Lara Rüter, 1990 in Hannover geboren, hat am Leipziger Literaturinstitut studiert, war Stadtschreiberin in Halle/Saale, schreibt Lyrik und Essays und nun hat Carl Hanser 'Affenliebe' veröffentlicht. Roman, Erzählung, Essay? Und was ist das für ein Titel? Worum geht es, tatsächlich um Affen? Oder eher um diese erdrückende Spielart der Liebe, überbehütend, übertrieben zärtlich, grenzenlos?
Lara Rüter hat fünf Jahre lang in einem Primatenforschungsinstitut gearbeitet und Verhaltensstudien mit Menschenaffen durchgeführt. Auch ihre Ich-Erzählerin ist Lyrikerin und arbeitet im Pongoland, einer der modernsten Affenanlagen Europas plus Forschungszentrum im Leipziger Zoo. Sie erforscht das Verhalten der Schimpansen und Gorillas, beobachtet, recherchiert, reflektiert. Wir schauen ihr über die Schulter und tauchen ein in diese Welt, die bestimmt ist vom ruhigen Alltag der Tiere. Die Erzählerin treibt auf diesem Alltag, mit dem Beobachten durchwandert sie Erinnerungen und intensives Denken und hat gleichzeitig das ganze Wissen der Menschheit im Gepäck. Natürlich steht das Nachdenken über Mensch-Tier, und besonders Mensch-Affe, in einer langen Tradition, und so dürfen sowohl Jane Goddall und Diane Fossey als auch Plinius und Kafka (und viele andere) nicht fehlen. Was Rüters Text besonders macht, ist dieser Grundsatz: 'Vertraue nie einem Affen. Berühre ihn nie, auch nicht, wenn er dein Freund ist.' Die Sehnsucht nach dieser Berührung, dem Verschmelzen mit dem Kreatürlichen, Animalischen, Natürlichen, und die selbst auferlegte Distanz tragen als Grundwiderspruch durch den Text, der letztlich die Frage behandelt, was es bedeutet, Mensch zu sein.
Es ist kein einfacher Text; das fragmentarische Schreiben - die Beobachtungen, das biografische Erinnern, das Zitieren von Philosophie und Literatur, die Bezugnahme auf die Historie der Primatenforschung - verlangt uns Lesenden einiges ab. Wer sich darauf einlässt, wird belohnt: mit einem stilistisch vielfältigen, sinnlichen, poetischen Leseerlebnis.