Absolut lesenswert! Klar, verständlich, eindringlich und wunderbar recherchiert. Aber Vorsicht: Es macht richtig wütend!
Muse, Sekretärin, Ehefrau - es gibt viele Bezeichnungen für Frauen, deren Einfluss aus der Geschichte radiert wurde. Leonie Schöler stellt in ihrem Bestseller unser Bild der vergangenen 200 Jahre grundlegend infrage und spürt den Machthierarchien und institutionellen Strukturen nach, die Frauen in der Wissenschaft, Kunst, Literatur, Politik und in vielen anderen Bereichen unsichtbar machten und machen. Sie zeichnet eine Vielzahl von Biografien nach und erweitert so unser Bewusstsein für die komplexen Identitäten und Erfahrungen von Frauen, die bisher gar nicht oder kaum in öffentlicher Erinnerung geblieben sind. Schöler würdigt das Schaffen und Wirken dieser vergessenen Heldinnen und macht sie so (wieder) für uns als Handelnde in der Geschichte wahrnehmbar. Beklaute Frauen liefert ein wichtiges Gegenstück zum noch immer dominanten Narrativ der "großen weißen Männer" und zeigt die Gefahren auf, die die Reproduktion von antifeministischen Sichtweisen und fehlende Repräsentation auch heute noch mit sich bringen. Vor allem aber ist es als eine augenöffnende Ermutigung zu verstehen, die unzählige starke Vorgängerinnen und Identifikationsfiguren bereithält, die jede und jeder von uns sich zum Vorbild nehmen sollte.Dieses Buch hat mich wirklich von der ersten Seiten an absolut gefesselt. Der leicht verständliche und mitreißende Schreibstil und die unglaublich tolle Recherche haben mich hier wirklich nur so durch die Seiten fliegen lassen.Allerdings wurde ich auch von Seite zu Seite, von Kapitel zu Kapitel und mit jedem neuen Namen wütender.Wer weiß, wie viele Frauen komplett aus der Geschichte gelöscht wurden?Selbst die Geschichten, die mir schon mehr oder weniger bekannt waren (wie die von Rosalind Franklin oder über die Hintergründe der Werke bekannter Männer wie Brecht oder über den - freundlich ausgedrückt - Unsympathen Picasso), haben nur dazu beigetragen, dass mein Unmut und vor allem meine Wut angewachsen sind.Wut auf einzelne Personen, die sich hier ganz klar an verschiedensten Frauen bereichert haben, sie übergangen oder ganz absichtlich sie und ihre (Mit-)Arbeit klein gehalten haben - auch innerhalb historischer Einordnungen -, aber eben auch Wut auf dieses System und die Strukturen, die all das zugelassen und begünstigt haben und woran sich immer noch viel zu wenig geändert hat - mal ganz abgesehen davon, dass es aktuell ja auch so einige Bemühungen gibt, die bisherigen Errungenschaften rund um alle Diversitäts- und Gleichstellungsbemühungen wieder zurückzufahren. Ein Kapitel hat mich allerdings ganz besonders getroffen, nämlich Kapitel 5: "Widerstand".Dort werden kämpfende Frauen (z.B. im zweiten Weltkrieg) vorgestellt und die Art und Weise wie mit diesen Frauen umgegangen wurde, ist nicht gerade leichte Kost. Umso wichtiger also, dass auch diese Geschichten erzählt werden!Fazit: Absolut lesenswert! Klar, verständlich, eindringlich und wunderbar recherchiert. Aber Vorsicht: Es macht richtig wütend!Aber vielleicht sind wir alle auch noch nicht wütend genug.