In Alle glücklich von Kira Mohn begleitet man eine Familie, die genauso gut nebenan wohnen könnte. Der Vater arbeitet als Oberarzt, die Mutter jongliert ihren Teilzeitjob als Arzthelferin und zusätzliche Schichten an der Supermarktkasse. Der Sohn steckt mitten im Studium und die Tochter geht noch zur Schule. Eine ganz normale Familie und gerade deshalb so nahbar.
Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven der einzelnen Familienmitglieder erzählt. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild ihrer Gedankenwelt, geprägt von Sorgen, Hoffnungen und unausgesprochenen Konflikten. All dies wird greifbar und bemerkenswert authentisch. Man findet sich schnell in den Figuren wieder und erkennt eigene Gefühle oder Situationen. Beim Vater fiel mir das etwas schwerer, was ihn jedoch nicht weniger interessant macht, denn vielmehr zeigt es, wie unterschiedlich Wahrnehmung und Lebensrealität innerhalb einer Familie sein können.
Besonders die Herausforderungen der beiden Jugendlichen greifen Themen auf, die viele junge Menschen heute bewegen. Unsicherheiten, Erwartungen und das Ringen um den eigenen Platz im Leben werden sensibel und glaubwürdig dargestellt.
Ein zentrales Motiv des Romans ist die schleichende Entfremdung innerhalb der Familie. Gleichzeitig stellt die Geschichte die leise, aber wichtige Frage, ob gemeinsame Rituale (wie z. B. ein Abendessen am selben Tisch) helfen können, wieder zueinanderzufinden und echte Gespräche zu ermöglichen.
Der Roman liest sich angenehm leicht, ohne dabei an Tiefe zu verlieren. Die Sprache ist zugänglich, die Emotionen ehrlich und die Handlung entwickelt einen ruhigen Sog, der neugierig macht. Gerade weil die Figuren so lebensnah gezeichnet sind, entsteht schnell eine Verbindung. Ich habe mitgefiebert, versucht zu verstehen, gezweifelt und gemeinsam mit den Charakteren gehofft
Für mich ist Alle glücklich ein warmherziger, nachdenklicher Roman über Nähe, Missverständnisse und das fragile Gleichgewicht des Familienlebens.