Stark inszeniert, aber strukturell zerfasert: beeindruckende Momente, doch ohne klare Richtung und erzählerische Disziplin.
Manchmal sind es gerade die laut bejubelten Romane, bei denen sich beim Lesen ein leiser Widerstand regt. The Sword of Kaigen von M.L. Wang ist ein solches Buch. Umgeben von einem fast einhelligen Chor der Begeisterung, entfaltet es auf den ersten Blick all jene Qualitäten, die große Fantasy verspricht, nur um sich im weiteren Verlauf zunehmend in Widersprüche zu verstricken, die man nicht ignorieren kann.Wang entwirft eine Welt, die auf den ersten Blick fasziniert: ein eigenwilliges Amalgam aus pseudo-japanischer Tradition, moderner Technologie und elementarer Magie. Menschen schleudern Eis und Wind, während andernorts Satelliten kreisen, eine ästhetische Spannung, die durchaus ihren Reiz entfalten könnte. Auch sprachlich zeigt die Autorin immer wieder, dass sie Atmosphäre erzeugen kann, dass sie Räume und Emotionen mit sensorischer Präzision auflädt. Wenn dieses Buch funktioniert, dann in Momenten konzentrierter Intensität, insbesondere in den großen Kampfszenen, die vor Einfallsreichtum und kinetischer Wucht beinahe überquellen.Doch genau hier beginnt das Problem: Diese Szenen sind nicht nur Höhepunkte, sie sind Überdehnungen. Was als dramatischer Kern gedacht ist, wächst sich zu epischer Selbstverliebtheit aus. Kämpfe dauern nicht Seiten, sondern Kapitel. Und während Schwerter aufeinandertreffen, verliert die Erzählung zunehmend das Gespür für Rhythmus. Das Resultat ist paradox: Ein Roman, der von spektakulären Ereignissen lebt und sich dennoch über weite Strecken unerquicklich zäh anfühlt.Im Zentrum steht Misaki Matsuda, eine Figur, die offensichtlich als emotionales Rückgrat konzipiert ist. Eine Mutter, gefangen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen unterdrückter Identität und familiärer Pflicht. Das ist, auf dem Papier, ein vielversprechender Ansatz. Doch die Umsetzung schwankt. Misaki oszilliert zwischen Stärke und Apathie, zwischen Fürsorge und Distanz, ohne dass diese Widersprüche überzeugend ineinandergreifen. Ihre Entwicklung wirkt weniger wie ein organischer Prozess als wie eine Abfolge von Zuständen, die je nach dramaturgischem Bedarf aktiviert werden.Hinzu kommt eine thematische Unentschlossenheit, die sich durch den gesamten Roman zieht. Ist dies eine Geschichte über familiäre Entfremdung? Über staatliche Propaganda? Über weibliche Selbstermächtigung in einem patriarchalen System? Oder doch ein Kriegsdrama? Wang scheint all diese Fragen gleichzeitig stellen zu wollen und beantwortet keine davon mit der nötigen Konsequenz. Der vielbeschworene Krieg etwa entpuppt sich eher als episodisches Ereignis denn als strukturierendes Element. Er kommt spät, explodiert kurz und verpufft dann in einem Nachklang, der sich über Hunderte Seiten zieht, ohne echte narrative Notwendigkeit zu entwickeln.Auch strukturell wirkt der Roman erstaunlich unfokussiert. Perspektivwechsel unterbrechen mehr, als dass sie vertiefen. Spät eingeführte Handlungsstränge wirken wie nachträgliche Erweiterungen eines bereits abgeschlossenen Textes. Was als in sich geschlossenes Werk verkauft wird, hinterlässt den Eindruck eines Fragments, eines Auftakts, der nie entschieden hat, ob er tatsächlich beginnen will.Und doch wäre es zu einfach, The Sword of Kaigen als bloß gescheitert abzutun. Dafür ist das handwerkliche Können zu offensichtlich. Die Welt besitzt Kontur, die Figuren zumindest in Ansätzen Tiefe und in den besten Momenten blitzt eine erzählerische Kraft auf, die erahnen lässt, was dieses Buch hätte sein können: ein intensives, vielschichtiges Familiendrama vor dem Hintergrund einer erschütterten Weltordnung.So bleibt am Ende ein seltsam zwiespältiger Eindruck. Ein Roman, der gleichzeitig zu viel will und zu wenig erreicht. Der mit großem Gestus antritt, aber im entscheidenden Moment die Kontrolle über sich selbst verliert. Man legt ihn aus der Hand mit dem Gefühl, etwas Bedeutendes gelesen zu haben und zugleich mit der leisen Irritation, dass dieses Bedeutende nie ganz greifbar wurde.