Die Autorin dieses autobiografischen Romans wurde 1910 in Freiburg im Breisgau geboren. Nur durch Zufall fand ich dieses Buch, von Lotte Paepcke hatte ich noch nie etwas gehört oder gar gelesen. Umso eindrücklicher war die Lektüre dieses schmalen Büchleins, das jetzt bereits zum dritten Mal neu aufgelegt wurde. Der 8 grad verlag macht sich in meinen Augen sehr verdient um dieses Buch, das 1952, noch unter dem fast unmittelbaren Eindruck des Untergangs des Dritten Reichs, der (noch unvollständigen) Erkenntnisse über den Holocaust und eines Versuchs der Wiedergutmachung stand.
Lotte Paepcke war Jüdin, aus gutem Hause, mit hoher Bildung, nach ihrem Jurastudium 1933 mit einem nicht mehr nutzbaren Staatsexamen in der Tasche. Noch vor 1935, als die Nürnberger Gesetze den Juden eine Ehe mit einem Deutschen verwehren, heiratet sie den Geisteswissenschaftler Ernst Paepcke. Eine sogenannte privilegierte Mischehe entsteht, denn sie bekommen einen Sohn, Peter. Dieser ist nach nationalsozialistischem Sprachgebrauch ein Mischling ersten Grades. Für mich sind diese Termini nichts Neues, der Vater meiner Mutter war Jude. Auch sie erlebte ihre gesamte Schulzeit, Kindheit und Jugend von der Einschulung 1933 bis zur Befreiung 1945 unter Repressalien, ihre arische Mutter beschützte sie so gut es ging. Am Ende ihres Lebens wird sie ähnliche Worte wie die Autorin finden für das Leben danach: »Es wurde nicht wieder gut« (Zitat, Nachwort, S. 117).
Der Roman schildert auf teilweise sehr poetische Weise das Leben der Lotte Paepcke unter dem Hakenkreuz, als heutiger Leser muss man sich erst an den Schreibstil gewöhnen, der viel Gefühl, viele bildhafte Beschreibungen und philosophische Betrachtungen und Zitate enthält. Aber je länger ich las, umso mehr fühlte ich mich in die Autorin ein, immer wieder dabei an meine Mutter, meinen ermordeten Großvater, die vielen Holocaustopfer unter meinen Verwandten denkend.
Zuerst zieht sie mit ihrem Mann vom Rheinland nach Leipzig, ein Unterschied der Mentalitäten, der nicht größer sein könnte. Dort sind beide bedacht darauf, ihre jüdische Identität zu verschleiern und zu verheimlichen, erst als sie eine Meldeadresse nachweisen können, holen sie auch den kleinen Peter, der da schon in die dritte Klasse geht, zu sich. In der Volksschule ist er nur gelitten, eine höhere Bildung wird ihm während der Nazizeit verwehrt sein, so wie es auch meiner Mutter widerfuhr. Peter wird dann aber doch wieder in die Obhut anderer kommen, weil seine Mutter schwer erkrankt. Ihr Ehemann, der immer zu ihr hält, bringt sie nach Freiburg, wo sie sich halblegal aufhält, aber zumindest der Sohn ist bei ihr. Ein Krankenhausaufenthalt endet nach einem Bombenangriff der Alliierten im Chaos, gerettet wird sie durch die wundersame Aufnahme in ein Kloster, in dem auch Peter im Kinderheim leben kann. Diese Klosterzeit bringt ihr nicht nur Erholung, sie erfährt auch Güte und Herzlichkeit, aber kaum einer weiß, dass sie Jüdin ist.
Dass das Leben einer Jüdin in einer Mischehe auch ganz anders enden kann, das erzählt sie am Beispiel ihrer Cousine und Freundin Lilli. Trotzdem sie mit einem Arier verheiratet war und sie gemeinsam fünf Kinder hatten, ließ ihr Mann sich scheiden. Das bedeutete für Lilli den sicheren Tod. Das gleiche Schicksal wird ihre Großmutter erleiden, die sie vor ihrem Abtransport in die Gaskammern nicht noch einmal sehen kann. Diese irreale Schuld, ihre Vorfahrin im Stich gelassen zu haben in jener Zeit, wird sie nie verlieren.
Unabhängig von den persönlichen Umständen, die die Autorin so einprägsam schildert, beschreibt sie auch die Umgebung, die äußeren Umstände, die sie erlebt. Interessant sind die Schilderungen über den Leipziger Brühl, das Pelzhändler- und Kürschnerviertel, das vor 1933 hauptsächlich jüdischen Kaufleute und Kürschner beherbergte. Auch die Zwangsarbeit, die die Autorin leisten muss, wird durch Bombenangriffe nachhaltig verändert. Zuerst ist es eine abgeschlossene Abteilung für jüdische Frauen aus Mischehen, nach den Bombenangriffen besteht die Arbeit aus sinnlosem Aufhäufen von Schuttbergen. Da wirkt ihre spätere Arbeit in der Klostergärtnerei beinahe erfreulich.
Das Nachwort der Autorin (aus dem Jahr 1979) lässt nur einen Schluss zu, vieles würde sie noch heute genauso schreiben. Und sie würde mit dem Wissen um den heutigen Antisemitismus, der besonders nach dem Hamas-Massaker vom 23. Oktober 2023 wieder sehr deutlich und laut auftritt, wahrscheinlich große Angst bekommen vor der Zukunft. Auch ihre Nachkommen melden sich zu Wort, erinnern mit Stolz an ihre Mutter und Großmutter. Dass sie explizit erwähnen müssen, dass der Text nicht nach heutigen Maßstäben lektoriert oder verändert wurde, sondern im Original erhalten bleibt, das scheint dem Zeitgeist geschuldet. Für mich ist das Buch genau richtig, auch wenn es an manchen Stellen etwas pathetisch und langatmig geschrieben ist, fand ich doch auch Stellen, die fast wie eigenständige Lyrik klingen: Aber die Schritte zum Berg waren sie nicht noch immer die meinen? Sie hatten mich nicht verlassen: denn aus ihnen wurde der Weg. Die Gedanken und Träume, die ich getragen hatte durch die Straßen meiner Stadt: Sie waren nicht zurückgeblieben zwischen den engen Mauern. Sie hatten sich erhoben und gewölbt zum Raum, so groß wie die Welt, durch die zu gehen mein Schicksal war. (Zitat, S. 82)
Fazit: Dieses Buch reiht sich ein in die großen Werke der Holocaust-Literatur. Ich empfehle es aus ganzem Herzen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.