supervulkan der Campi Flegrei bei Neapel und über die gigantischen erloschenen Vulkane im Tyrrhenischen Meer.
Aber leider versteigt sich Rumiz immer wieder in verschwurbelte Abweichungen. Wenn es bebt und rumort, "schickt die Erde ein Zeichen". Über Alcudi, eine der Liparischen Inseln, schreibt er, sie werde zu einem Katapult, das die Besucher abschieße wie einen Asteroiden. Er zieht die Parallele zwischen Höhlen und dem Unbewussten, stellt gar die Frage, ob es Zufall sein könne, dass in Triest Psychoanalyse und Höhlenforschung zur selben Zeit entstanden sind. Er stellt die wilde These auf, die Sarden stünden als Volk mit beiden Beinen fest auf der Erde - weil es dort kaum seismische Aktivitäten gibt. Überhaupt kategorisiert er seine Landsleute, die Sizilianer sind für ihn zugleich desillusioniert und naiv, Neapolitanern schreibt er eine vesuvische Lebhaftigkeit zu. Er mokiert sich über die "Manie der Rationalität", die die Menschen in ein noch dunkleres Gefängnis einsperre als der alte religiöse Dogmatismus.
Aber immer da, wo er zurückfindet zur journalistischen Beobachtungsgabe, lernt man viel und folgt dem klugen Reiseführer gern. Und obwohl Rumiz' Heimat der Karst ist, das Hinterland von Triest, wird dieses Buch geradezu versehentlich zur Liebeserklärung an Kalabrien und Apulien. BARBARA SCHAEFER
Paolo Rumiz: "Eine Stimme aus der Tiefe. Reise durch das unterirdische Italien". Folio Verlag
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