
Ein schlechtes Gewissen ist der beste Antrieb, Gutes zu tun
Helsinki, 1940/41. Für die junge Schauspielerin Molly fällt das Trauma des Krieges mit einer Krise ihrer künstlerischen Identität zusammen. Der Journalist Henry leidet unter den psychischen Folgen seines Einsatzes als Kriegsreporter und unter dem Konflikt mit der Redaktion, die seine ungeschönten Berichte nicht drucken will. Die fragile, oft dramatische Beziehung der beiden festigt sich in der Zeit des »Zwischenfriedens« - bis Finnland in den Zweiten Weltkrieg gezogen wird. Eine elegische Liebesgeschichte vor der Kulisse einer Hauptstadt im Ausnahmezustand, fesselnd und erkenntnisreich.
»Kjell Westö hat einen unverschämt guten Roman geschrieben, der direkt auf unsere Gegenwart verweist. « Kristeligt Dagblad
»'Dämmerung' ist einer der besten Romane Kjell Westös, und die Fragen, die er stellt, sind gerade jetzt in höchstem Maße relevant. « Svenska Dagbladet
»Eine berührende und erschütternde Erzählung über das, was Kriege uns zufügen, als Individuen und als Gesellschaft. « Yleisradio
Besprechung vom 04.02.2026
Ein sehr kalter Krieg
Schwertraumatisierte am besten zurück an die Front? Im Mittelpunkt von Kjell Westös Roman "Dämmerung" über den sogenannten Lapplandkrieg steht eine unwahrscheinliche Liebesgeschichte. Nun erscheint das Meisterwerk der finnlandschwedischen Literatur endlich auf Deutsch.
Vom 30. November 1939 bis zum 13. März 1940 führte die Sowjetunion Krieg gegen Finnland. Das war der bis heute sogenannte Winterkrieg, der unter anderem dazu führte, dass die Sowjetunion aus dem Völkerbund, der Vorgängerorganisation der UNO, ausgeschlossen wurde. Dieser Beschluss fußte auf der damals - wie auch heute in der Ukraine - gegen alle Reglements des Kriegsrechts verstoßenden russischen Kriegsführung unter Stalin und seinem Außenminister Molotow (die nach ihm seit dem Winterkrieg benannten Cocktails waren Brandsätze aus mit Brennstoff gefüllten Flaschen, die Finnen gegen russische Panzer einsetzten, auch um sich gegen jene Bombenhagel zu wehren, von denen Molotow damals behauptete, es würde Brot für die hungernde finnische Bevölkerung abgeschmissen). Der Krieg endete mit einem Diktatfrieden, der Finnland zwang, seine östlichen Landesteile abzugeben. Um sie wiederzugewinnen, stieg Finnland 1941 mit Deutschland in den "Fortsetzungskrieg" ein, der 1944 endete. Der sogenannte Lapplandkrieg schloss sich an, und Finnland konnte die deutschen Truppen vor dem Hintergrund der sowjetischen Großinvasion gegen Deutschland vertreiben.
Diese grauenvolle Geschichte ist die erzählte Zeit im jetzt endlich auf Deutsch vorliegenden Roman des großen finnlandschwedischen Autors Kjell Westö. Das Buch birgt eine nahezu unheimliche Kraft in unseren gegenwärtigen Zeiten, in denen Krieg nicht nur eine abstrakte Bedrohung irgendwo sonst auf der Welt darstellt. Denn von diesem konkreten Verhängnis Krieg erzählt die Geschichte, in deren Mittelpunkt ein Liebespaar steht. Molly Timm, Film- und Theaterschauspielerin, ist im Winter 1939/40 mit einem finnlandschwedischen Tourneetheater von Helsinki aus unterwegs mit der Bahn nach Schweden - das Theater soll dort auch Werbung für die finnische Sache machen. Die jahrhundertelange Kolonisation Finnlands durch Schweden mündete auch in einem gemeinsamen Hurrapatriotismus, der allerdings im Winterkrieg nicht dazu führte, dass Schweden beherzt und tapfer die finnische Kriegsführung unterstützt hätte, Schweden war halbherzig dabei, wenn überhaupt. Mollys Geliebter und Verlobter Henry Gunnars ist Journalist, geht als Kriegsreporter an die Front. Seine Reportagen von dort werden zunehmend nicht mehr gedruckt, da sie seinen Vorgesetzten nicht patriotisch genug sind.
Molly kehrt von einer langen Tournee zurück und Henry von der Front; sie versuchen, an ihre Liebe anzuschließen, unbeschadet durch das ungewöhnlich kalte Frühjahr 1940 zu kommen und die Monate Mai und Juni 1940 miteinander zu genießen, den nordischen Frühsommer zu erleben und so die materiellen und gesellschaftlichen Folgen des Diktatfriedens besser ertragen zu können. Doch das alles gelingt nicht - wir haben zwei Künstlercharaktere vor uns, die ihre je eigene Ausdrucksform lieben und versuchen, sie aufrechtzuerhalten. Und so ihre Karrieren weiterzuentwickeln. Ihre seismographisch funktionierenden Persönlichkeiten ahnen die Folgen des Diktatfriedens mit dem Fortsetzungskrieg voraus. Ihre jeweiligen sozialen Umgebungen spiegeln den Spagat zwischen Hoffnungen und Unruhe wider, zwischen der Gewissheit, dass Finnlands Bewährungsprobe noch längst nicht vorbei ist, und der Unruhe, was eine Gesellschaft unter und in Kriegszuständen zu leisten in der Lage ist.
Es gibt Sterbefälle im näheren Umfeld des Paares, und über den Tod von Mollys Mutter finden sie nach einigen Trennungsmonaten wieder zusammen. Das - ihnen eher unbewusste - seismographische Vermögen manifestiert sich auch in ihrer beider Sexualität; sie finden zwar dann und wann zusammen, aber das Zittern der Lust an nur ihnen beiden bekannten Körperstellen, so, wie es einmal war, ist verschwunden. Gegen Schluss des Romans gewinnen sie jene Lust wieder und entdecken sich wie vor dem Krieg. Zeitlich parallel dazu greift Deutschland die Sowjetunion an, und Finnland tritt in den Fortsetzungskrieg ein, was eine Generalmobilmachung im Sommer 1941 bedeutet, die Henry wieder an die Front bringt. Das Ende des Romans ist ebenso grauenhaft wie wunderbar.
Kjell Westö gelingt ein vollkommen überzeugendes Porträt einer Gesellschaft im Krieg; in großem Maße bewundernswert ist sein Vermögen, eine Vielzahl von Figuren und damit verbundenen Charakteren zusammenzuhalten und -zuführen. Beeindruckend sind die Schilderungen von Henrys Besuch in einem Armeespital, in dem schwer traumatisierte Soldaten überleben; ihnen wirft man Feigheit vor, und die Militärärzte möchten sie am liebsten an die Front zurückschicken. Etwas später trifft Henry einen ranghohen Militär, der ihm künftige Strategien erläutert. Darin spielen Kommunikation und Information eine große Rolle, wobei Henry merkt, dass das Treffen eigentlich nur seinen unbedingten Willen, patriotische Reportagen abzuliefern, austesten soll. Molly bekommt eine Kinorolle und spielt eine russische Adlige in einem Film, der um 1860 auf einem Landsitz spielt. In einem Kaufhaus wird sie später, als eine Frau sie als Schauspielerin wiedererkennt, als "Russenhure" beschimpft - "zum ersten Mal war sie glühendem Hass begegnet".
Der Roman ist absolut klug und schön übersetzt. Kristina Maidt-Zinke hat überdies dem Buch ein lesenswertes Nachwort zur Rolle des Finnlandschwedischen im zweisprachigen Finnland und ein kleines, schlaues und informatives Glossar hinzugefügt. Wo - nur ein Beispiel - ein Wort wie "Jallu" erklärt wird. Was einen Verschnitt aus billigem Kognak und Kornschnaps, die Grundlage vieler final agierender Besäufnisse in Finnland, meint. So etwas kann man nicht übersetzen, denn Chantrékorn würde auch niemand verstehen.
Wenn Krieg ist, bleibt die Wahrheit auf der Strecke - dagegen hilft nur große Literatur. Diese Einsicht könnte sich Wladimir Putin eingerahmt übers Bett hängen. STEPHAN OPITZ
Kjell Westö:
"Dämmerung".
Roman aus Kriegszeiten.
Aus dem
Finnlandschwedischen
von Kristina Maidt-Zinke.
Piper Verlag, München 2025. 528 S., geb.
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