
«Eine Familien- und Leidensgeschichte, eine deutsch-polnische Coming-of-Age-Story, in der er die Jahre der Pflege verarbeitet und die Mutter verewigt hat.» Der Spiegel
Marcin wächst auf in prekären Verhältnissen: Seine Mutter floh in den 1980ern aus Polen nach Deutschland, um ihn, ihr zweites Kind, hier großzuziehen. Sie arbeitet hart als Altenpflegerin, sie trinkt zu viel, und irgendwann sieht sie in ihrem Sohn nur noch den Antagonisten. Währenddessen versucht Marcin, mit Videospielen, Nu Metal und Gedichten herauszufinden, wer er ist und hier in Deutschland sein kann. _ In dieser Spannung leben die beiden mit- und gegeneinander.
Erst spät im Leben - die alternde Mutter ist schwer krank, und Marcin pflegt sie - offenbart sich die Familiengeschichte in Gänze: eine Lebenserzählung zwischen Anekdote und Abgrund. Der Krieg ist nicht vorbei. Kein Krieg ist je vorbei. _
2023 fand Martin Piekar mit einem Auszug aus diesem Roman beim Bachmann-Preis in Klagenfurt begeistertes Echo; er wurde mit dem Robert-Gernhardt-Preis 2024 ausgezeichnet und war 2025 für den Alfred-Döblin-Preis nominiert.
Nominiert für den Harbour Front Debütpreis 2026 (Shortlist)
Besprechung vom 31.05.2026
Mutter, Sohn und Dojczland
In seinem Prosadebüt seziert der Frankfurter Lyriker Martin Piekar eine migrantische Familiengeschichte. Das tut weh, ist sprachlich anspruchsvoll und jede Seite wert.
Alles in diesem Roman kostet Kraft. Die Mutter versorgt Menschen im Altenheim, bis sie nicht mehr kann. Der Sohn schleppt den Wocheneinkauf heim, auch wenn die Tüten reißen, auch wenn alles so viel leichter wäre ohne die Weinkartons und Wodkaflaschen, die die Mutter zunächst nur nach Feierabend, dann rund um die Uhr in sich hineinschüttet. "Raz, dwa, trzy", zählt er auf Polnisch an, bevor er ihren massiven Körper anhebt, als sie nicht mehr gehen kann. Und das ist nur der Ballast der Lebenden. Was tun mit all den Toten? "Man lässt sie tot sein und trägt sie mit sich rum." Dass Familie ein Knochenjob ist, darauf verweist schon das Gewicht des Buches. Über 450 Seiten nimmt sich Martin Piekar, um eine Mutter-Sohn-Geschichte zwischen Sucht und Pflege zu erzählen.
Dass Verlage so umfangreiche Debüts veröffentlichen, ist ungewöhnlich. Doch Piekar ist bereits renommierter Lyriker, Auszüge aus dem Roman wurde schon vor Erscheinen mit Preisen bedacht. Etwa bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt, bei denen die Autorinnen und Autoren ihren Text live vortragen. Piekar las passioniert, zitierte Songs, plötzlich schrie er. Stille. Dann las er weiter. Ähnlich fühlt sich "Vom Fällen eines Stammbaums" an: soghaft, nah. Etwas Schreckliches passiert, doch der Alltag muss weitergehen, irgendjemand muss die Verantwortung tragen, die Discounterware und die Toten. Meist ist es Marcin.
Es ist die polnische Variante des Namens Martin. Auch sonst drängen sich autobiographische Parallelen auf. Auf Instagram teilt Piekar Bilder der Grabsteine von Mutter, Vater, Großmutter. Die Namen stimmen mit denen im Roman überein. Der fiktionale wie auch der echte Urgroßvater waren Bahnhofsvorsteher im ostpolnischen Bialystok. Sowohl der Protagonist als auch Piekar pflegten Angehörige.
Der Text erzählt fast zwanzig Jahre aus dem Leben der Familie: angefangen mit Marcins Jugend und Reginas Berufsleben über Krankheit und Studium bis hin zu ihrem Verfall und seinem Klassenaufstieg. Erzählungen von Nazi-Vätern, rehabilitierten Großmüttern und zurückgelassenen Söhnen durchziehen den Roman. Regina ist Polin und wurde in russischer Kriegsgefangenschaft geboren, im Gulag. Martin ist Pole und kam in Hessen zur Welt. Erst mit Mitte zwanzig erhält er seine deutsche Staatsbürgerschaft, erst mit Mitte zwanzig reist er zum ersten Mal nach Polen. Das Land, in das sein Vater nach der Wende zurückkehrte und das seine Mutter hasst.
Blickt Regina in ihre Vergangenheit, sieht sie Krieg, Autoritarismus, Überwachung, Gewalt. Tiefe Wunden, die sie und ihre Verwandten seit jeher mit Alkohol verarzten. Kaum ein Kapitel gibt es, in dem sich niemand bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt. Dass Polen längst kein grauer, postsowjetischer Moloch ist, dass Wirtschaft und Tourismus boomen, will Regina nicht sehen. "Dojczland" hat ihre Diplome zwar nicht anerkannt, aber ihr ihren Sohn gegeben. Ihre Heimat will sie von sich streifen, dem Kind bringt sie die Sprache nicht bei.
Trotzdem steckt sie in jedem ihrer Sätze. Piekar lässt seine Protagonistin ausführlich zu Wort kommen, transkribiert kompromisslos ihr deutsch-polnisches Mischmasch, inklusive aller Fehler. In Reginas Passagen verschwinden Umlaute und Artikel, die Grammatik beider Sprachen kollidiert. Sie sagt: "Die polnische Erztin denke, ich bin dumm", oder "Nachts fahre doch keine Ziege", also Züge. Das führt zu einem Machtgefälle zwischen dem eloquenten Sohn und der um Worte ringenden Mutter. Manchmal wird es komisch: Es dauert eine Weile, bis Marcin versteht, dass die "Schicki Venson" auf dem Einkaufszettel eigentlich "Chicken Nuggets" heißen sollen.
Wer mit dem Sound nicht vertraut ist, den mag diese stilistische Entscheidung anstrengen. Wer selbst zu Deutschlands zweitgrößter Migrantengruppe gehört, liest die eigenen Familien heraus. Und ist beeindruckt von Piekars Sprachgefühl, denn so klingen sie wirklich.
Der Autor ist nicht der erste, der sich dem Gefühl der Desorientierung zwischen Fremde und Heimat, Zisch- und Umlauten, Assimilation und Kulturverlust literarisch nähert. Emilia Smechowski erzählt journalistisch und in Sachbüchern davon, Oliwia Hälterlein erschreibt sich die Frauen in der Migration mit polnisch-poetischen Versatzstücken. Doch so griffig wie Piekar sagt es niemand: "Das Gefühl nenne ich Bastard." Keine Beleidigung, eher eine Anerkennung von Uneindeutigkeit. Trotzdem bleibt es ein hartes Wort, passend für dieses harte Buch.
Die Familie teilt sich eine Zweizimmerwohnung bei Frankfurt. Sie beziehen Hartz IV, Marcins Leibspeise sind 39-Cent-Spaghetti. In einem Zimmer schaut die Mutter Gerichtsshows und diskutiert mit der Wand. Im anderen Zimmer wird das Kind zum Goth, entdeckt Metal und Literatur, zockt und dichtet. Dazwischen der Flur, der Bastard unter den Räumen, der die Geräusche aus beiden Zimmern vereint. Das Zuhause ist der unangenehme Mittelpunkt des Romans: zu klein, um Ruhe zu finden; zu groß, um die Handlungen der schwer depressiven Suchtkranken zu überwachen. Die Türen bleiben immer geöffnet. Erst weil die Mutter es immer so macht. Dann weil der Sohn Sorge hat, einen Unfall zu verpassen.
Marcin sieht nicht nur alt genug aus, um seiner Mutter als Jugendlicher Zigaretten zu kaufen, er verhält sich auch so. Etwa wenn er die Handgelenke der Mutter verbindet, die sich an einem kaputten Aschenbecher geschnitten hat. Oder wenn er Behördenformulare ausfüllt, weil das Krankengeld ausläuft. Man rechnet mit dem Bruch, wünscht ihm Distanz oder ein gesundes Familienmitglied, das sich seiner annimmt. Doch Marcin bleibt. Egal, wie oft seine Mutter ihn anschreit oder vom Sterben phantasiert. Dann sagt er bloß: "Mama, red doch bitte nicht über deinen Tod; du wirst ihn eh nicht erleben."
Dass der Sohn trotz allem zu einer empathischen, gefestigten Persönlichkeit wird, verdankt er seinen Freundschaften. Sie feiern Feste, unterstützen bei der Pflege und rauchen in der wohl schönsten Szene mit Regina ihre letzte Zigarette. Wegen dieser Menschen ist Familie mehr als ein kümmerlicher Stammbaum, sie ist ein ganzer Wald. Außerdem stürzt Marcin sich in die Kunst. Da ist die Lyrik von der Romantik bis zur Gegenwart, immer läuft Musik. Gewidmet ist der Roman nicht nur der Mutter, sondern auch dem ehemaligen, durch Suizid verstorbenen Frontmann der Band Linkin Park, Chester Bennington.
Dem Roman ist eine Playlist angehängt, auf fast jeder Seite stehen kursiv gesetzte Zitate aus Liedtexten. An manchen Stellen erweitern sie den Text. Oft aber erscheinen sie überflüssig. Etwa dann, wenn Marcin eindringlich vom Pfandflaschensammeln erzählt, von Ekel, Scham und Angst. Die eingebauten Songtexte der Band Oomph! ergänzen leider nichts: "Ich hab Angst vor dir / Ich bin du / Ich hab Angst vor mir."
Solche Vereindeutigungen braucht der Text nicht, er wird stark durch seine eigenen Ambivalenzen. Reginas Figur ist das beste Beispiel: Die Mutter "als Fluchttier und Saufende darzustellen, wäre zu simpel." Sie ist studierte Mathematiklehrerin, schrieb selbst Gedichte, hat eine scharfe Zunge und das Herz am rechten Fleck. Als sie sieht, dass Marcins Freund von dessen Vater fast getreten wird, greift sie ein. Bei der Lesung ihres Sohnes ist sie eine Charismatikerin auf Wodka-Kirsch.
Reginas Vielschichtigkeit macht Marcins Entscheidung, an der Seite der Mutter zu bleiben, nachvollziehbarer. Doch gesamtgesellschaftlich wird die Geschichte dadurch tragischer. Denn dass eine so gut ausgebildete Frau sich erst kaputt schuftet und dann in Armut und Krankheit versinkt, ist auch politisches Versagen: "Wer auf der Flucht nach Deutschland kommt, läuft in die Geflüchtetenfalle: Pflegeberuf. Wir bauen darauf, dass jemand darauf angewiesen ist, Menschen zu pflegen, die darauf angewiesen sind."
Letztlich ist die wichtigste Spannung des Romans die zwischen dem Kleinen und dem Großen: Auf vielen Seiten wird die kleinstmögliche Familie seziert. Ein Zweiergespann, in dessen beengter Wohnung die Gewalt eines ganzen Jahrhunderts haust. Da sitzt sie, zwischen dem Pflegebett, dem Toilettenstuhl und dem großen literarischen Denkmal, das ein Bastard seiner Mutter errichtet hat.
SUSANNE ROMANOWSKI
Martin Piekar, "Vom Fällen eines Stammbaums". Roman. Rowohlt Hundert Augen, 464 Seiten
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