
Besprechung vom 31.08.2024
Leise surrt die Plastikkarte im Schloss
Ein Ort, an dem eben manches passiert: Marion Löhndorfs Essay über das Leben im Hotel
Keanu Reeves, Giuseppe Verdi, Oscar Wilde, Vladimir Nabokov, Benjamin von Stuckrad-Barre und Coco Chanel hatten oder haben sie: eine Vorliebe für das Hotel als Wohnort. Coco Chanel etwa lebte dreißig Jahre im Pariser Ritz. Das Hotel profitierte erheblich von dem Aufenthalt der Modeschöpferin, ebenso wie diese selbst: "Mit dem Beginn ihres Hoteldaseins markierte Chanel auch den Anfang ihres Aufstiegs", so Marion Löhndorf in ihrem Essay "Leben im Hotel".
Löhndorf wendet sich in ihrem Buch nicht nur den Langzeitgästen von Hotels zu, vielmehr interessiert sie das Hotel als solches. Das beginnt bei phänomenologischen Betrachtungen der Hotelbenutzung: "Das leise Surren beim Berühren des Plastikkartenschlosses wird zum Sesam-Öffne-Dich kurz vor dem Überraschungsmoment." Ein Teil dieser Überraschung sei das Größenverhältnis von Bettfläche zu Zimmergröße. Weiter geht es zu einer Darstellung des Hotels als Ort, an dem Geschichte gemacht wurde. Neben dem Watergate-Hotel, in dem das Ende der Präsidentschaft von Richard Nixon besiegelt wurde, war etwa das American Colony Hotel in Ostjerusalem lange Zeit ein Treffpunkt, an dem verfeindete Konfliktparteien in der Region zusammenkamen und wichtige Friedensverhandlungen angestoßen wurden. Lawrence von Arabien und Tony Blair logierten hier, zahlreiche Journalisten natürlich auch.
Der Autorin entgeht auch nicht, dass sich die öffentliche Aufmerksamkeit, befeuert von der Boulevardpresse, manchmal auf einzelne Hotels richtete. Als John Lennon und Yoko Ono nach ihrer Hochzeit tagelang auf einem Bett im Hilton Amsterdam Interviews über den Weltfrieden abhielten, war das eine exzellente Vermarktung. Und als Martin Luther King auf dem Balkon des Lorraine Motel 1968 erschossen wurde, entstand aus der Unterkunft samt Wasserglas, Kaffeetasse und Aschenbecher auf dem Nachttisch ein Museum.
Löhndorf widmet dem Tod im Hotel über diesen Mord hinaus viel Platz. Janis Joplin, Jimi Hendrix und Whitney Houston, aber auch Uwe Barschel starben unter teils ungeklärten Umständen in Hotels. Jahre nach dem Tod Barschels im Schweizer Beau Rivage habe der damalige Hoteldirektor zu Protokoll gegeben: "Ich habe immer wieder Tote aus der Badewanne oder aus dem Bett geholt. In einem Hotel spielen sich eben auch Dramen ab."
Eine Klassifizierung von Hoteltypen lässt sich die Autorin nicht entgehen. Das Chateau Marmont in Hollywood oder das Chelsea in New York fallen bei ihr unter die Kategorie "auratische Milieuhotels". Worunter Häuser zählen, die eine Geschichte generiert haben, die sich als Legende fortschreibe. Jeder Gast könne sich als Teil einer damit geschaffenen Erzählung fühlen. Im Fall des Chelsea ist eine eher spärlich eingerichtete Unterkunft legendär geworden, in der Größen wie Dylan Thomas, Bob Dylan, Mark Twain oder Jackson Pollock abstiegen. Spätestens mit Leonard Cohens "Chelsea Hotel" erreichte es Legendenstatus.
So reiht Marion Löhndorf Geschichten und Beobachtungen aneinander, reichlich versehen mit popkulturellen Bezügen. Pointiert geschrieben, lädt ihr Essay dazu ein, den "Möglichkeitsraum" Hotel in den Blick zu bekommen. HENDRIK BUCHHOLZ
Marion Löhndorf: "Leben im Hotel".
zu Klampen Verlag, Springe 2024.
104 S., geb.
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