Frieke hat es gerade nicht leicht Ihre Eltern haben sich getrennt und sie muss aus der gewohnten Umgebung in eine neue Wohnung ziehen. Ihre Schwester Henri und ihre Mama scheinen damit gut klar zu kommen, doch für Frieke hat der Vater einen Verrat begangen, den sie einfach nicht verzeihen kann. Doch bald schon ziehen Zeichnungen, die sie in ihrem Zimmer an der Wand finden Friekes Aufmerksamkeit auf sich, denn wenn Frieke sie berührt, kann sie in die Vergangenheit reisen. Dort lernt sie Ilsabeth, die Urheberin der Bilder kennen, die vor etwa 100 Jahren gelebt hat. Bei ihrer neuen Freundin findet sie den Familienzusammenhalt, den sie in ihrer Zeit vermisst. Doch mit der Zeit hört sie auch Dinge, die sie schmerzlich daran erinnern, dass die 1930er nicht nur Positives hervorgebracht haben und die Nachwirkungen noch heute zu spüren sind.
Mich hat sowohl das Zeitreisethema, als auch Friekes Umgang mit der Vergangenheit interessiert, doch es dauert etwas, bis das Buch sich diesen Themen zuwendet. Anfangs hat mich das verwundert, doch nun weiß ich, dass die Autorin auf diese Weise einen tollen Bogen in dieser Geschichte schlägt. Frieke lernt man als äußerst frustriertes, wütendes aber auch trauriges Mädchen kennen, das den Verrat ihres Vaters an sich selbst, aber auch an ihrer Mama nicht verwinden kann. Er hat einen neuen Partner und niemand außer ihr scheint sich daran zu stören. So bricht sie den Kontakt zu ihm größtenteils ab, leidet jedoch sehr. Diese ganzen Gefühle transportiert die Erzählweise der Autorin sehr gut. Man kann Friekes Schmerz spüren und nachvollziehen. Da kommt die Möglichkeit, dem in die Vergangenheit zu entfliehen gerade recht.
Was zunächst wie eine schöne Abwechslung wirkt, wird bald kompliziert, denn obwohl Ilsabeths Familie sie immer gern begrüßt, schleichen sich immer mehr judenfeindliche Aussagen in die Gespräche ein und damit ist Frieke, die weiß, was passieren wird, natürlich alles andere als einverstanden. Doch sie will auch ihre einzige Freundin nicht verlieren. Wie Maja Ilisch mit dieser Zwickmühle spielt, hat mich etwas an die Entwicklungen in "Die Welle" erinnert. Auch hier kommt am Ende ein abrupter Bruch, denn was einmal war, hat leider das Denken mancher Menschen immer noch nicht verändert. Für Leser*innen ab 10 Jahren kann diese Entwicklung ganz schön aufrüttelnd sein. Doch meiner Meinung nach, sollte die Erkenntnis besser früher als später stattfinden. Gerade in der heutigen Zeit, wo es wieder "schick" wird, Minderheiten als Sündenböcke zu benutzen und Gruppierungen auszugrenzen, die nicht ins eigenen Weltbild passen, ist das wichtiger denn je. Gerade, dass das Buch queere Menschen mit in den Fokus stellt, hat mich sehr angesprochen. Ein interessantes Buch, das Familienprobleme und die nationalsozialistische Vergangenheit und Gegenwart zu einer lesenswerten Geschichte vereint.