Inhalt:
Als junge Frau verbringt Erica einen Sommer in Paris. Sie ist fasziniert von der Stadt und von Laure, die sie auf den Stufen vor der Sacré-Cœur kennengelernt hat. Auch Laure, die schon viele Affären mit Frauen hatte, fühlt sich von der englischen Touristin angezogen. Zusammen verbringen die beiden intensive Monate in der Stadt an der Seine, ehe es Erica für ihr Studium zurück nach England zieht. Während sich Erica ihrer Orientierung noch unsicher ist und ihr Bett in den folgenden Jahren sowohl mit Männern als auch mit Frauen teilt, droht Laure an dem Verlust ihrer ersten wahren Liebe zu zerbrechen
Meine Meinung:
Fast ein ganzes Leben erzählt die ungewöhnliche (Liebes-) Geschichte von Erica und Laure. Wir begleiten die beiden Frauen vom Tag ihres Kennenlernens durch ihre kurze Beziehung bis hin zu allen weiteren Begegnungen im Laufe ihres Lebens. Die Autorin füllt damit fast 600 Seiten, auf denen es für mich dank des Erzählstils stets kurzweilig blieb. Kiran Millwood Hargrave, die bereits mehrfach von der Sunday Times ausgezeichnet wurde, versteht es, Situationen so zu beschreiben, dass sie absolut greifbar werden. Eingestreute französische Wörter oder Sätze in der wörtlichen Rede ließen ausgewählte Szenen dabei noch authentischer wirken, wobei ich an dieser Stelle anmerken muss, dass sich deren Inhalt für mich nicht immer aus dem Zusammenhang erschlossen hat. Zeitsprünge von oft mehreren Jahren katapultieren die Leser*innen von den frühen Lebensjahren der beiden Frauen an Stellen, an denen sich ihre Lebenswege erneut kreuzen. Hier war es spannend zu erfahren, wie sich Ericas und Laures Leben in der Zwischenzeit verändert hatten und wie sie sich doch nie aus den Augen verloren. Abwechslung brachten zudem die regelmäßigen Perspektivwechsel. Auf Abschnitte aus Ericas Sichtweise folgten Laures Gedanken und umgekehrt. Dadurch lernt man beide Frauen und ihre Gefühle füreinander intensiv kennen. Der Roman ist ein ständiges Wechselspiel aus Anziehung und Ablehnung, aus dem stetigen Erinnern und Vermissen eines geliebten Menschen und dem Wissen bzw. der Entscheidung, dennoch nie mit ihm zusammen zu sein. Die Liebe der beiden Frauen füreinander konnte ich leider nur schwer nachvollziehen. Obwohl sie einige Gemeinsamkeiten teilen, schienen mir manche Unterschiede zwischen ihnen dann doch zu groß zu sein. Auch einige der Entscheidungen, die sie getroffen haben, waren für mich unverständlich, sodass ich mich nicht vollends auf die Figuren einlassen konnte.
Trotz meiner Kritik mochte ich die Geschichte, da sie eben nicht stringent in eine Richtung führte, sondern die Zweifel ihrer beiden Protagonistinnen aufzeigte und damit auch Leser*innen zum Nachdenken über all die Leben anregen kann, die man hätte leben können.